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[LESEPROBE]: Der Widerliche

Cover: John Aysa: Der WiderlicheINHALT: Rafe ist ein Wrack. Gezeichnet von Drogen, die ihn in den Tod treiben, streift er ziellos durch die Straßen der Stadt, nur halb bei Bewusstsein. Doch dann widerfahren ihm zwei einschneidende Erlebnisse, die sein verwahrlostes und dreckiges Dasein auf den Kopf stellen.

Danach beginnt Rafe, sich zu verändern. Als er entdeckt, welch merkwürdige Dinge in ihm vorgehen, ist es zu spät. Er hat das, was in ihm schlummert, weitergegeben, sexuell übertragen. Und das ist ganz und gar nicht gut.

Nun muss Rafe dafür Sorge tragen, dass die Verbreitung gestoppt wird. Mit allen Mitteln. Der Versuch der Eindämmung wird ein Wettlauf gegen die Zeit, die Desorientierung und den bizarren Wahnsinn, den er heraufbeschworen hat. Und gegen die rätselhaften Einmischungen von fremder Seite – mit wilden Folgen.

Ein Roman mit magenschonendem Bonusmaterial. Wer sich leicht ekelt, sei an dieser Stelle ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das Titelbild kein leeres Versprechen darstellt.

Nur für Erwachsene!

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BONUSMATERIAL: Illustrationen (nur Paperback!), zusätzliche Kapitel, Rezept, Glossar, wichtige Werbung


LESEPROBE:

01: Prolog I: Momentaufnahmen

Frank Mills, Music Box Dancer. Geschrieben 1974, erst 1978 als Single veröffentlicht. Einer der größten Hits der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Allein die Notenblätter haben sich bisher drei Millionen Mal verkauft.
Es ist diese Melodie, der traumtanzende Nicht-Disco-Rhythmus, der die perfekte Untermalung für das Shoot-Out bietet. Das glockenhelle Pianothema, dazu angetan, die Augen von Abzug zu Abzug zucken zu lassen.
Körper wirbeln und fallen, stürzen gegen Regale, deren Inhalt zu Boden geht. Finger werden abgeschossen. Sie spritzen davon, hinterlassen verstümmelte Hände, blutnasse Abdrücke und Spuren von Tröpfchen, die ihre Flugbahn zieren.
Kugeln stanzen Löcher in Bäuche. Schlagen klatschend in Fleisch, Fett und Muskeln ein, verwüsten das Innere des Körpers. Die Folgen sind letal.
Augäpfel platzen.
Die Druckwelle. Der Schock des Einschlags. Die Hitze der Geschosse. Diese Dinge zerstören mehr als den Sehsinn. Schädigen mehr als das dahinter befindliche Gehirn.
Blut sprüht von Schädeln, die ihrer Ohren verlustig gehen. Heiße Kugeln kauterisieren manche Treffer, aber nicht alle. Blutige Scheitel gestalten Frisuren um, lassen Narben entstehen, die lebenslang sichtbar bleiben. Gezeichnet fürs Leben, da hilft kein Weinen.
Der durch den unvorhersehbaren Gewaltausbruch verursachte Notstand konzentriert sich auf wenige hundert Quadratmeter in einer öffentlichen Bibliothek. Ein zu dieser Tageszeit gut besuchter Ort, der zu einer Gedenkstätte wird.
Kaum eine Generation später wird man nicht mehr wissen, wozu die Tafel gedient hat. Aber sie bleibt bestehen, Traditionen müssen gewahrt werden, bis man die Bibliothek schließt und das Haus abreißt. Das an dieser Stelle geplante Bauprojekt wird niemals umgesetzt. Wasserknappheit, Klimakatastrophe und die dank vieler kleinerer Kriege zusammenbrechende Wirtschaft lassen das Vorhaben scheitern. Was hier passiert ist, verschwindet im Vergessen der Geschichte und wird bis zum Ende der Menschheit nicht wieder ausgegraben werden.
Trümmer aus Holz, Beton, Kunststoff wirbeln herum.
Metallsplitter fetzen durch den Raum. Ziegelstaub vernebelt das Visier. Glas klirrt, Computer krepieren. Verbundstoffe scheppern und krachen, als sie von Geschossen gestanzt und gesplittert werden.
Papier flattert in Fetzen durch die Luft, wird von vorbeirasenden Projektilen herumgewirbelt, in Brand gesteckt, erlöschen. Schwebender Ruß, wie ihn später jene Opfer verursachen werden, die ihre Einäscherung verfügt haben.
Durchschossene Bücher mit Schmauchspuren, glimmende Tunnel durch die darin aufbewahrten Geschichten. Zerknickte Seiten, gebrochene Buchrücken, Umschläge, zerrissen unter Fußtritten. Ein Totholz-Massaker, dazu angetan, bibliophilen Menschen körperliche Schmerzen zu bereiten.
Achtzig Kilo schlagen mit deutlich höherer Masse gegen das Regal. Der Aufprall bringt das Gestell ins Wanken. Worte im freien Fall, als das Bord einknickt. Rotes Nass ertränkt zu Papier gebrachte Gedanken, Emotionen, Eindrücke. Nichts, was der Mensch geschaffen hat, ist für die Ewigkeit. Früher oder später geht jedes Schaffen, wie das Fleisch, im endlosen Kreislauf der Dinge auf.
Die Kontrahenten attackieren einander mit verbissener Wut. Unartikulierte Schmerzenslaute und gebellte, gebrüllte Kommandos. Keuchender Atem am Rande der Hyperventilation. Schweres Schnaufen, als würde gerannt oder gefickt. Worte werden nicht gewechselt. Der Höllenlärm der Waffen erstickt die Sprache, Gewalt macht stumm.
Einzig der Kollateralschaden tut die erlittenen Schmerzen kund. Bibliotheksbesucher, Personal, Botenfahrer, Haustechniker – sie, die ins Kreuzfeuer geraten sind. Es wird gebrüllt, geschrien, gekreischt, um Hilfe gerufen.
Zivilisten in den Zeiten des Krieges.
Wen kümmert es? Niemanden.
So war es schon immer, und das wird sich niemals ändern.
Der Schusswechsel und seine Folgen übertönen alles. Krieg ist laut. Was hier geschieht, ist eine räumlich begrenzte Kriegshandlung, ein Kleinkrieg. Die kleine Kampfhandlung gehört zum Alltag der Menschheitsgeschichte, und die Geilheit der Medien auf Gewalt und Katastrophen hat für Scharmützel dieser Art nur eine bedingte Spanne an Aufmerksamkeit übrig.
Das scharfe Knallen von Pistolen, das Donnern von Pumpguns, hell hallendes Klirren ausgeworfener Patronenhülsen. Tak-tak-tak, das Stakkato-Husten einer automatischen Waffe. Querschläger heulen. Kugeln schlagen klatschend in Fleisch ein, dreschen – paff-tschak – mit Wucht auf Bücher. Der Radau der Zerstörung, die ein Haus der Literatur zu einem Ort der Verwüstung umgestaltet.
Eine der beiden einander verbissen beharkenden Truppen befindet sich auf dem geordneten Rückzug. Was sie wollten, haben sie in ihren Besitz gebracht und beschützen es mit allen Mitteln.
Die gegnerische Partei hingegen versucht mit Gewalt, das Gegenteil zu erzwingen, das Objekt der Begierde in den eigenen Besitz zu überführen. Sie sind hemmungslos, was den Einsatz der martialischen Hilfsmittel dafür betrifft.

