[DEMENTIA 01]: Eine Abrechnung

Der Flur sieht sauber aus und ist menschenleer. Ich denke, außer uns sind vielleicht zwei Personen anwesend. Ein Mantel hängt in der Gardarobe. Warum ich dann an zwei Menschen denke? Weil man hierher nicht alleine kommt. Nie. Keine Besucher, etliches Personal, das den Korridor auf und ab wandert, um mal hinter dieser, dann hinter jener Türe zu verschwinden. Trotz der realtiven Ruhe hat es einen Monat gedauert, diesen Termin zu bekommen, eine Zeit, in der sich die Dinge zum schlechteren geändert haben. Nun, angesichts dessen, dass man bis zu vier Stunden für einen Termin ins Kalkül ziehen muss, scheint es schon richtig, so wenige Menschen zu sehen. Es wird in diesem Fall 2.5 Stunden brauchen.

Eigenes Foto: GPZ-Wien, invertiertMeine Mutter war schon immer ein unkooperativer Mensch. Sie hat es nie einfach gemacht, mit ihr umzugehen, eher im Gegenteil. Letzten Endes muss ich ihr die Schuld am Zerbrechen der Familie geben. Mein Vater musste quasi in die Scheidung flüchten, um seine Seele zu retten. Es hat Jahre gedauert, das zu verstehen, ich war damals zu jung dafür. Jahre, in denen meine Mutter versucht hat, ihre Kinder gegen den Vater einzustimmen.

Bei meinem Bruder ist ihr der Schaden gelungen – er hat den Kontakt zur gesamten Familie abgebrochen, seit vielen Jahren schon. Der Abbruch war nicht misszuverstehen. Ich werde mich daran halten. Die spärlichen Spuren, die eine Zeit online zu finden waren, hinterliessen einen Eindruck von einem Menschen, dem man eigentlich nicht begegnen will. Seit längerem gibt es nicht einmal mehr online etwas über ihn zu finden. Keine Ahnung, wo er ist und wer er ist. Und nicht todesmutig genug, mehr in Erfahrung bringen zu wollen.

Das manipulative Getue ging für meine Mutter brutal nach hinten los, aber bis zum heutigen Tag mangelt es ihr an Einsicht und Verständnis für ihre Handlungen. Es waren alle und alles Schuld, niemals sie. Nun, inzwischen ist es egal. Sie ist dement und ich bin alles, was ihr geblieben ist. Unschön ausgedrückt verblödet sie und versteht jeden Tag etwas weniger von ihrer Umwelt. Und ich bin, so rede ich mir ein, menschlich genug, ihr jetzt trotzdem beizustehen, so gut es geht.

Jede Hilfe, so heißt es, muss einen Eigennutz bergen. Wer vollkommen selbstlos hilft, dem ist nicht zu trauen. Das Ego muss eine Rolle spielen und es muss dabei Befriedigung finden. Das leuchtet mir ein. Was für einen Nutzen habe ich davon, ihr zu helfen? Ich kann mein Spiegelbild anschauen.

Nach dem Erstgespräch mit der Krankenschwester wird sie in einen anderen Raum gebracht, dorthin, wo jemand sitzt, der einen Doktortitel darin hat, ihren Verstand zu zerpflücken, zu analysieren und die rostigen Schrauben wieder in die ausgeleierten Gewinde zu setzen. Ich sehe die Ärztin später, ohne zu wissen, dass sie mit meiner Mutter gesprochen hat. Macht einen sehr sympathischen Eindruck.

In der Zwischenzeit sitze ich bei der Krankenschwester und bekommen einen Info-Dump in den Schoß geladen. Wörter bleiben hängen – Begriffe wie Demenz, organische Ursachen, Untersuchungen, in diese Richtung. Und auch der sehr eindringlich vorgebrachte Vorschlag, ernsthaft überhaupt darüber nachzudenken, was von all dem, was hier passieren soll, für mich überhaupt bewältigbar ist.

Ich wohne nicht einmal in der Stadt. Ich habe ein eigenes Leben. Mit aller Freude und all dem Ärger, den man im Leben so hat. Ich bin ein stilles, tiefes Wasser und zufrieden damit, ich bin ein Abgrund, in den ich nur sehr wenige Menschen einen Blick werfen lasse. Und dann amüsiere ich mich darüber, wie sie schockiert sind über das, was sie zu sehen bekommen. Hier, im Geronto-psychiatrischen Zentrum der Psychosozialen Dienste Wien, da hält sich der Witz in Grenzen. Der wird noch kommen, aber davon habe ich im Moment keine Ahnung.

Das erste Mal aufgefallen, dass mit ihr etwas nicht stimmt, ist mir irgendwann im September, eher zu Monatsbeginn. Da habe ich einen Anruf von ihr erhalten. Nach rund drei Jahren Schweigen. Das ist ein Spiel, dass wir öfter gehabt haben. Sie ist verstimmt und rührt sich nicht. Ich bin scheißwütend, weil sie sich einbildet, ununterbrochen hofiert und angerufen und bekümmert werden zu müssen und ich habe das, was ich als divenhafte Selbstdarstellung empfinde, mehr als satt. Also melde ich mich nicht, nachdem ich ihr ausgerichtet habe, dass zur Abwechslung gefälligst sie anzurufen hat. Nun, sie leiert mir ständig vor, wie sie ununterbrochen an ihre Enkelin denken muss – dann wird sie wohl von ihrem hohen Ross steigen, um sich zu melden? Es dauert drei Jahre, bis sie es schafft und dann weiß sie nichts davon.

