Eigenes Foto: Ausschnitt Haufen Laub

[DEMENTIA 03]: Zwischenstand

Vor ein paar Tagen war meine Mutter bei einem der tagtäglichen Telefonate sehr überrascht, dass ich in der Nähe von Wien wohne. Sie dachte erstens, ich wäre in Belgrad daheim und zweitens, ich wäre ein Neffe von ihr. Fand ich wiederum irritierend – welcher Neffe und warum in Belgrad? Auch ihre Irritation darüber, in der eigenen Wohnung zu wohnen, ist schon fast Routine. Daran muss ich sie im Schnitt einmal die Woche erinnern und jedes Mal ist sie heilfroh darüber, weil ihr einfach nicht einleuchtet, wie denn ihre Sachen dorthin kommen, wo sie eben ist.

Vergangene Donnerstag habe ich sie zur Mittagszeit angerufen, das war ein scheinbar normales Telefonat. Als ich am Heimweg von der Arbeit war, rief sie mich, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Sie hätte mich nämlich am Nachmittag angerufen und da hatte sich eine Frau gemeldet, die ihr erklärt habe, ich wäre tot. Also wollte sie nachfragen. Ich würde mal sagen, das ist wirklich eines der merkwürdigeren Gespräche gewesen. Ich habe mich nämlich eher mehr lebendig als tot gefühlt. Aber vielleicht unterliege ich da einer Illusion, wer weiß. Kennen wir doch alle, diesen Trick – I see dead people. Ha.

Schon fast komisch mutet es an, wenn sie in einem Telefonant – vor ein paar Tagen – meint, sie ist schon etwas verblüfft, dass ich ihr nicht zum Geburtstag gratuliere. Daraufhin erklärte ich ihr, dass ihr Geburtstag vor einem halben Jahr war. Aber vom Datum nicht so, dass diese Verwechslung auch nur im Ansatz Sinn gemacht hätte. Sie hat sehr darüber lachen müssen und sich gefragt, wie verrückt sie denn ist, dass ihr so etwas passiert. So richtig einfach ist es nicht, darauf zu antworten. Vor allem kann man ihr nur schwer sagen, dass sie an Demenz leidet. Das was nicht stimmt, erkennt sie zwischendurch selbst, sie aber darüber hinausgehend zu erschüttern und ihr das zu bestätigen, davon wurde mir abgeraten. Hätte ich auch nicht getan. Zwar mag vieles nicht in Ordnung sein zwischen ihr und mir, auch ist klar, dass es nie klärende Worte geben kann – dazu ist es in ihrer Verfassung zu spät und all die Jahre zuvor fehlte es ihr an Einsicht oder Willen oder Aufnahmefähigkeit oder auch nur Akzeptanz einer Verantwortung, aber das spielt keine Rolle. Einer Dementen zu sagen, dass sie dement ist, hat was von sinnloser Grausamkeit.

Und dann hatten wir die Episode, in der ihr die fremde, für sie reale, selbstredend fiktive Frau, die da bei ihr mal wohnt, mal ausgezogen ist, kommt und geht, wie sie will, den zweiten Wohnungsschlüssel mitgenommen hat, den findet sie nicht mehr (Die fremde Frau, da hat sie mir einmal “Beweise” für deren Existenz gezeigt – Stapel von ungeordneter Kleidung, die ihr gehören. Dass das Sachen sind, die sie selbst sie vielen Jahren trägt und zu denen sie wohl den Bezug verliert, weiß sie natürlich dann nicht in dem Moment). Das ist derselbe Schlüssel, den sie mir nicht geben wollte, weil sie es sicherer fand, ihn bei sich zu behalten. Offenbar hat sie ihn verräumt und vergessen, wo er ist. Allerdings war das einen Tag später schon wieder kein Thema mehr, also hat sie ihn wohl wieder gefunden.

Sie ist immer noch, bis auf diese Aussetzer, voll funktionsfähig, geht einkaufen, hält die Wohnung soweit in Ordnung (es ist aufgeräumt, gesaugt, es gibt keine Spuren von Vernachlässigung, eher von Pedanterie, wie sie für meine Mutter typisch ist – bis auf die Schubladen, die ein Chaos sind), und kommt generell mit dem Alltag relativ gut zurecht. Insofern tut sich da zur Zeit nicht viel. Aber die ganze Sache ist schließlich kein gleichmäßig ablaufender Prozess.

Im Vergleich zum vorigen Bericht gibt es dieses Mal nicht viel zu erzählen. Die Aussetzer sind weniger drastisch in letzter Zeit, auch wenn sie da sind und ihr Gedächtnis definitiv nachlässt. So ist im Durchschnitt die Frage, wo ich gerade bin, in einem Telefonat wenigstens dreimal ein Thema.

Mal sehen, wie es weitergeht.


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Obiger Bericht ist ein bewusst lückenhaftes Gedächtnisprotokoll über die Abläufe der letzten Tage und Wochen. Nicht alles muss Erwähnung finden, manches hebe ich mir für den nächsten Bericht auf. Wie auch immer. Grundsätzlich jedoch entsprechen die Schilderungen den Tatsachen. Ich lasse es mir offen, wie lange und in welcher Form ich darüber berichte. Was ich von dieser sehr offenen Beichte habe? Befriedigung.


Der Beitrag [DEMENTIA 03]: Zwischenstand erschien am 16.12.2018 auf JohnAysa.net


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