*****

Fuck.
Scheißdreck.
Nicht weit entfernt in einer abgefuckten Seitengasse, fragt sich Rafe Ingram gerade, ob er allen Ernstes Pferdeäpfel geschissen hat. Oder sieht die Scheiße nur wegen der Spritze so tierisch aus?
Dieses verdammte Arschloch von Arzt hat sie ihm vor ein paar Tagen ins Gedärm gerammt. Einfach so. Ne, Moment, nicht so. Dreck, es war die Schulter. Genau. So war das. Schulterstich. Unerwartet. Unerwünscht.
Mieser Scheißkerl.
Rafe beugt sich vor, um die stinkenden Exkremente, die sein Körper durch das abstoßend verschmutzte Arschloch entsorgt hat, näher zu betrachten. Das Malheur liegt vor ihm auf dem städtisch dreckigen Schotter.
Wenige Schritte weiter rauscht der alltägliche Straßenverkehr ungerührt von Rafes Gedanken seiner Wege. Alles fließt. Das Mikro-Drama der Sackgasse, die sinnbildlich für ein ganzes Leben steht, interessiert nicht. Der Lärm der Umgebung dringt kaum in sein Bewusstsein vor.
Er befindet sich am idealen Ort zum Kacken, wenn die Dringlichkeit diktiert, was zu geschehen hat. Eine Sackgasse zwischen Häusern, voll von umgestürzten Mülltonnen. Perfekt. Zum Glück ist er mit der Umgebung vertraut.
Was er aus dem Körper expediert hat, stinkt erbärmlich. Nicht nur auf den ersten Blick ist die Ähnlichkeit mit Pferdemist unübersehbar. Voluminöse, dunkle Kugeln lockerer Konsistenz, fasrig wirkend.
Es kracht, es scheppert. Schreie reißen ihn endlich aus den fäkalen Betrachtungen. Rafe wendet die benebelte Aufmerksamkeit der Straße zu. Alter, was ist da los? Er setzt sich in Bewegung.
Neugierde ist des Junkies Tod.
Fuck.
Scheißdreck.

*****

Die Hommage an Punk bekommt die Kugel als Volltreffer ab. Das Geschoss platzt in den Kehlkopf, tunnelt mit fataler Zerstörungskraft durch den Hals. Zertrümmert die Nackenwirbel, zerfasert die darin laufenden Nervenbahnen, tritt aus. Reißt Knochensplitter, Fleisch und Blut in einer auseinanderstrebenden Wolke mit. Ein flüchtiges Gemälde anatomischer Dekonstruktion. Der Körper der Sterbenden folgt behäbig nach.
Der Mann hinter ihr hechtet beiseite. Die Eingangstür der Bibliothek stellt sich ihm in den Weg. Er steuert auf sie zu, aber der an seinen Verstand übermittelte Eindruck erzählt es umgekehrt. Er versteht die Welt nicht, bis er auf den ersten Widerstand trifft.
Die Glasscheibe birst nach draußen. In einer schillernden Splitterwolke stürzt der Kämpfer auf die Treppe. Glas ritzt den Körper im Gewand, konvertiert die Haut in ein Gemälde aus Rot, ein Blutbild.
Die Wirbelsäule kollidiert mit der Kante einer Betonstufe. Sie verliert und bricht. Das Knacken geht im Lärm der Straße unter. Der zweite Widerstand hat das Schicksal des Kämpfers besiegelt.
Die Pistole rutscht dem Toten aus der Hand, schlittert davon.

