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[SCHREIBEN]: Sich selbst zum Opfer fallen

Ok. Sich selbst zum Opfer fallen. Damit ist in diesem Fall gemeint, in die Falle zu stolpern, Texte so zu schreiben, wie man es andauernd tut. Sprich, sich selbst kopieren, den eigenen Stil, die eigene Art und Weise des Erzählens immer und immer wieder herzunehmen. Auch Handlungsabläufe, die grundsätzlichen Charakterzüge von Figuren, etc., in den eigenen Werken zu finden und nur zu variieren. In die Falle stolpert es sich leicht, wenn es konkrete Elemente gibt, die von den Lesern ganz besonders gemocht werden. Da es relativ leicht ist, das herauszufinden, ist es auch sehr verlockend, jene speziellen Züge des Schreibens wiederholt zur Anwendung zu bringen. Manchmal macht man das bewusst, manchmal passiert es einfach.

Dagegen anzusteuern kann verdammt kompliziert werden und erfordert eine ganz bewusste Konzentration auf das WIE des Schreibens. In allen Bereichen: Wortwahl, Stil, Elemente der Geschichte, Aufbau der Geschichte, Finale, Charakterzüge und Erscheinungsbild von Figuren, schlicht einfach alles. Natürlich ist es völliger Quatsch, mit Gewalt eine Änderung zu erzwingen, gar nicht wünschenswert. Zum einen schreckt man mit genügend Pech den größeren Teil der Leser. Die wählen ihren Autor schließlich auch, weil sie dessen Art mögen und nur wenige Leser sind bereit, sich mit jedem Buch auf einen Stilwechsel einzulassen. Zum anderen kann es in eine wirkliche Plackerei ausarten, all diese Dinge bis ins Detail zu überdenken.

Eigenes Foto: BrombeerenTrotzdem ist eine gewisse Notwendigkeit gegeben, sich hin und wieder zu hinterfragen und sachte Korrekturen vorzunehmen. Ewig das gleiche Schema wird schnell langweilig, nicht nur für einen selbst beim Schreiben, sondern auch für die treueren Leser. Sind sie nett, merken sie das mehrmals freundlich irgendwo an, in einer Rezension, auf Facebook, wo auch immer. Eventuell lassen sie es dich sogar direkt wissen. Im anderen Fall sind sie auch schlicht und ergreifend schnell weg und du hast keine Ahnung, warum.

Natürlich schreibst du als Autor die Geschichten auch und wahrscheinlich sogar hauptsächlich für dich, weil du solch einen Stoff gerne liest. Und du entscheidest, wie du es tust, ganz allein. Verantwortung hast du niemandem gegenüber. Die Frage ist nur, wie professionell und ernst du das Schreiben nimmst und was du damit erreichen willst? Eine Karriere, die sich auch bezahlt macht? Dann wird es wohl nicht verkehrt sein, ein Auge auf das eigene Schöpfen zu haben. Bleibe bei deinen Themen, arbeite in deiner Nische, mache das Beste daraus, zu dem du in der Lage bist, habe Freude dabei. Aber achte auf Routinen. Sie sind praktisch, weil man schnell weiterkommt, sich in vertrautem Terrain bewegt und mehr oder weniger im Blindflug arbeiten kann.

Und mit dieser Vorrede langen wir bei SHE/Prinzessin. Dem vierte Band, an dem ich jetzt schon ewig lange schreibe. Und den Problemen, die das Buch bereitet. Ich bin im Lauf der letzten zwei Jahre, glaube ich, mehrmals über einen kritischen, wiederkehrenden Fehler gestolpert. Ich habe genau dasselbe geschrieben wie in den vorigen drei Bänden. Gut, es kamen dann Zeitmangel und eine eher destruktive Einstellung dem Schreiben gegenüber hinzu, eine Phase, in der ich durchaus gewillt war, das Handtuch zu werfen und es bleiben zu lassen.

Aber das Hauptproblem war, ist es immer noch, nicht genau das zu tun, was ich in den vorherigen Bänden getan habe. Das gleiche Schema und viel zu ähnliche Perversionen nochmal herzunehmen. Vielleicht bin ich kein guter Autor, aber das Buch zwingt mich zu einem Ballett – zwei Schritte vor, ein Schritt zurück. Das Grundgerüst der Geschichte von SHE ist letzten Endes die Quest, die Reise einer Aufgabe, einem Finale entgegen, mit allerlei Hindernissen unterwegs. Für mich ist es dasselbe wie die Filmserie Lone Wolf and Cub, alias Baby Cart. Oder die Zatoichi-Filme der 1960er – 1970er Jahre. Nun, eher Lone Wolf.