Als ich zurückrufe, weiß sie nicht, dass sie mich angerufen hat. Ihre Stimme klingt etwas eigenartig. Und ich weiß, dass etwas nicht stimmt. Noch kann ich nicht den Finger drauf legen, aber irgendwie scheint alles etwas neben der Spur. Mehrere Telefonate später – also ein paar Tage danach – steht fest, dass sie nicht ganz bei Sinnen sein kann. Es scheint angebracht zu sein, auf einen Besuch zu gehen und nach dem Rechten zu schauen.

Die Krankenschwester entschuldigt sich freundlich für diesen Info-Dump, und erweitert ihn um einen Stapel Papiere und Anweisungen, was nötig wäre. Mehrere ärztliche Untersuchungen, um eine organische Ursache zu finden oder auszuschließen. Eine Herausforderung, denn ich weiß nicht einmal, ob meine Mutter überhaupt einen Hausarzt hat. Auf Nachfrage kann sie mir keinen konkreten Namen nennen, aber jede Menge Umwege um die Antwort herum formulieren.

In den letzten vier Wochen sind diese Umwege mehr geworden, zwischendurch verrennt sie sich völlig. Mal erzählt sie mir, dass ihre Mutter seit drei Wochen zu Besuch ist und sich freut, mich zu sehen (die Frau ist vor 40 Jahren gestorben), dann wieder fragt sie mich, ob ich weiß, wo ihre Mutter sich aufhält, weil sie nicht daheim ist. Eines Abends ruft sie mich geradezu empört an, wo ich denn bliebe. Auf die Replik, ich wäre daheim, muss ich erfahren, dass das nicht stimmt, weil sie hätte das Abendessen für mich und meinen Bruder hergerichtet und wann wir heimkämen. Ich erkläre ihr, dass ich nicht bei ihr lebe, auch mein Bruder nicht, worauf sie erst bestürzt ist und dann darüber empört, dass ihr das niemand mitgeteilt hat.

Schon der erste Besuch bei ihr ist ein Ausflug in die Twilight Zone: Sie erkennt mich nicht, das stellt sich nach zehn Minuten raus, als sie mir sagt, dass ich sie an einen ihrer Söhne erinnere. Als ich sie frage, wer denn ich sei, gibt sie zu, keine Ahnung zu haben. Ich erkläre es ihr, sie beginnt zu heulen. Jetzt erst scheint sie zu begreifen, wen sie um sich hat, da sind auch ihre Enkelkinder und ihre Schwiegertochter. Irgendwer hätte ihr nämlich mitgeteilt, dass ihr Sohn mit einer Griechin vorbeikommen würde. Es dauert eine Weile, bis bei mir der Groschen fällt. Sie verwechselt die Griechin mit der Spanierin – eine Ex, die sie mit Leidenschaft gehasst hat. In unserer gemeinsamen Zeit hatte sie einmal versucht, mich mit einer anderen Frau zu verkuppeln. Aber ihre inbrünstige Abneigung galt stets allen Frauen, die ihr den Sohn wegnahmen.

“Welcher Schlampe gehört das denn?” Dieser Satz definiert die Beziehung meiner Mutter zu den Frauen, die mir von Bedeutung waren. Der Satz entfuhr ihr vor – fünfzehn Jahren (ungefähr), als sie unerwünschter Weise in meiner Wohnung einen Kasten öffnete und darin ein violettes Nachthemd aus Seide sah.

Nach gut zwei Stunden werde auch ich zur zweiten Psychiaterin gebeten. Meine Mutter hätte Depressionen, weil sie nicht die Scheidung verwinden könne. Ich rätsle, wie das nach mehr als 35 Jahren immer noch der Fall sein kann. Nach ein paar Minuten habe ich den Eindruck, meine Mutter hat der guten Frau einen Bären auf die Nase gebunden. Entweder das, oder die Psychiaterin denkt um mehr Ecken, als ich begreife. Natürlich zuerst Antidepressiva und dann Medikamente, die den Verfall etwas bremsen können. Unmengen Anzeichen für Demenz, die Krankenschwester, die diese Meinung vertritt – Depressionen? Weitere Zettel mit Anweisungen und Vorschlägen, welche Antidepressiva zu beschaffen seien.

Als wir das GPZ verlassen, wendet sich meine Mutter mir zu. “Die werden mich nie wieder sehen. Das sind Idioten. Nichts von allem werde ich machen, keine Untersuchung.” Danach lässt sie sich über den Akzent der Frau aus. Das ist eine absolut typische Reaktion für diese geschrumpfte, zerbrechlich dünn gewordene Frau. Widerstand hinterrücks und eigene Komplexe als Attacken der Abscheu abzusondern, die sich besonders in Richtung des ehemaligen Ostblocks entladen. Dorthin also, wo ihre eigenen Wurzeln zu finden sind.

