[LESESTOFF]: Komplette Story: Prinzessin: Killer-Ich

Folgende Story ist das Bonusmaterial des 1. Bandes von Prinzessin. Die Geschichte war ursprünglich ein Kapitel des Romans. Mein damaliger Verleger meinte, sie sein ein Stilbruch und passe nicht zum Rest des Romans und legte mir nahe, dieses Kapitel zu entfernen – was ich auch tat.

Folglich wurde das entfernte Kapitel ein wenig geändert, damit es als selbstständige Story bestehen konnte, und um als Bonus-Material dem Roman beigefügt zu werden. Dass die Geschichte tatsächlich nicht zum übrigen Buch passte, bestätigten mir einige Leserkommentare. Nun denn, dann gab es also eine She-Story.

Nun ist es eine ziemlich surreale und eher schizophrene, unterleibsorientierte, absurde Story im Umfang von 3766 Wörtern. Dazu gedacht, Spaß zu bereiten. Die Absurdität der Szenerie ist eher erheiternd, was nicht zum Rest des Buches passt, da war mein Verleger vollkommen richtig gelegen.

Das Cover ist eine simpel gehaltene Variante des Covers vom Roman. Keine Ahnung, ob es so surreal wirkt, wie die Geschichte ist.

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Danke für das Interesse und gute Unterhaltung!


Nur der Ordnung halber sei an dieser Stelle erwähnt: Der vorliegende Text unterliegt dem Copyright. Er darf nicht verfremdet oder als Eigentum ausgegeben werden, weder kopiert und weiterverkauft oder sonstwie anders genützt werden als zur online-Lektüre. Einziger Rechteinhaber ist der unter dem Namen John Aysa publizierende Autor.


Cover (Mockup): John Aysa: Prinzessin - Killer IchDie Stimmen in ihrem Kopf flüsterten. Zischelnd, aufdringlich, eindringlich. Der Eindruck mochte täuschen, aber ihr kam es so vor, als wären es weniger als beim letzten Mal. Dafür sprachen sie umso deutlicher, das Nuscheln hatte sich in klarere Artikulation verwandelt.
Was nicht viel zu sagen hatte – sie konnte immer noch kaum mehr als einzelne Silben vernehmen, Wortfetzen. Eine verständliche Sprache war deshalb nicht daraus geworden.
Möglicherweise stellte diese scheinbare Verbesserung bloß eine Variante ihrer Geistesstörung dar, eine Verschiebung, eine Entwicklung, eine Mutation des Defekts. Was wusste sie schon? Sie hatte nie Psychologie studiert, und ihr Interesse an dieser Form des Wissens war nie groß gewesen. Diese Ignoranz fiel ihr gerade auf den Kopf, wie sie feststellte.
Andererseits: Wen kümmerte es? War es die Sache überhaupt wert, sich eingehender damit zu beschäftigen? Letztendlich schien es ziemlich egal zu sein, ob man eine Stimme deutlich oder mehrere Stimmen undeutlich vernahm. Das änderte nichts am grundsätzlichen Problem, und das ließ sich recht einfach erfassen: In ihrem Schädel wurde geredet. So etwas war weder in der einen noch in der anderen Form beruhigend – negative Auswirkungen auf ihre Psyche waren wahrscheinlich.
Zusammen mit ihrer übersteigerten Wahrnehmung – dem ausgeprägten Geruchssinn, der überdrehten Farbensicht – ergab das Gequatsche in ihrem Kopf ein insgesamt bedenkliches Bild ihres Geisteszustands. Der Schritt in die Abgründe der geistigen Zerrüttung schien nur mehr ein kleiner zu sein.
She wusste es nicht genau, aber vielleicht würde ihr die Transformation in eine Wahnsinnige sogar Erleichterung verschaffen.
Die Klarheit dieser Gedanken brachte sie dazu, sich auf einen Felsblock zu setzen, eine Weile darüber zu grübeln und dann lauthals zu lachen.