*****

Fuck.
Scheißdreck.
»Du bist auf Krokodil.«
Eine simple Feststellung, getroffen von einem Arzt, den Rafe bis jetzt nie gesehen hat. Aber das ist normal, Alltag. Die Leute der Samariter bringen stets neue Weißkittel mit. Sie kommen mit einem alten Bus, der sowohl mobile Arztpraxis im Miniaturformat als auch Essensausgabe in sich vereint.
Die Arbeit ist ehrenamtlich, es kommt, wer Zeit hat. Der Doktor heute? Eines der unzähligen Gesichter, beheimatet in einer Stadt, die es darauf anlegt, dich in Einsamkeit gefangen zu halten.
Wie soll man sich einen Wildfremden merken?
Statt einer Antwort niest Rafe. Dabei platzen Nasenschleimhäute. Rotz und Blut sprühen meterweit, sauen den Arzt ein. Das Ergebnis sieht wild aus, wie abgefeuerte rote Wichse. Ein Spritzbild. Ließe sich in einen Rahmen spannen und teuer verkaufen.
Rafe überlegt, ob eine Entschuldigung angebracht wäre. Aber irgendwie ist ihm nicht danach. Solche Sachen passieren. Das gehört im Milieu zur Normalität. Niemand denkt sich was dabei. Und warum für Alltäglichkeiten, die geschehen, weil es eben so ist, um Verzeihung bitten? Er hat den Quatsch nicht erfunden, er lebt damit. Das ist alles.
Er ist einfach da. Er existiert.
Das ist alles.
Hinter ihm in der üblichen Warteschlange hört er eine der ausgemergelten Schlampen, die ihre nicht minder verdorrte Begleiterin anraunzt.
»Alter! Wenn der abgefuckte Kerl so in meinem Arsch abspritzt, rotzt es mir die Wichse beim Maul raus!«
Rafe dreht sich um. Er mustert sie. Ja, klar, bei den Zahnlücken könnte ihr der Schwanzrotz in der Tat aus der Fresse spritzen. Oder rein. Beides möglich, ohne dass sie die Schnauze sonderlich weit aufmachen müsste. Die mit zittriger Hand bemalten Lippen blecken, das würde schon reichen, um den Schwanzrotz durchzuballern.
Spraypaint.
In dem Moment landet die Nadel in der Schulter.
Verfickter Wichser.
»Aua, verdammte Scheiße noch mal.« Darf der das?
Rafe hasst Injektionsnadeln. Pervers, das ist ihm klar, aber bloß, weil er sie braucht, heißt das nicht, dass er sie mag. Er nimmt sie nur in Kauf. Mittel zum Zweck. Und der heiligt in dem Fall tatsächlich das Werkzeug.
Notwendiger Pragmatismus.
»Das wird dir helfen, die Finger von Krokodil zu lassen«, brabbelt der Arsch im Arztkittel ihn voll.
Alter! Der soll einfach die Fresse halten und das tun, was die Weißkittel vor ihm auch immer gemacht haben.
Oh, hoppla. Das tut er ja. Er klugscheißt und gibt ungefragt Ratschläge. Helle Momente mag Rafe nicht so gern. Er weiß nie, ob die Gedanken, die ihn dabei heimsuchen, positiv oder negativ sind. So, wie es aussieht, eher Zweiteres, weil die Welt nun mal so ist, wie sie ist, und er auch.
Drauf geschissen.
»Du verspürst hin und wieder ein komisches Gefühl, das ist wirkstoffbedingt normal.« Hat dich wer gefragt, du ausgeschissene Nachgeburt? Rafe Ingram, abgefuckter Junkie auf einer Droge, die nicht umsonst als Todesdroge gilt, starrt den Kerl an. Er ist völlig planlos, was er sagen soll. Wo haben die diesen Komiker ausgegraben?
Er wird sich komisch fühlen?
Rafe fühlt sich oft komisch. Das ist schon so normal, dass es gar nicht mehr komisch ist. Glaubt der Kackbrezen etwa, er wird bemerken, wenn er sich anders fühlt? Ernsthaft? Der Gedanke ist lächerlich, aber Hauptsache, Rafe wird von manchen Menschen als Matschbirne bezeichnet. Dieser Kerl redet absoluten Stuss und wird dafür von der Gesellschaft respektiert. Völlig verkehrt.
Scheißegal.
Absolut und komplett egal. So ist die Welt eben. Darüber aufregen, macht keinen Sinn.
Rafe dreht sich zu der abgefuckten Schlampe mit den Zahnlücken um.
Grinst sie breit an, bleckt die belegten Zähne. Sie ist echt schlecht drauf. Kleine, hängende Brüste. Aber die Weiber aus dem Milieu, die mit ihm in die Kiste steigen, sind allesamt keine strahlenden Erscheinungen. Wenigstens ist es ihnen egal, dass er seit einer Woche nicht geduscht und Klamotten gewechselt hat. Ist bei denen auch nicht besser. Er riecht es nicht, und generell schert es ihn einen Dreck.

*****

Später irgendwann spritzt Rafe tatsächlich in ihrem Arsch ab. Eine knöchrige Hügellandschaft mit Pickeln um die verkrustete Doline. Die Wichse kommt ihr aber nicht beim Maul raus. Schade, er hätte gern gesehen, wie sie die Fresse aufmacht und der weiße Schleim rausrinnt.
Stattdessen ist sein Schwanz bis zu den Eiern mit Scheiße überzogen.
Grease, Alter.
Vorsichtig zieht er ihn raus. Ihr Loch ist dreckig, steht sperrangelweit offen, und es stinkt nach Abwasserkanal. Es ploppt, die Eichel ist im Freien, da spritzt sie ihm mit ungebremster Wucht eine flüssige Ladung Gülle bis auf den Bauch.
»Krass«, murmelt Rafe.
Heroindurchfall der heftigen Sorte.
»Fuuuck«, sagt die Alte. Belämmert, wie sie ist, schmiert sie mit den bloßen Händen auf ihm herum und versucht, ihre Scheißerei wegzukriegen. Völlig verpeilt wischt sie die triefenden Dreckspfoten auf dem eigenen Bauch ab. Jetzt erst haben die ausgemergelten Zitzen, die vorn rumhängen, einen gewissen Reiz.
Abgefuckte Scheiße. Weil es ohnehin schon scheißegal ist, wichst sich Rafe einen ab. Danach weiß er, dass er richtig gelegen hat. Er kriegt die Wichssauce durch ihre Zahnlücken in die Fresse. Mühelos.
Fuck.
Scheißdreck.

