[DEMENTIA 02]: Fortschritte

Was ist in den Tagen seit dem letzten Mal geschehen? Nun, es hat Fortschritte gegeben, wobei diese Fortschritte den Zerfallsprozess der geistigen Gesundheit meiner Mutter betreffen. Die letzten paar Tage in dieser Woche, seit Dienstag (heute ist Donnerstag, nun, Mitternacht ist vorbei, also Freitag) ist sie bei jedem Kontakt in ihrer eigenen Welt gewesen. Der Kontakt hat sich auf Telefonate beschränkt. Sonstige Möglichkeiten waren nicht gegeben. Es spielt kaum eine Rolle. Sie scheint zwar zu wissen, wer ich bin – immerhin reagiert sie “richtig” auf mich, aber das hat nicht viel zu sagen, das habe ich schon mal erlebt und dann hat sie mir über mich erzählt.

Kurz eine Warnung: Nachfolgender Text enthält sehr ätzende und zynische Passagen.

Gestern, passend zu Halloween, ist das erste Mal jener Meilenstein aufgetaucht, bei dessen Erreichen Betroffene meinen, bestohlen zu werden. Dinge verschwinden, meistens Geld, und oder Schmuck. Da also sind wir jetzt gelandet. War ja zu erwarten, ging nur sehr schnell. Bei ihr ist es Geld, natürlich, was denn sonst. Es ist weg. Wie viel und von wo, das lässt sich nicht genau eruieren. Natürlich ist nichts fort. Sie funktioniert, wenn sie einkaufen muss, aber sie vergisst, dass sie einkaufen war. Oder sie verlegt es. Oder, auch im Bereich des Realen, sie hatte es nie daheim. Damit ist das Geld weg und da nicht auffindbar, ist sie bestohlen worden. Logisch.

Das ist so wie mit dem Stapel Kleider, der im Schlafzimmer liegt und von dem sie behautet, er gehöre der Frau, die auch hier gewohnt hat und die unmittelbar vor meinem Besuch ausgezogen ist. Welche Frau das ist, weiß sie nicht, aber sie war jedenfalls hier. Der Hinweis darauf, wie das sein kann, schließlich ist das ihre Wohnung, führt zu Verblüffung. Sie ist der Meinung, irgendwo gewohnt zu haben. Nein, deine Wohnung. Diese nochmalige Bestätigung, daheim zu sein, führt zu einer für mich sehr unangenehmen Situation, nämlich ihrer plötzlichen Erkenntnis, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Da ihr Leben lang das Wetter in ihrer Befindlichkeit eine Rolle spielt, hält es auch jetzt wieder eine Lösung parat.

Ah, aprops, an dieser Stelle noch einmal wie schon beim letzten Beitrag, meinen Glückwunsch an die Gebietskrankenkassa. Herzliche Gratulation zur absoluten Unfähigkeit, eine neu angeforderte eCard an die richtige Adresse zu schicken. Trotz telefonischer Angabe, langsam und deutlich und klar diktiert, mit dem Hinweis, das bitte nicht zu versemmeln, weil die Betroffene dement ist.

Ich bin oft geradezu glücklich, wenn ich derb und ordinär sein kann – in jeglicher Hinsicht. Es hilft mir beim Abbau von Stress. Es erheitert mich, wenn ich befremdet angestarrt werde, oder gar Leute geradezu schockiere. Welch ein Eiertanz allein um das Wort Scheiße manchmal gemacht wird, sagenhaft. Und das ist wirklich harmlos. Gelegentlich sehe ich sogar Erleichterung, als erster Scheiße gesagt zu haben. Scheiße. Scheiße. Tut nicht weh, beißt nicht, gehört zum Alltag. Und jeder produziert sie. Ausnahmslos. Hoppla, abgeschweift. Ok, ich bin gern herb und direkt – oh, das direkt sein, ich werde von Jahr zu Jahr direkter und unwirscher in der Konfrontation mit Idioten. Aber meine Schwägerin, die Meisterbildhauern, die ist bewundernswert in dieser Hinsicht. Eine Meisterin, von der man lernen kann. Gut, nochmal abgeschweift. Anderes Thema für einen anderen Beitrag. Fein, auf den Beitrag über ordinär sein freue ich mich. Ich bin also gern ordinär, war es immer schon. Mein höchst persönliches Ding, um mir das Leben in besonderen Momenten zu erleichtern. Und genau darum muss ich mir auf die Zunge beißen, um nicht zu sagen, dass die Frau vertrottelt. Das stimmt zwar, vielleicht nicht medizinisch, keine Ahnung, Laie hier, hallo, guten Tag! Aber damit schockiert man Leute, treibt ihnen den Pfahl der verlogenen Scham in ihre politisch korrekten Arschlöcher. Aber ich lasse es lieber. Die Personen bei der GKK sind offensichtlich übefordert.