Zwar ruft sie mich am selben Abend daheim an, um sich wieder darüber zu beschweren, wo denn mein Bruder und ich abblieben und sie kann sich nicht mehr erinnern, was sonst war und wo sie mit mir gewesen ist, aber sie wird bis heute daran festhalten, dass sie jegliche Kooperation, jede Untersuchung, grundsätzlich alles ablehnt. Demenz ist ein absoluter Zyniker. Besuchsdienst? Kommt nicht in Frage, Punkt. Und da seit Juli dieses Jahres die Gesetzeslage stark geändert wurde, gibt es nichts, was man gegen ihren Widerstand tun kann, selbst dann nicht, wenn es darum geht, sie vor Schaden zu bewahren. Einfach gesagt, ohne ihre Einwilligung keine Handhabe. Dort, wo ich arbeite, ist einer unserer Kunden mit einer Mutter in Heimpflege und weit fortgeschrittener Demenz konfrontiert. Er hat seit Juli viel Spaß mit der neuen Gesetzeslage.

Jetzt schon, also für mich ein “schon”, der ich erst seit etwas über einem Monat sehe, was hier geschieht, zeichnet sich jedoch eine der grausameren Seiten dieser Erkrankung ab. Die kurzen, hellen Momente, wo den Betroffenen klar ist, was mit ihnen geschieht. Diese Augenblicke der Erkenntnis sind für die Betroffenen purer Sadismus. Immerhin schnell vorbei. Für jene, die gezwungen sind zuzusehen, ist das auch nicht sonderlich fein. Es ist Panik, die ausgeschüttet wird, natürlich. Der Schrecken, zu erkennen, dass man sich langsam ins Vergessen auflöst, ist sicher vieles, aber nicht erträglich.

Die Sozialpädagogin, die meine Frau ist, kennt die Problematik mit der Einwilligung von Betroffenen aus eigener beruflicher Erfahrung. Mein Vater kennt diese Problematik, auch jene mit der Demenz, aus ehrenamtlichen Tätigkeiten und persönlicher Erfahrung – meine Großmutter starb dement. Ein Sturz mit Knochenbruch war der Anfang. Nun, bis jetzt geht meine Mutter einkaufen, schafft die Körperpflege und hat die Dinge, über die man nicht nachdenken braucht, weil man sie jahrzehntelang macht, im Griff. Ihre Wohnung ist sauber, im Kühlschrank sind Lebensmittel. Sie kann sich Kaffee machen, ist aber immer darüber verblüfft, kein Mineralwasser daheim zu haben. Keine Ahnung, ob dieses Funktionieren überhaupt gut ist oder die Charade nur hinauszögert.

An dieser Stelle ist übrigens ein Glückwunsch angebracht. Die Gebietskrankenkasse hat es nach 2x reklamieren nicht geschafft, für die eCard, die sie verloren hat, einen Ersatz an meine Adresse zu schicken. Weder nach schriftlicher noch telefonischer Anforderung, denn die Möglichkeit ist natürlich vorgesehen. Großartig. Müsste die Frau jetzt zum Arzt, wäre das problematisch. Weil alle Karten bis auf die Letzte gesperrt sind – und die einzige gültige eCard ist nie irgendwo aufgetaucht. Auf zur nächsten Reklamation.

Mein Vorteil dieser totalen Verweigerungshaltung ist einfach – ich habe weniger Arbeit. Da sie alles verweigert, gibt es keine Wege zu gehen, nicht auf die Einnahme von Medikamenten zu achten. Ich kann nur zuschauen, wie alles schlimmer wird – und das in gehörigem Tempo. Andererseits habe ich ganz pragmatisch andere Fragen vor mir – gibt es genügend Geld, um die Wohnung aufzulösen? Um die Frau zu bestatten? Hat sie jemals irgendwie irgendwo einen Willen niedergeschrieben – vermutlich nicht. Dass es eine Patientenverfügung geben könnte, ist ein geradezu lächerlicher Gedanke. Also vielleicht doch nicht alles so einfach, wie man meinen könnte.

Was den Rest angeht, nun, Demenz ist eine Einbahnstraße, an derem Ende der Tod steht.  Das muss jedem Angehörigen klar sein. Die einzige Frage, die bleibt ist, wie sieht der Weg dorthin aus.


Obiger Bericht ist ein bewusst lückenhaftes Gedächtnisprotokoll über die Abläufe der letzten Tage und Wochen. Nicht alles muss Erwähnung finden, manches hebe ich mir für den nächsten Bericht auf. Wie auch immer. Grundsätzlich jedoch entsprechen die Schilderungen den Tatsachen. Ich lasse es mir offen, wie lange und in welcher Form ich darüber berichte. Was ich von dieser sehr offenen Beichte habe? Befriedigung.


Der Beitrag [DEMENTIA 01]: Eine Abrechnung erschien am 21.10.2018 auf JohnAysa.net


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