*****

Die Pistole des Toten ist bis vor seine Füße geschlittert. Ohne nachzudenken, hebt Rafe die Schusswaffe auf. Vor ihm kracht die angeschlagene Bibliothekstür aus dem Rahmen, sechs wild mit Waffen fuchtelnde Gestalten drängen wie eine gelöste Verstopfung ins Freie.
Arme rudern wild umher, Hände halten Waffen fest im Griff. Sogar in seinem belämmerten Zustand bekommt Rafe mit, dass was er da zu sehen vermeint, tatsächlich geschieht. Oh, verdammter Dreck, das ist ganz und gar nicht gut. Das ist die Art von Radau niemals.
Scheiße.
Panik. Kurzschluss zugedröhnter Synapsen.
Er hat keine Ahnung, worum es geht, aber es kommt ihm zu nahe. So unter Einfluss ist er nicht, dass der Überlebenstrieb nicht in Aktion tritt. Er legt einen Kavalierstart hin und übernimmt die Kontrolle. Ohne nachzudenken, nur auf die geschwenkten Pistolen fokussiert, die er überall wahrnimmt, drückt Rafe den Abzug durch.
Es knallt. In den Ohren dröhnt es. Wieder und wieder und wieder das metallische Krachen von Schüssen. Schießen ist verdammt laut. Er sieht eine, zwei, drei Gestalten zu Boden stürzen. Blut spritzt.
Dinge wirbeln durch die Luft.
Erst jetzt bemerkt er, dass im Gegenzug auf ihn geschossen wird.
Was?
He, Moment mal, wieso …
Etwas trifft ihn mit Wucht im Oberschenkel. Das Bein bekommt einen Schlag und wird nach hinten gerissen. Der Oberkörper kippt nach vorn weg, Übergewicht.
Rafe schlägt Fresse voran am rissigen Asphalt auf.
Scheiße, tut das weh.
Das Kinn radiert über den Gehsteig, er blutet. Hastig und ungelenk robbt er davon. Jemand tritt ihm auf die Hand, er kreischt. Furzt vor Angst. Chaos, Lärm, ringsum rennende Leute. Quietschende Bremsen, rauchende Reifen. Heftiges metallisches Scheppern, dumpf, laut, markerschütternd. Karambolage. Schnellfeuer, das helle Stakkato wütender Insekten im Sturzflug. Die donnernde Replik einer Pumpgun. Etwas kracht – laut. Hitze und Gestank fegen über ihn hinweg. Ein explodierter Benzintank.
Da entwickelt sich ein undurchschaubares Durcheinander.
Vielleicht hat er in ein paar Tagen die Nerven, sich diese Scheiße auf YouTube anzuschauen. Jetzt will er nur weg.
Weiter!
Robben am Asphalt, Aufwischen von Dreck, Spucke, Scheiße. Straßenreinigung mal anders. Der Lärm bleibt zurück wie Haut und Blut am Straßenbelag. Rafe robbt und kriecht, hinein in die unterkühlte Dunkelheit eines Hauseingangs, der beißend nach der Pisse alter Männer stinkt. Weiße, ausgeleierte Unterhosen, dimensioniert wie Müllsäcke mit gelben Flecken, die nicht mehr auszukochen sind. Der Bund am Bauchnabel. Das hat er nie verstanden. Wozu soll das gut sein?
Er stemmt sich in eine sitzende Position.
»Hurenfut«, flucht er.
Sein Bein pocht wie die Hölle. Unter der zerfetzten Hose jede Menge Dreck, trockenes und fließendes Rot. Ein Loch, in das der kleine Finger passt. Kriegszustand im Hosenbein. Muss der Schock sein, der ihn bei Bewusstsein hält.
Er orientiert sich. Ah. War er nicht schon mal da? Irgendwann schnell durchgerannt, auf der Flucht vor … wem auch immer. Rafe schleppt sich ein paar Stufen hoch, eine Bassena.
Ja, dieses spezielle Wasserbecken kennt er. Die Keramik hat einen Sprung, der wie eine Möse aussieht. Das Fickbecken der 12er-Stiege. Jetzt ist alles klar. Der Weg nach draußen und in sichere Distanz zu dem Durcheinander liegt vor ihm.
Nach rechts, dem feuchten Kellermief eines Altbaus folgend. Durch die schäbige Tür in den Hinterhof raus. Alter Baumbestand, Mülltonnen, Wäschespinnen. Der Charme der Verwahrlosung.
Rafe humpelt bis zur besoffen dastehenden Ziegelmauer. Krallt sich am moosigen Stein hoch. Finger rutschen ab. Rafe schnauft, rotzt, blutet. Strampelt wie blöd, trotz der Schmerzen. Hat keine Ahnung, wie er raufkommen soll. Irgendwie schafft er es, ist oben, dreht sich herum, fällt runter.
Der Aufprall treibt ihm die Luft aus der Lunge. Ein Wunder, dass die windschiefe Mauer trotz seines Gehampels standhaft geblieben ist. Er wähnt sich in Sicherheit. Immerhin ist er jetzt eine Straße weiter.
Hier sieht ihn niemand, und er hört hier nichts mehr vom Schlachtfest.
Rafe stolpert vorwärts, in Bewegung gehalten von Adrenalin, das sein ausgemergelter Körper gar nicht produzieren dürfte. Unkraut vergeht nicht. Rafes Gedanken schweifen ohnehin schon wieder ab.
Gutterbrain.
Er grinst.
Hell, yes.
Fuck.
Scheißdreck.