Dabei rutschte sie vom Stein und landete auf einem Flecken knallbunter Pilze, die unter ihrem Aufprall zerbröselten und jede Menge Staub in die Luft wirbelten.
Sehr lustig. Sie lachte noch ein wenig mehr. Es schien scheißegal zu sein, welchen Zustand ihr Geist aufwies. Die gesamte Welt war geisteskrank, dem Irrsinn verfallen. Alles Leben war verrückt geworden. Heilige Scheiße, sie war einem Baum begegnet, der versucht hatte, sie zu fressen!
Wenn das nicht durchgeknallt war, was dann? Wie sollte sie da normal bleiben? Nein, falsche Frage. Warum sollte sie normal bleiben? Es gab nicht den geringsten Grund dafür. Normalität in einer geistesgestörten Welt? Absurd. Es kam eher einem Wunder gleich, dass sie nicht schon längst vollkommen irre durch die Gegend getaumelt war, sondern jetzt erst begann, Symptome zu zeigen.
Ach Blödsinn, wem will ich was vorlügen?, korrigierte sich She. Wenn sie ehrlich sein wollte, war ihre extreme Gewaltbereitschaft ein ernsthaftes Indiz des Wahnsinns, der sie befallen hatte.
Dasselbe galt für ihre stoische Bereitschaft, Gewalt hinzunehmen, ihre geradezu teilnahmslose Akzeptanz mörderischer, brutaler Handlungen. Genauso gleichgültig, wie sie mit sexuellen Gewaltakten umging. Wie ein verfluchter Zombie, dem alles scheißegal war.
Konnte sie sich da mit einer Reaktion auf ihre Umwelt ausreden, einer Notwendigkeit, um in dieser Welt zu überleben? Eine philosophische Frage, was hatte es zuerst gegeben? Die Gleichgültigkeit gegenüber Gewalt oder die Bereitschaft zu Gewalt?
Immerhin fand sie es eine bemerkenswerte Erkenntnis, da konnte sie die Gedanken drehen und wenden, wie sie wollte. Die Wahrscheinlichkeit sprach dafür, dass sie eventuell verrückt war.
Was würde danach kommen? Würde sich ihr Zustand verändern, gleich bleiben, verschlimmern, verbessern? Nein, verbessern wohl eher nicht.
Ohne Behandlung wurde man nicht wieder – oh Mann, was für ein beschissenes Wort – normal. Nicht, wenn tatsächlich eine ernsthafte Komplikation vorlag.
Ja, dachte sie in einem Anflug von absolutem Zynismus, das schwerwiegendste Problem, das ich habe, ist das Leben in dieser Welt. Und warum unternehme ich nichts dagegen?
Vielleicht sollte sie Selbstmord in Betracht ziehen. Ein Ende der Plackerei, der Gewalt, der Frustration, der Angst, des Schmutzes, des Wanderns, der Ziellosigkeit. Eine Notbremsung, ehe sie nicht mehr in der Lage dazu wäre, ehe sie sich in eine komplett Übergeschnappte verwandelte, die nicht mehr sie selbst wäre, die jegliche Kontrolle über sich verloren haben und delirierend durch die Gegend taumeln würde.
Ein willfähriges und einfaches Opfer für die harsche Realität des Wahnsinns, die sie Tag für Tag umgab.
Na ja, diese Art Beute war sie wohl doch nicht, dachte sie grinsend. Aber eine Existenz als amoklaufende Psychopathin empfand sie ebenfalls nicht als erstrebenswert.
Die Stimmen flüsterten laut. Die Welt präsentierte sich farbenüberdreht und roch intensiv. Auf die Dauer würde es anstrengend, geradezu unmöglich sein, diese extremen Sinneseindrücke im Griff zu behalten, sich nicht von ihnen überwältigen zu lassen. Wer war schon dazu geschaffen, einem derartigen Bombardement mit Sinnesscheiße zu widerstehen?
»Dann bring dich doch um, du dumme Fotze«, hörte sie jemanden sagen. She sprang erschrocken auf, sah sich um. Niemand zu sehen.