Okay, zurück zu der Frau, die zeit ihres Lebens im Mittelpunkt stehen und hofiert werden will. Nun, bei einem der Telefonate in der letzten Woche stellt sich raus, dass das Ding, diese saublöde Karte, aller Wahrscheinlichkeit wieder bei der dementen Frau gelandet ist anstatt bei mir. Sie hat anscheinend ein Schreiben der GKK bei sich (kann ich nicht verifizieren). Da allerdings ich die gesperrte Karte bei mir habe, heißt das, sie muss wohl die neue Karte in der Post gefunden haben und so, wie alle Post bei ihr in einem Durcheinander auf einer Bettcouch landet, gleich gegenüber dem Stuhl, unter dessen Polster sie letztens den zweiten Wohnungsschlüssel versteckt hat, da er dort besser aufgehoben ist als bei mir, denn unter dem Sessel ist er besser aufgehoben für den Fall, dass sie sich aussperrt – aha, mhm, man lernt nie aus – ist in dem Posthaufen wohl auch die Karte. Wenn ich die nächsten Tage bei ihr auftauche, werde ich vergeblich danach suchen. Also nochmal vielen Dank für diese Unfähigkeit, oder den Unwillen, diese einfache Sache richtig zu machen.

Ich melde ganz ernsthafte Zweifel daran an, dass der Umbau der Krankenkassen, wie ihn die … Menschen … der Regierung vorhaben, irgendwelche Verbesserungen bringen wird. Aber das kümmert die … Menschen … der Regierung einen Scheißdreck. Aber ja … Menschen … die nach Macht streben. Schön.

Heute am späten Abend, beim letzten Telefonat, eine Neuerung – sie hat den Fernseher abgedreht und liest! Ah, wie schön. Ja, findet sie auch, das Programm ist so blöd. Aber ob denn der H., sprich, ihr Mann (in der Realität seit über 30 Jahren von ihr geschieden), weiß, dass sie daheim ist? Ich bin etwas irritiert. Naja, meine ich, wo sollst du denn sonst sein, außer daheim? Ja schon, aber weiß dein Vater das, wenn er heimkommt, dass ich daheim bin? Und weiß das mein Bruder? Hm, gute Frage. Ich habe meinem Vater nicht erzählt, dass meine Mutter daheim ist. Und nach zehn Jahren Funkstille zwischen meinem Bruder und mir kann ich ihn schwerlich deswegen kontaktieren. Ich müsste erst aufs Meldeamt gehen und seine Anschrift ausheben lassen. Wozu? Sein Schweigen macht klar, wie interessiert er an Kontakt ist.

Ach, habe ich dir schon dafür gedankt, Mutter? Ich weiß nämlich nicht einmal, warum es keinen Kontakt gibt, außer, dass mir vage, böse Worte über dich ausgerichtet wurden. Ganz ehrlich? Ich hoffe, es ist ihm scheißegal. Hat ausnahmsweise aber nichts mit dir zu tun, auch wenn du immer so gern im Mittelpunkt gestanden hast, dass du darüber eine Familie in ihre Einzelteile zerlegt hast. Erinnerst du dich – ha ha ha, witzig, was, dass du dich niemals dazu herabgelassen hast, mich anzurufen, um dich nach deiner Enkeltochter zu erkundigen? Sondern immer erwartet hast, dass ich mich melde und beleidigt warst, wenn es nicht alle paar Tage war? Hm. Nein? Und daran, dass du 2012 das letzte Mal Interesse daran gehabt hast, wie es mir so geht? Nein? Und dass du zwischendurch mal ein ganzes Jahr (wenn nicht mehr) darauf gewartet hast, dass ich anrufe, was ich nicht getan habe, weil ich wissen wollte, wie weit du gehst, um hofiert zu werden? Um mir nach dem Jahr allen Ernstes vorzujammern, wie sehr du dein Enkelkind vermisst? Auch vergessen? Schön für dich. Aber keine Sorge, ich bin nicht verbittert. Wozu auch, ist reine Verschwendung von guter Energie.

Wissen … was weiß ich. Aber ich bin mir relativ sicher, meinem Vater ist es herzlich egal, ob sie im Bett liegt und liest – er büßt den Fehler, sie geheiratet zu haben, bis heute mit Unterhaltszahlungen.

Letzten Endes bringe ich sie vom Thema ab, indem ich sie frage, ob es nicht eigentlich vollkommen egal ist, wer darüber Bescheid weiß, dass sie daheim ist und liest. Es ist ihre Wohnung, natürlich ist sie daheim und wenn irgendwann noch jemand heimkommt, wird er wohl kaum davon überrascht sein und sie solle sich doch einfach nicht darum kümmern und sich mit dem Buch unterhalten.

Merkwürdigerweise leuchtet ihr das ein. Sie dankt mir, ich verspreche, mich morgen wieder zu melden und damit beenden wir die Geschichte für diesen Tag.


Obiger Bericht ist ein bewusst lückenhaftes Gedächtnisprotokoll über die Abläufe der letzten Tage und Wochen. Nicht alles muss Erwähnung finden, manches hebe ich mir für den nächsten Bericht auf. Wie auch immer. Grundsätzlich jedoch entsprechen die Schilderungen den Tatsachen. Ich lasse es mir offen, wie lange und in welcher Form ich darüber berichte. Was ich von dieser sehr offenen Beichte habe? Befriedigung.


Heutige Stimmung: Stellenweise sehr zufrieden und konstruktiv, mit Tendenz zu zunehmend ätzender Weltsicht …


Der Beitrag [DEMENTIA 02]: Fortschritte erschien am 01.11.2018 auf JohnAysa.net


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