*****

Als er an dem Laden vorbeikommt, der ihm bisher nicht aufgefallen ist, blickt er neugierig hoch. Ja, bäh. Absolut nichts für ihn. Nicht, dass ihn da überhaupt jemand reinließe, nein. Aber allein die Leute – die Hochnäsigkeit im Blick, in den verspannten Mundwinkeln.
Lauter wichtige Personen, die alles besser wissen. Er mag diese Art von Gesindel nicht. Verlogene Brut. Oh, da, sieh mal. Die Augen. Weiblich. Eine Frau, die ihn ansieht. Er erwidert den Blick. Sie lässt Abscheu erkennen, klar. Wie sollte es anders sein? Aber – und das verblüfft ihn – sie zeigt genauso eindeutig, dass sie scharf ist. Und diese in den Augen lesbare Geilheit ist auf ihn gerichtet.
Fuck?
Rafe zögert. Soll er hingehen und eins in die Fresse riskieren? Bleibt er stehen und wartet ab, was passiert? Oder … oh. Sie setzt sich in Bewegung. In seine Richtung. Allein, wie sie sich bewegt. Und wie sie dreinschaut. Sie fickt ihn mit den Augen auf die ordinärste Art und Weise, zu der eine von ihrer Sorte vermutlich bereit ist.
Wie sein verwahrloster, abgetakelter Körper es schafft, ist unerklärlich, aber sein Schwanz wird steif. Es ist wohl so, wie man es immer wieder hört: dass der Fortpflanzungstrieb selbst dann funktioniert, wenn Arme und Beine ausgerissen sind und die Stümpfe bluten.

02: Prolog II: Wo sind wir

Stell dir vor, du lebst in einer Stadt, deren Bewohner zum beträchtlichen Teil eine fiese Ader haben. Die meisten der Wohlhabenden sowieso, das liegt in der Natur der Sache. Je mehr Geld, umso niederträchtiger der Charakter.
Was einst die Mittelschicht war, ist nicht weniger beschissen drauf, denn sie kämpft gegen den Abstieg an, und da sind alle Mittel recht, um im standesgemäßen Milieu zu bleiben. Der Rest der Bevölkerung ist aus reiner Gehässigkeit fies, weil die Menschen chancenlos sind, etwas an ihrer Situation zu ändern.
Stell dir außerdem vor, diese deine Stadt ist bevölkert von Menschen, unter denen unbemerkt menschenähnliche Kreaturen leben, die du sonst nirgendwo finden wirst. Die Vermutung liegt nahe, dass jede Stadt ihre seltsamen, auf die lokalen Gegebenheiten angepassten Bewohner hat, die darin hausen. Aber hier ist es Gewissheit.
Und dann male dir aus, dass du tagtäglich mit Mensch und Kreatur zu tun hast und dich gegen sie zur Wehr setzen musst, während die Stadt dir ungerührt bis amüsiert zusieht. Bisher, das wird dir langsam bewusst, ist dir eine Sache völlig entgangen.
Die Stadt lebt.
Sie ist uralt und böse und wird alles tun, um dir das Leben zur Hölle zu machen. Das hat sie immer schon getan. Aus ihrem Würgegriff gibt es kein Entkommen. Nicht für dich. Du bist Futter, Knochenmehl für die Mühlen aus Stein und Gift, die sich an dir laben und dir nehmen, was du brauchst.
Die Stadt ist ein destruktiver Organismus.
Sie ist dein Zuhause.

03: Mitten in die Fresse

Rafe tippte mit dem schmutzigen Zeigefinger für seine Verhältnisse sanft gegen den Nagel der rechten, großen Zehe. Der war dunkelgrün unterlaufen und von einem schwarzen Rand umgeben, der unübersehbar kränklich aussah. Tot wie eine Leiche, stinkend und saftend.
Die Berührung jagte einen stechenden Schmerz das Bein bis in die Hoden hinauf. Er zuckte zusammen.
Fu-aua-ck.
War das gut, wenn es schmerzte? Dann waren die Nerven nicht abgestorben. So hieß es. Oder tat es nur weh, weil das Schmerzsignal von dort, wo der Nerv noch nicht abgestorben war, seinen Ausgang nahm? Ging das überhaupt?
Verwirrend. Er hatte so gar keine Ahnung davon, wie das funktionierte.
Hauptsache, die Scheiße tat mörderisch weh.
Ringsum unter der Nagelhaut und vorn quoll blutiger Eiter hervor. Eine Menge davon. Das Zeug war zähflüssig und wies die Farbe von Durchfall auf. Eklig. Rafe schauderte.
Angewidert wischte er das Zeug mit der Fingerspitze weg, schnüffelte daran. Es stank. Widerlich, ein wenig wie verdorbenes Fleisch. Was zur Farbe passte. Gedankenlos rieb er den Finger im Shirt ab.
Sein Junkie-Ich wollte bei dem Anblick raunzen und jammern und mit dem Schicksal hadern, dass er in den Schuh reinmusste. Damit das klappte, musste das Zeug aus dem aufgequollenen Zeh raus. Da half alles nichts.
Er knirschte mit den Zähnen und drückte mittig auf den Zehennagel.
Fest.
Ein merkwürdig knirschendes Geräusch ertönte. Schmerz explodierte, Rafe heulte auf. Blut und Eiter spritzten fast einen Meter weit aus dem Zeh. Es war grotesk und gehörte zu den ekligsten Dingen, die er je erlebt hatte. Aber dank der Faszination des Grauens konnte er nicht damit aufzuhören, Druck auszuüben.
Erschütternd, wie viel von dem Zeug hervorquoll. Kein Wunder, dass der Zeh so dick war. Wenigstens trat die angestrebte Wirkung ein.
Leck Arsch, tat das weh.
Als fast nichts mehr herauskam und die nähere Umgebung gründlich eingesaut war, stemmte sich Rafe auf die Beine und humpelte auf der Ferse in die versiffte Küche, Rotz aus der Nase blasend, den der Schmerz dorthin geschwemmt hatte.
Er fand eine fast erschöpfte Flasche Johnny Walker Red Label. Er leerte sie, warf das Glas achtlos in die Spüle und suchte in den Hängekästen. Neben einer Menge Motten, die sich darin heimisch niedergelassen hatten, fand er wunderbarerweise eine Flasche Zirbenschnaps.
Komisch.
Wo zum Henker kam die denn her? Sogar unangetastet, sensationell. So ließ es sich schon deutlich optimistischer in den Tag starten. Wobei er immer wieder feststellte, dass sich Optimismus rächte, und das ausgesprochen fies. Deshalb verzichtete er in der Regel gern darauf.
Rafe drehte mühsam den Verschluss auf, freute sich, als er nach einiger Anstrengung das Knackgeräusch der Versiegelung vernahm. Endlich. Er nahm einen kräftigen Schluck und spuckte das Zeug fast sofort wieder aus.
Gottverdammt, der Schnaps war hochprozentig. Der ätzte die Speiseröhre weg, verfickte Scheiße noch mal. Mit einem schweren Seufzer plumpste er auf den bedenklich knackenden Sessel. Das Zeug auf der Sitzfläche ignorierte er geflissentlich.
Ächzend zog er das Knie hoch, legte den Fuß auf den Oberschenkel des anderen Beins. Bäh. Das war wahrhaftig weder angenehm zu sehen noch zu riechen. Ehe er den Schwung verlieren konnte, goss er kurzentschlossen eine großzügige Menge des Zirbenschnapses über den malträtierten Zeh.
Wilder Schmerz flammte auf. Mit einem Schrei fiel Rafe vom Sessel, krachte hart in den Dreck auf dem Boden. Unartikuliert fluchend wälzte er sich herum. Hölle und Dreck, verflucht noch mal! Diese Scheiße schmerzte so richtig.
Da hatte er wieder einen Beweis dafür, dass Optimismus und Freude nicht angebracht waren. Er hatte das Glück gehabt, den Alkohol zu finden und dadurch das Pech, brutale Schmerzen zu erleiden.
Hölle und Dreck, verflucht noch mal.
Was für eine besch…eidene Art, einen Tag zu beginnen.
Gottverdammte Scheiße noch mal.