Wahnsinn. Hatte sich das nur in ihrem Kopf abgespielt? Sie lauschte. Kein Mucks. Na gut, aber … Moment mal. Du bist tatsächlich eine bescheuerte Fut. Du hast gerade nichts gehört. Ist dir klar, was das heißt? Kein Flüstern in deinem Schädel. Keine Stimmen.
Es schien aufgehört zu haben. Das fand sie ziemlich besorgniserregend.
»Und ich finde es beunruhigend, dass es so aussieht, als würdest du endgültig weich in der Birne werden.«
Schon wieder.
She drehte sich um die eigene Achse, blieb verwirrt stehen und wankte erschrocken rückwärts. Vor ihr stand jemand. Hastig riss sie ihr Messer hoch und hielt schlagartig inne.
Glotzte. Blinzelte.
Konnte nicht glauben, was sie sah.
Wich weiter zurück.
»Ach, mach die Klappe zu, sonst verschluckst du noch Fliegen. Du siehst so was von dumm aus, wie du da stehst. Du wirkst wie eine unterbelichtete Idiotin«, schimpfte She, und She klappte den Mund zu. Sie starrte die Frau vor ihr an, die sie selber war.
Irgendwie anders und doch dieselbe.
Für einen Moment sah sie die Glasscheibe, die Wahn und Wirklichkeit voneinander trennte, in Millionen funkelnde Splitter zerfallen, während sie nach sich griff, um sich zu würgen, bis sie blau anliefe.
Vor ihr stand – sie. Kein Spiegelbild, eine Kopie. Auf den ersten Blick ein exakter Klon, aber das konnte unmöglich sein, sonst hätte sie nicht das Gefühl, dass irgendwas anders war.
Die zweite She lächelte. Hatte sie wirklich so ausgeprägte Fältchen um den Mund, wenn sie freundlich dreinschaute? Und riss sie dabei die Augen tatsächlich so weit auf?
»Du schaust unheimlich doof drein, ist dir das eigentlich bewusst?«, fragte die kopierte She und blinzelte ihr amüsiert zu.
»Das wird bei dir kaum anders sein«, blaffte sie zurück, weil ihr im Augenblick – wenig überraschend – einfach keine klügere Entgegnung einfiel. Sie hatte noch nicht verdaut, dass sie sich selbst gegenüberstand, da war es mit ihrer ohnehin nicht sonderlich ausgeprägten Schlagfertigkeit nicht weit her. Die zweite She zuckte mit den Schultern.
»Habe ich was Gegenteiliges behauptet?«, gab sie zurück und lächelte neuerlich. »Du solltest aufhören, so viel Scheiße zu denken.«
»Was?«
»Na was wohl? Deine bescheuerten Einfälle wie Selbstmord. Du glaubst, du wärst originell und tiefgründig. Dabei ist das nur trivial.«
»Warum? Was stört dich daran? Du bist schließlich ich. Ich denke, was ich will. Ist mir doch egal, was irgendwer von meinen Gedanken hält. Sogar du, also ich.«
Herrje, es war mehr als mühsam, mit sich selbst zu diskutieren, und entnervend festzustellen, was für eine Klugscheißerin sie manchmal sein konnte.
