[DEMENTIA 04]: Wunderlichkeiten

DEZEMBER:

Die Geister die ich rief – sie wird verfolgt von der Frau, die vor ihr die Wohnung gehabt hat und die bei ihr ein und aus geht, weil sie jetzt auch dort wohnt. Gelegentlich vergisst sie über die Aufregung, dass es ihre Wohnung ist, in der sie sich befindet. Zuletzt war die Schwester der Frau dort, um sie zu beschimpfen und dann mit ihrem Wohnungsschlüssel zu verschwinden. Ein paar Tage zuvor hatte sie mir erklärt, dass sie jetzt im Kinderzimmer schlafen wird, weil ja die Enkel ohnehin nicht da sind. Auf die Frage, welche Enkel sie denn meine, nannte sie mich und meinen Bruder. Nach einigem hin und her also waren wir beides, ihre Söhne wie die Enkel.

Weihnachten ist ihr komplett entgangen, das scheint sie nicht bemerkt zu haben. Ich hatte mit ihr ausgemacht, sie am 25. Dezember daheim abzuholen und zu uns zu holen. Davon war sie begeistert. Am 25. in der Früh, als ich anrief, um sie daran zu erinnern, klang sie schrecklich und erklärte mir, sie wäre mit Grippe darnieder und liege im Bett. Danke, nein, sie braucht nichts, alles ist da. Nun gut. Als ich sie am Abend nochmal anrief, war sie putzmunter und es gab keine Spur von Grippe. Das haben wir inzwischen zweimal durchexerziert.

Wie oft sie mich inzwischen mit diversen Enkeln oder Neffen verwechselt hat, weiß ich gar nicht mehr. Auch nicht, wie oft sie vergessen hat, dass sie sich in der eigenen Wohnung befindet. Der einfachste Zugang dazu erscheint mir schwarzer Humor. Dass sie jetzt wieder einmal ihren Wohnungsschlüssel irgendwo verlegt hat – oder es auch nur glaubt, das ist schwer abzuschätzen, ist nicht weiter bemerkenswert und wird wohl in absehbarer Zeit dazu führen, dass sie sich aussperrt. Aber ihre Bereitschaft, einen Schlüssel mir zu überlassen und sich sowas wie ein Seniorenhandy zuzulegen, ist nicht vorhanden.

Ich habe mir erklären lassen, dass die Fantasien, die hier durchlebt werden, typisch sind. Andernfalls wäre ich inzwischen geneigt zu behaupten, dass ein stets negativ behaftetes Leben, das darauf beharrte, in ewiger Resignation und Ignoranz zu verharren, hier von den Geistern heimgesucht wird, die zeit Lebens treue Begleiter waren. Aber das ist inkorrekt. Wie dem auch sei, das Jahr 2018 steht kurz vor dem Ablauf und am status quo hat sich nicht viel verändert. Mal sind die Heimsuchungen heftiger, mal erscheint sie klar bei Verstand, bis eine Bemerkung auftaucht, die diesen Eindruck korrigiert.

Abwarten, ob und wenn was an Silvester passiert. Zumindest eine Überraschung gab es doch, nachdem sie Weihnachten nicht mitgekriegt hat, sie hat tatsächlich den Jahreswechsel bemerkt. Das ist erstaundlich.

Silvester ist gekommen und gegangen.

JANUAR:

Der erste Jänner des Jahres 2019 liefert ein neues Level der Aufruhr für das zerfallende Gehirn. Ihre Schwiegermutter (die Mutter meines Vaters, seit Jahrzehnten tot) steht bei ihr in der Küche und traumatisiert sie, trotz der sauberen Küche, ehe sie wortlos geht. Schuld, dass sie aufgetaucht ist, hat natürlich ihr Ehemann (also mein seit mehr als 30 Jahren von ihr geschiedener Vater), der nächtelang nicht heimkommt, weil er sich mit jungen Frauen herumtreibt. Das hat sie derart aufgeregt, dass sie den ganzen Tag darauf gewartet hat, dass mein Bruder und ich von der Schule heimkommen (!).

Das habe ich in ungefähr zwanzig Minuten ebenso oft ins Ohr geschluchzt bekommen. Bemerkenswert an diesem Trip nach Fantasien ist die Intensität, die ist neu. Wo sie vorher irritiert und verwirrt bis zornig war, ist sie jetzt regelrecht erschüttert gewesen.

Schwiegermutter und sie hatten sich nie sonderlich gut verstanden, weil Schwiegermutter schon mal mit dem Zeigefinger über die Oberflächen gewischt hat, um nach Staub zu sehen, wenn sie zu Besuch war und sie ihre selbstgerechte Seite hervorgekehrt hat. Das kommt jetzt offenbar zurück. Auch für Angehörige durchaus anstrengend.

Der Rest des Monats verlief spektakulär unspektakulär. Die Anfälle der Desorientierung waren gering und wenig stark ausgeprägt. Ihre Vergesslichkeit ist bemerkenswert, aber sie ist immer noch alltagstauglich, auch wenn sie nicht immer weiß, welcher Tag gerade ist. Alles in allem war der Monat weniger schlimm, als er hätte sein können.


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Obiger Bericht ist ein bewusst lückenhaftes Gedächtnisprotokoll über die Abläufe der letzten Tage und Wochen. Nicht alles muss Erwähnung finden, manches hebe ich mir für den nächsten Bericht auf. Wie auch immer. Grundsätzlich jedoch entsprechen die Schilderungen den Tatsachen. Ich lasse es mir offen, wie lange und in welcher Form ich darüber berichte. Warum mache ich das? Für mich. Für jene, die selbst ähnliche Erfahrungen machen und einen möglichen Weg suchen, damit umzugehen.


Der Beitrag [DEMENTIA 04]: Wunderlichkeiten erschien am 08.02.2019 auf JohnAysa.net


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