*****

Rafe hinkte die Straße entlang. Seine ausgelatschte und abgewetzte Kopie eines Converse wies einen dunklen Fleck auf, und die verdammte Socke juckte dermaßen, dass es ihn in den Wahnsinn trieb. Wie lange er die Socken schon trug, wusste er nicht zu sagen. An dem einen oder anderen Morgen war er aufgewacht und hatte sie an den Füßen. Hygienisch war das schon lange nicht mehr.
Seine Sinne ließen sich kaum als zuverlässig bezeichnen, trotzdem war er sicher, dass die Socken bereits so lange ungewaschen waren, dass sie nicht einmal mehr stanken. Was wirklich gruselig war.
Wann hatte er das letzte Mal eine Ladung Klamotten in der Waschmaschine gehabt und sie nicht nur dort deponiert, sondern tatsächlich gewaschen? Mit Waschmittel, Schleudergang, auf der Wäscheleine über der Wanne aufgehängt und dort trocknen lassen? Wie es sich eben gehörte.
Er war Baby Schimmerlos, was das anging, hatte keine Idee, glich der leeren Hülle eines unbenutzten Verstands. Teufel, er kapierte noch nicht mal, weshalb die Maschine nach all der Zeit noch immer im Badezimmer stand, nicht schon längst verhökert war.
Funktionierte das Gerät überhaupt oder hatte es vor langer Zeit den Geist aufgegeben, ohne dass er davon wusste? Keinen blassen Schimmer, eben Baby Schimmerlos.
Unter Berücksichtigung der hygienischen Misere, die schon in wenigen Minuten wieder dem Vergessen anheimgefallen sein würde, diktierte die Vernunft, dass es nur gesünder sein konnte, mit bloßen Füßen durch die Stadt zu laufen und aufzuhören, irgendwelchen Alkohol über den Zeh zu schütten.
Aber das war die Macht der Gewohnheit, und angeblich desinfizierte das hochprozentige Zeug ja. Wer sagte denn, dass die Behandlung bisher nicht Schlimmeres verhindert hatte? Hä? Konnte irgendwer einen Beweis für irgendwas erbringen? Nein? Gut, damit erübrigte sich die Argumentation wohl.
Langfristig stellte diese Form der Behandlung natürlich keine Lösung dar. Man brannte eine derart dimensionierte Entzündung nicht aus, indem man Schnaps und Whisky darüber leerte. Das war ihm klar. Aber zu mehr sah er sich nicht imstande.
Zu mehr raffte sich Rafe auch im Alltag nicht auf.
Dessen ungeachtet war er unterwegs, um für einen Job vorzusprechen. Das verblüffte ihn selbst am meisten. Geld verdienen, auf ehrliche Weise. Solch eine Chance gab es für jemanden wie ihn nicht oft, und er wäre ein Volltrottel, wenn er diese Möglichkeit sausen ließe.
Nein, korrigierte er sich in Gedanken säuerlich, er war ein Volltrottel, dem die eigene Blödheit zum Glück nicht oft bewusst wurde, weil er seinen Verstand killte. Trotzdem hatte er es auf unerklärliche Weise geschafft, ein Vorsprechen zu ergattern. Wie das passiert sein konnte, entzog sich seinem Verständnis.
Völlig.
Er war Fachmann für nichts. Rafe konnte nichts und wollte nichts können. Er hatte kein Interesse daran, Dinge zu erlernen. Davon abgesehen befanden sich die meisten arbeitsfähigen Menschen rein körperlich in besserer Verfassung als er. Er verkörperte das wandelnde Argument gegen den Versuch, Drogensüchte irgendwie irgendwo in die Gesellschaft einzubinden.
Allein deswegen erschien ihm der Gang zu dem Termin rätselhaft. Er kam nicht darauf, wann genau er sich dafür gemeldet hatte. Teufel, wem wollte er was vormachen? Er hatte keinen Schimmer, welche Art von Arbeit überhaupt angeboten wurde. Straßen kehren? Rinder filetieren? Leute töten? Rafe hatte keinen Plan. Völlig blanke Mattscheibe.
Aber hey, Scheiße noch mal.
Hin und wieder musste sogar er essen, und sein Zeh brachte ihn vermutlich um. Schon, um damit zurechtzukommen, brauchte er mehr Drogen. Nahrungsmittel und Rauschmittel kosteten eine ordentliche Stange Geld. Und da es daran mangelte, blieb ihm nichts anderes übrig, als Kohle zu verdienen.
Und so war er Richtung Geld unterwegs. Wenn er dafür etwas tun musste, dann würde er es widerwillig tun, so war es eben.
Scheißleben.
Bis vor kurzem war er gemeinsam mit einem Kumpel in Wohnungen eingestiegen. Aber der Freund war spurlos verschwunden, entweder hopsgenommen oder über die Klinge gesprungen. Der Kerl war schwer auf H gewesen.
Jedenfalls war die Quelle versiegt, und allein traute sich Rafe keinen Bruch zu. So brauchte er Gelegenheitsarbeiten, und hier bot sich eine Gelegenheit für Arbeit. Eine gute Sache. Ihm war flau im Magen. Er erinnerte sich nicht daran, wann er zuletzt gegessen hatte und was.
Er brauchte Nahrung.
Mit zusammengebissenen Zähnen durchsuchte er die Taschen von Jacke und Hose nach Geld. Die schmerzenden Fingerspitzen mochten die dunkle Enge gar nicht. Hier und da fand sich eine Münze, und als er alle möglichen Verstecke zweimal durchforstet hatte, öffnete er die Faust, um die kümmerliche Ausbeute in Augenschein zu nehmen.
Während er zählte, sich vertat und noch mal von vorn begann, steuerte er schon den Würstelstand an, dem er so oft einen Besuch abstattete, wie er Geld zum Essen erübrigen konnte.
Nein, das stimmte nicht. Er war öfter hier, als er zu bezahlen imstande war. Eren, der Betreiber, war aus irgendeinem Grund ihm gegenüber großzügig. Ging es sich nicht aus, drückte er ein Auge zu, hatte er gar nichts, durfte er anschreiben.
Seltsame Sache. Rafe verstand nicht, warum der Mann das tat. Reich wurde man mit einer Bude wie dieser nicht, oder? Hatte er Rafe zu seinem persönlichen Sozialprojekt auserkoren? Eine Möglichkeit. Genauer dachte Rafe darüber nicht nach. Er hatte Sorge, dass ihm das Denken diese Lebenserleichterung nehmen könnte, sobald er sich eingehend damit beschäftigte.
Immerhin erhielt ihn Eren mit seiner Großzügigkeit am Leben.
»He, Eren«, grüßte er.
»Hallo Rafe«, tönte es zur Antwort, während der Mann damit beschäftigt war, eine Debreziner in Stücke zu schneiden und mit den üblichen Beilagen inklusive Dosenbier einem Typen im Blaumann zu servieren. Klassisch auf Pappteller. Erens Bude war ein richtiger, unverfälschter Würstelstand, wie es sie nur noch selten gab. Ohne Döner, kein Kebab.
Eren wandte sich Rafe zu.
»Wie viel hast du dabei?«, fragte er ohne Umschweife, und Rafe ließ seine Münzen auf die Ausgabe rieseln.