»Ich bin die Gegenwart. Hör auf, über Dinge nachzudenken, die Geschichte sind. Konzentrier dich auf das Heute und das Morgen.«
»Tue ich das?«
»Ja doch. Die ganze Zeit denkst du an dein früheres Leben, an deine Verflossenen, an das, was früher war. Das nervt gewaltig, meine Liebe.«
Tatsächlich? Tja, dann hatte die Gute aber Pech gehabt. Dämliche Schlampe. »Pah, du bist gut. Das Gestern hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Ich kann das, was war, nicht von dem trennen, was ist, und das, was sein wird, wird sein, weil das, was war, gewesen ist.«
»Es ist scheißegal. Hör auf, daran zu denken. Die Vergangenheit ist vorbei. Sie ist nicht änderbar, sie spielt keine Rolle mehr. Du bist du, und das bist du in der Gegenwart. Alles andere ist uninteressant und unwichtig. Wieso du geworden bist, was du bist, ist zweitrangig. Es zählt nur das Hier und Jetzt. Darüber zu grübeln, wie du bis dahin gekommen bist, ist Verschwendung wertvoller Zeit.«
»Bist, bist, bist. Pisst mich an. Du bist eine hochnäsige, ignorante Schlampe. Du bist bloß ein ungebildetes, arrogantes Mädchen, das meint, clever zu sein, und dabei in vor lauter Verblendung überhaupt nicht versteht, wie wenig Bildung tatsächlich vorhanden ist, um den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.«
»Was?«
»Du wähnst dich klüger, als du bist. Du glaubst, eine Checkerin zu sein, aber dein Ausschnitt der Welt ist viel zu klein, um die großen Zusammenhänge zu verstehen. Du bist, kurz gesagt, strunzdumm.«
Beide Shes grinsten sich gegenseitig an.
»Bist, bist, bist. Du wiederholst dich. Und … na ja, ich bin du. Der Unterschied zwischen uns ist nur, dass ich in der Gegenwart daheim bin und diese zu managen versuche, während du in der Vergangenheit verhaftet bist und mich davon abhältst.«
»Tu ich das?«
»Du hast ja keine Ahnung, wie sehr du das tust. Statt mich damit zu beschäftigen, wie ich meine neuen Sinneseindrücke zu meinem Vorteil nutzen kann und was sie vielleicht bedeuten, muss ich mich mit dem Ballast des Gewesenen herumschlagen.«
»He, es war auch dein altes Dasein, ignorier das mal nicht. Du glaubst, du kannst mir mit derartigen Argumenten kommen, weil du einmal im Leben einen tiefgründigeren Text gelesen hast? Eingebildete Zicke, unbeleckt und ahnungslos. Du bist ein kleiner, überheblicher Trampel ohne Wissen und Kenntnis. Noch mal: Die Vergangenheit hat dich zu dem gemacht, was du bist, vergiss das nicht. Und im Übrigen: Achte gefälligst auf deine Wortwahl, ich sehe nicht ein, warum ich mich von dir durchgeknallter Fotze beleidigen lassen soll.«
Die zweite She blinzelte sie verblüfft an. »Du nennst mich ignorant und ungebildet? Du glaubst wohl, du hast die Weisheit mit Löffeln gefressen, wie? Und bevor du noch mal an mir rummeckerst: Deine Wortwahl lässt genauso stark zu wünschen übrig.«
»Ich weiß zumindest, dass ich mich mit der Gesamtheit meiner Person befassen muss. Einzelne Aspekte sind vielleicht interessant, aber keiner davon würde ohne den anderen existieren – also, alles zusammen zählt, nicht bloß die Einzelteile.«
»Gesamtheit deiner Person – wow, da versucht jemand, besonders schlau zu klingen«, verhöhnte sie sich.
»Du tust mir leid.«
»Ich brauche kein Bedauern, ich mag kein Beileid. Spar dir das. Anteilnahme ist Verschwendung.«
»So was Dummes habe ich noch nie gehört. Weißt du überhaupt, was Mitgefühl, was Teilnahme ist? Es ist Interesse an dir und deiner Person. Es ist ein Gefühl, das dir, wärst du nicht ein derartiger Strohkopf, eigentlich sagt, dass es jemanden gibt, dem du etwas bedeutest und der sich deinetwegen Gedanken macht. Das bedeutet Mitleid. Wenn du das zurückweist, dann weist du auch jegliche Form von Zuneigung und der Möglichkeit zurück, Trost und Erleichterung zu finden.«
»Bla, bla«, höhnte She.