Lone Wolf ist ein Meisterwerk als Manga in 33 Bänden. Ich schätze auch ungemein die sechs Filme der Serie. Aber ich habe es nie geschafft, den Mange in einem Ruck zu lesen, sondern immer nur ein paar Bände, dann eine lange Pause, dann weiter. Auch die Filme, Binge Watching war völlig unmöglich. Zwei Filme, große Pause, die nächsten Filme. Und das, obwohl ich die Geschichte wirklich verdammt gern mag. Sie ist klein und sehr persönlich, zugleich so dramatisch und massiv wie eine Oper oder Der Pate.

Aber es ist eine Geschichte, deren Struktur jedes Mal variiert wird und stets nach dem gleichen Schema abläuft. Das ist grundsätzlich nicht schlecht und eigentlich sogar sehr gut, spricht es mich an, bleibe ich bis zum Ende hängen. Wenn ich als krasses Gegenbeispiel die Star Wars Filme seit Episode 7 hernehme, dann ist das der Prototyp der unendlichen Wiederholung stets derselben Geschichte, wo das drastisch in die Hosen geht und dabei nur langweilige Scheiße rauskommt.

Zurück zur Prinzessin, aka SHE, die Kampfsau.

Ausschnitt Cover (Mockup): John Aysa: Prinzessin - Killer IchDie erste Trilogie ist quasi eine Geschichte, die in Buch Eins beginnt und in Buch Drei zu einem Ende kommt. Ich kann und will die zweite Trilogie nicht nach dem selben Schema gestalten. Natürlich, das Grundprinzip ist die ewige Reise, aber was dabei passiert, wie es vonstatten geht und was sich daraus alles ergeben kann, das sind die potenziellen Chancen und Fallstricke in einem. Und hier das Gleichgewicht zu wahren und als Erschwernis auch auf ein Finale dieser drei Bücher hinzuarbeiten, dass die dritte Trilogie ermöglich, das ist kompliziert. Die Schwierigkeit betrifft dabei nur den ersten Band, denn steht das Gerüst, und die Entwicklung, dann kann ich die nachfolgenden Bände einhaken und passend weiterführen.

Ich denke doch, dass es für Autoren, die ihre Profession auf höherem Niveau betreiben wollen, was Selbstorganisation und Handwerk betrifft, bedeutend schwerer ist als noch vor wenigen Jahren, die Leserschaft bei der Stange zu halten. Story X mal Gewaltquote Y mal Sexanteil Z alleine reicht nicht mehr. Dazu wimmelt es vor viel zu vielen Amateuren, die keinen geraden Satz rausbringen, aber bis ins kleinste Detail einen Prolaps beschreiben können, in dem der Schwanz so heftig wütet, dass die Scheiße spritzt. Sehr lustig, aber nichts, worauf sich auf Dauer eine Karriere aufbauen lässt.

Wie man das macht, das zeigen die ganz wenigen, wirklich erfolgreichen Autoren, die Kultstatus erlangt haben. Edward Lee ist so ein Beispiel, Brian Keene ebenfalls. Und was können beide? Fesselnde Geschichten richtig gut geschrieben erzählen. Mit Witz, guten Ideen, stilsicher. Und sie erzählen in jedem Buch eine andere Geschichte, auch wenn sie immer wieder vertraute Elemente mit einbauen. Das ist das Gleichgewicht, von dem ich vorhin geredet habe.

Und während mich SHE, wie es ihrem Charakter entspricht, mit ihrer Bockigkeit in den Wahnsinn treibt, entstehen in den Pausen, in denen ich an dem Buch schier verzweifele, andere Werke, schmäler, extrem explizit in jeder Hinsicht, aber, so bilde ich mir ein, auch sehr unterschiedlich. Jede Geschichte ist anders, und jede enthält vertraute Elemente. So bilde ich es mir ein, so hoffe ich es.

Gleichgewicht. Verdammtes, nervtötendes, richtig beschissenes, erstrebenswertes Gleichgewicht der Elemente.


Fehler in der Schreibe gefunden? Glückwunsch, darf als Finderlohn behalten werden. ;-)


Der Beitrag [SCHREIBEN]: Sich selbst zum Opfer fallen erschien am 17.03.2019 auf JohnAysa.net


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