18. Oktober 2021

JOHN AYSA

finished, not perfect

[UND AMEN]: Midnight Mass

Netflix Midnight Mass
Midnight Mass wäre so gern eine Geschichte von Stephen King ...

Ich bin mir sicher, ich habe noch nie eine Serie gesehen, deren Dialoge in weiten Strecken aus Bibelzitaten bestehen. Auch habe ich keine Serie gesehen, die sich so detailbesessen mit der Bibel beschäftigt. Gäbe es dabei nicht die eine oder andere überaus eigenwillige Auslegung der Schrift, mit der Charaktere ihr Handeln rechtfertigen, man könnte meinen, eine Missionierung via Streaming zu erleben.

Doch Midnight Mass ist eine Horror-Serie, die sich ordentlich Zeit lässt, um in Fahrt zu kommen und bis dahin in schönen Bildern, dichter Stimmung und dem einen oder anderen poetischen Moment schwelgt. Midnight Mass ist aber auch eine Horror-Serie, die sich zu viel Zeit lässt, einige Löcher in der Geschichte hat, in denen ein Boot absaufen kann und letztendlich mit einer Motivation der Hauptfigur aufwartet, die sooo … hmm, wie sage ich es jetzt … dumm und unglaubwürdig ist, dass die Sache als Ärgernis endet. Wenn da nicht zuvor schon die Charaktere ein paar ärgerlich blöde Aktionen geliefert hätten.

Netflix Midnight MassRegisseur Mike Flanagan kann wohl nicht mehr anders, als Stephen King Geschichten (Gerald’s Game, Doctor Sleep – beides King-Bücher) zu verfilmen, selbst wenn sie nicht von King stammen. Midnight Mass ist die auf einer Insel spielende Variante von Brennen muss Salem. Also, korrekterweise muss man sagen, Midnight Mass ist der kleine, etwas zurückgebliebene Cousin.

Die Serie schafft es, durch ihre morbide Schönheit immer wieder davon abzulenken, dass hier einige Handlungen von Charakteren einfach keinen Sinn machen. Sie spoilert sich durch die Inszenierung – wieder sehr schön, aber echt klischeehaft in Momenten – auch so weit, dass die große Enthüllung zum Priester nicht überraschend kommt.

Klar, Midnight Mass ist eine der Serien, von denen man die erste Staffel komplett schaut, nur am Ende ist die ganze Sache nicht wirklich befriedigend. Und warum, zum Teufel nochmal, macht man Kameraeinstellungen, um viel Feuer zu zeigen, wenn bei einem selbst höherem Serien-Budget klar sein muss, dass die Effekte-Macher kein überzeugendes Großfeuer herbeizaubern werden können. Überhaupt gibt es einzelne Momente, wo die Effekte viele sind, aber nicht überzeugend.

Nun ist Midnight Mass eine Serie, die sich sehr ausführlich mit christlicher Religion auseinandersetzt und das bis auf eine zwischendurch schon ermüdend-nervige Spitze treibt. Minutenlange Vorträge religiöser Eiferer sind schon eine Geduldprobe. Immerhin schön ausgearbeitet dadurch wird, welch unerträgliche und eigentlich verabscheuungswürdige Menschen Fanatiker sind, völlig egal, welcher Art ihr Fanatismus ist.

Irgendwo stand etwas von einer Meditation über Trauer. Kann man so ausdrücken. Zugleich ist es eine zutiefst amerikanische Serie und damit holte sie sich selbst immer wieder aus dieser Meditation raus und lässt diese etwas trivial erscheinen.

Mit genügend Geduld und Sinn für ein wenig „Pseudo-Tiefgang“ ist Midnight Mass durchaus unterhaltsam, sogar über dem Durchschnitt. Der großartige Wurf, zu dem es gerade gehypt wird, ist es meiner Meinung nach nicht. 

Ich hoffe allen Ernstes, dass es bei der einen Staffel bleibt, denn das Ende wäre dafür passend. Aus dem, was bleibt, eine zweite Staffel an den Haaren ans Licht des Tages zu ziehen, das kann nur schiefgehen.

Midnight Mass ist eine Mini-Serie und das heißt, eine Staffel und fertig. Aber wie wir wissen, bei genügend Erfolg … bitte nicht. Die Geschichte ist erzählt.

Soweit der subjektive Eindruck dieses Autors. Danke für’s Lesen.


Der Beitrag [UND AMEN]: Midnight Mass erschien am 08.10.2021 auf JohnAysa.net


Netflix Midnight Mass.

 

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