»Ja, bla, bla, du Hirnschiss. Das ist Dummheit in Reinkultur. Du solltest dich stattdessen daran erfreuen, dass du nicht allein auf der Welt bist, dass abseits all der Oberflächlichkeiten und Banalitäten, die dein Leben bisher bestimmt haben, all der Fehlentscheidungen, die du getroffen hast, tatsächlich eine Menschenseele existiert, die dich trotz oder gerade wegen all deiner Mängel ernst nimmt und Zuneigung für dich empfindet. Du bist wirklich eine beschissen blöde Fotze, weißt du das? Du bist so dumm, wie du geil bist – und du bist mächtig geil. Du bist blond, und du bist der lebende Beweis für die Gründe, warum blond eine aussterbende Haarfarbe ist.«
»Bist, bist, bist du fertig, Mama?«, spottete die zweite She, um dann zornig fortzusetzen: »Du hirnlose Schlampe, du vergehst vor Selbstmitleid und suhlst dich darin und übersiehst dabei, worauf es ankommt: Auf das Hier und Jetzt. Deine Gefühle sind fehl am Platz, weil sie dich daran hindern, dich mit den wichtigen Aspekten deiner Selbst zu beschäftigen – mit den Momenten, in denen du gerade lebst.
Du blockierst dich, darum will ich dein beschissenes Mitleid nicht. Es hindert mich an der Ausgestaltung meines Ich. Aber eine derart von sich eingenommene, aufgeblasene, selbstgerechte Klugscheißerin, wie du eine bist, kann das natürlich nicht verstehen.«
»Ach ja? Wohin willst du dich gestalten? In die Waffen und Schwänze marodierender, raubender, mordender, vergewaltigender Banden? In Menschenfresserbäume? In die Eingeweide eines Drools? Sag mir, in welche Richtung du dich entfalten willst, und ich ebne dir den Weg, du blöder Trampel.
Was glaubst du eigentlich, was du Besonderes kannst oder bist? Du bist doch nicht mal in der Lage, dir einen ordentlichen Kerl zu suchen, der keinen totalen Knall hat. Sieh dir die Liste deiner beschissenen Versager an. Wo stehst du denn, hä? Allein im Nichts. Hast es ja wirklich weit gebracht.«
»Was? Was soll das?«
»Jetzt weiß ich wenigstens, wer für diese Nieten verantwortlich ist, die ich andauernd gezogen habe, wer daran Schuld trägt, dass ich die richtigen Kerle, die mir gut getan hätten, immer ignoriert habe. Du bist das. Du mit deinem Hier-und-Jetzt-Scheißdreck, ohne Sinn und Verstand, ohne darüber nachzudenken, woher du kommst und wohin du willst. Du weißt nämlich gar nicht, wohin, weil du ignorierst, woher. Du hast keine Ahnung, was du willst, was du brauchst, obwohl du behauptest, es zu wissen. Du bist ein Bluff, ein hübscher, aber hohler Bluff. Du bist ungeheuer dämlich.«
»Bist, willst, wohin, woher – ich scheiß auf dich!«
Die zweite She schlug ihr die Faust ins Gesicht, legte alle Kraft in den Schlag.
She wurde zurückgeworfen und ging mit blutigem Mund zu Boden. Sie wollte sich aufrichten, als die zweite She sie ansprang. Die beiden wälzten sich auf der Erde und prügelten aufeinander ein, zerrten sich an den Haaren und versuchten, sich die Piercings aus den Körpern zu reißen.
Ein Schuss donnerte. Sie erstarren gleichzeitig und blickten hoch.
Eine dritte She stand vor ihnen, hielt eine Pistole in der Hand und schüttelte den Kopf.
»Sperr zwei minderbemittelte Tussis an einem Ort zusammen, und sie kriegen sich garantiert in die Haare«, brummte sie mürrisch, steckte die Waffe weg und packte ihre Selbsts an den Mähnen, zerrte sie auf die Beine. Dann stieß sie die Frauen zurück und musterte die betreten Dreinschauenden streng.