»Ein wenig fehlt mir«, gestand er.
Eren schüttelte den Kopf, schaute zwischen amüsiert und mitleidig drein. Was der Budenbesitzer sonst an Mimik zur Schau stellen konnte, wusste Rafe die meiste Zeit nicht zu deuten.
»Vergiss es, Junge.« Das sagte er immer wieder, und jedes Mal war Rafe deswegen irritiert. Er war schon lange kein Junge mehr. Im Gegenteil. Er war sogar deutlich zu alt, um ein Junkie zu sein.
»Behalt die paar Münzen, auf die bin ich nicht angewiesen. Weißt du überhaupt, wie viel du mir inzwischen schuldest?«
»Nicht den geringsten Schimmer, Eren, tut mir leid.« Das war eine hässliche Frage, und die war nur aufgekommen, weil er den Zirbenschnaps gefunden und sich darüber gefreut hatte. Oder? Nicht? Was hatte das eine mit dem anderen zu tun? Kapierte er nicht.
Scheiße, echt. Entsetzt sah er, dass der Mann ein Notizheft unter dem Tresen hervorzog und aufblätterte. Wirklich?
»Um das Geld kannst du deine eigene Bude aufmachen.« Er schlug das Heft zu, steckte es weg, und musterte Rafe aufmerksam. »Dir steht Schweiß auf der Oberlippe«, sagte er. »Auf Entzug?«
»Mein Zeh schmerzt wie Hölle, und ich brauch was zwischen die Zähne.«
»Du siehst aus, als wolltest du gleich abkratzen.«
»Ne, nicht so schnell. Ich fühl mich nur echt beschissen. Hab vergessen, rechtzeitig zu bestellen.«
»Und was hast du vor?«
»Ich muss zu ’nem Job. Keine Ahnung, wie das passiert ist, aber wenn der was wird, zahle ich die Schulden.«
»Rafe, komm. Wem machst du was vor? Das geht sich nie und nimmer aus. Weißt du außerdem, wie oft du mir schon gesagt hast, du hättest einen Job?« Er holte das Notizheft ein weiteres Mal hervor.
»Das hast du auch aufgeschrieben?« Rafe konnte es nicht fassen. Das war jetzt aber nicht mehr normal, oder? Nein, das war eindeutig verrückt. Wozu sollte das gut sein? Eren war irre.
»Klar, Rafe. Ich notiere alles. Statistiken. Wissen ist Macht. Ich bin das Google der Würstelbuden.«
»Hä?« Musste er verstehen, was der Mann erzählte? Konnte man das überhaupt kapieren? »Und was nützt dir das? Du verkaufst Würste und Dosenbier.«
»Nicht für immer«, gab Eren gutmütig zurück. »Ich hab große Pläne.«
»So wie ich«, versuchte sich Rafe an einem Witz.
Eren verzog den Mund zu einer säuerlichen Grimasse.
»Oh Rafe, lass das. Du und Scherze, das geht gar nicht. Schau, dass du zu deinem fiktiven Job kommst, du Weichbirne.«
»Äh …«, machte Rafe.
Das fand er unfair und wollte dagegen protestieren. Der Job war echt, er wusste nur nicht, worum es ging. Aber er verzichtete auf Widerspruch. So viel zu reden, fand er anstrengend, die Leere in den Eingeweiden tat weh, und er sollte dringend weiter. Hoffentlich mit einem Magen, der nicht vor Hunger rumorte. Er klackte mit den Zähnen und schaute verzweifelt drein.
Eren seufzte und reichte ihm einen Hotdog. »Dafür nimmst du den Job an, Rafe.«
»He, Mann, danke. Du rettest mir das Leben.« Rafe stöhnte erleichtert.
»Statistik gefällig?«, fragte Eren trocken. »Das sagst du gern. Sollen wir schauen, wie oft?«
»Mann, danke, nein, ich muss jetzt weiter.« Rafe schüttelte den Kopf und schlurfte dem sehr wohl existierenden Job entgegen. Das Loch im Bein war offenbar ein Glückstreffer gewesen, ha-ha-ha, denn er spürte es kaum noch und hinkte nur wenig. Eine Fleischwunde ohne größere Schäden. Vielleicht war das genau das Glück, das ihm Ärger bescherte. Normalerweise drosch ihm der Alltag immer voll in die Fresse.
Hey.
Rafe blieb stehen und blinzelte ins Schaufenster eines kleinen Elektroladens. Da lief auf einem Fernseher der lokale Nachrichtenkanal. Es ging um die Schießerei, die … echt? Das war vor Wochen gewesen? Zum Teufel, wie war denn das passiert?
Verdammt, Rafe verlor allmählich den Überblick über die Zeit. Was hatte er seitdem getrieben? Wo war er gewesen, mit wem hatte er sich getroffen und … He, Moment mal. Eine Frau? Erinnerte er sich oder war das Wunschdenken? Nein, kein Wunschdenken. Sogar eine … wow. Was für eine … Wann, wie, welche, wieso, was? Da war … Rafe schreckte auf. Er wäre beinah im Stehen weggedämmert.
Verdammt.
Zusammenreißen, du Idiot.
Da erkannte er eine vertraute Visage in dem Bilderwirrwarr im Fernseher. Ha! Sieh einer an, das war doch der Wichser, der ihm die Nadel in den Oberschenkel … ne, Moment, in die Schulter gesteckt hatte. Der Arzt bei den Samaritern.
War der tot? Sah ganz so aus.
Was für ein blöder Zufall aber auch.
Wie lustig, dachte Rafe. Vielleicht war sogar ich derjenige, der ihn niedergeballert hat. Oh Scheiße, was hab ich mit der Pistole gemacht?
Egal. Spielte keine Rolle. Es war nie ein Bulle bei ihm aufgetaucht. Vielleicht, weil er zwar aktenkundig war, aber niemand ihn für voll nahm. Wenn sie ihn drangsalierten, dann deswegen, weil er die meiste Zeit fetzendicht war. Er kam kaputt rüber, und genauso behandelten sie ihn. Hatte auch Vorteile, der zugeballerte Idiot vom Dienst zu sein.
Die Bullen hatten sicher viel mehr Videos gesehen, als auf diversen Plattformen kursierten. Die hielten den Großteil zurück, davon war Rafe überzeugt. Trotzdem war nie jemand bei ihm aufmarschiert. Das bedeutete unter anderem, dass er es rätselhafterweise geschafft hatte, sämtlichen Kameras zu entgehen. Unerklärlich, wie das vonstattengegangen sein konnte.
Und damit wusste kein Mensch, dass er die Pistole … Wie auch immer. Wen kümmerte es?
Rafe wandte sich ab. Wieder munter stolperte er weiter, Richtung Job.
Er hatte das dringende Verlangen nach dem Geld, um sich Scheiße zu kaufen, die den Verstand zuballerte. All dieses Denken, das mochte er nicht, und er wollte, dass es verstummte. Rafe hatte Angst, sich daran zu gewöhnen, über Sachen nachzudenken. Das klang schauderhaft.
Außerdem wollte er Eren eine Handvoll, nein, vielleicht fünf, ach, besser drei Scheine auf die Theke knallen. Nur nicht übertreiben. Je mehr man hinlegte, umso höher wurden die Nachforderungen. Alles hübsch langsam und wohldosiert.
Ja, das klang nach einem brauchbaren Plan. Einer, ein zweiter und ein dritter Lappen. Rein damit in die Duftwolke und die Schmiere.
Klappte alles, würde er für ein paar Wochen aus dem Schneider sein.
Aber hallo.
Fuck.
Scheißdreck.

04: Scheiß auf die Scheiße

Die angegebene Adresse erwies sich als eine Hofeinfahrt. Rafe kannte die Gasse und war oft an dem Haus vorbeigekommen, hatte bisher aber nie einen Grund gefunden, einen Blick in den Hinterhof zu riskieren.
Jetzt war er da und schaute hin.
Er stand in der Einfahrt und starrte verwirrt. War nicht sicher, ob das, was er sah, Realität darstellte oder ob er einen Anfall hatte. Der Anblick entsprach dem, was man üblicherweise auf den straßenabgewandten Seiten zu sehen bekam. Ein verwahrlost wirkender Hinterhof, wie für das halbe Dutzend Straßenzüge ringsum üblich.
So weit, so normal.
Irritierend fand er die Handvoll Leute, die damit beschäftigt zu sein schienen, Müll zu verteilen, um aus einer verwahrlosten Anlage ein richtiges Drecksloch zu gestalten. Weitere Personen sahen zu oder taten andere merkwürdige Dinge. Dazwischen sichtete Rafe mehrere nackte Hinterteile. Die Szene verrückt zu nennen, wäre schmeichelhaft gewesen.
Postapokalyptische Porno-Müllhalde.

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Der Beitrag [LESEPROBE]: Der Widerliche erschien am 28.11.2019 auf JohnAysa.net


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