»Wenn ihr euch nackt geprügelt hättet, dann wär’s wenigstens ein hübscher Anblick gewesen. Aber so war es nur unglaublich blöd, dabei seid ihr beide geil, und ich hätte nichts gegen einen Dreier einzuwenden gehabt. Ich ficke ja ohnehin dauernd mit euch, soviel wie ich masturbiere. Dumm fickt gut, darum ist es auch so befriedigend mit dir und dir. Blondinen eben. Aber euer Gekeife ist echt abturnend, ich werde noch frigide dabei. Meine Möse klappt die Schamlippen zu und macht den Laden dicht. Igitt!« She schüttelte den Kopf.
»Wer zum Teufel bist du denn?«
»Ich bin das Original, du dumme Pute. Ich bin She. Ihr zwei Flaschen seid Ausgeburten meiner Psyche.«
»Das ist unsinnig. Das Original bin ich«, protestierte die erste She etwas verunsichert. Verdammt noch mal, wie sollte sie jetzt bloß rausfinden, wer sie war? Schon klar, sie litt an Wahnsinn, aber war sie sie oder ihre eigene Ausgeburt der kranken Psyche? Verfluchte Scheiße, wie sollte sie dieses Dilemma in den Griff bekommen?
»Ha«, höhnte die dritte She. »Du bist die Vergangenheit. Du bist die Gegenwart.«
»Und du die Zukunft? Wieso sollst du das Original sein?«, leistete die zweite She Widerstand.
»Weil ich ständig vorwärts strebe, während du im Moment verharrst, deshalb zurückbleibst und dich zu ihr gesellst, die dich im Vergessen unterbringt. Wenn man euch beim Reden zuhört, ist unschwer festzustellen, wer man ist. Ich bin ich. Ihr seid Fragmente meines Selbst.«
Sie packte die eine She im Nacken, zog sie zu sich heran und verpasste ihr einen Zungenkuss.
»Du schmeckst nach blauem Eristoff. Nach jugendlicher Dummheit. Das war ich vor vielen Jahren. Du bist endgültig vergangen.«
Sie küsste die zweite She. »Du schmeckst nach Southern Comfort. Du bist reifer und erwachsener, das gestehe ich dir zu, aber im Endeffekt ebenso dämlich.«
Die dritte She schüttelte amüsiert den Kopf. »Ihr seid Abziehbilder dessen, was ich einmal war. Ein Teil von euch steckt in mir. Ihr seid nichts als Chimären meines Geistes.«
»Ach ja?«, mischte sich eine neue Stimme ein, und die Drei wandten sich dem Neuankömmling zu, der das Durcheinander potenzierte.
Die vierte She zwinkerte und grinste breit. »Das ist ja wie ein Familientreffen mit sich selbst«, lachte sie und gesellte sich zu ihren Versionen. Sie küsste die dritte She.
»Du schmeckst nach Sperma und Pisse«, sagte sie grinsend und zwinkerte ihr anzüglich zu. »Will ich jemals in meinem Leben in Erfahrung bringen, was dabei rauskommt, wenn man den Fick-dich-selbst-Spruch wortwörtlich nimmt, dann ist gerade der richtige Zeitpunkt dafür.«
»Andererseits ließe sich jetzt auch ganz einfach feststellen, wie ein Selbstmord tatsächlich aussieht«, mischte sich eine fünfte She ein, die mit ihrer Pistole im Anschlag hinter der Gruppe aufgetaucht war.
Diese She sah nicht so aus, als wäre sie willens, sich mit ihren Abziehbildern auf eine existenzielle Diskussion einzulassen. Sie hatte die Augen zusammengekniffen und starrte die Frauen böse an.
»Ich weiß nicht, was ihr seid, aber ganz gewiss nicht ich. Ich bin ich, alles andere ist eine Fälschung. Es kann nur eine geben«, sagte sie und machte damit ihren Standpunkt klar.
»Du hast leicht reden, Trampel. Ich sag dir was – ich bin auch ich, und du bist nicht ich. So sieht’s aus. Ich bin das Original.«
»Oh nein, das glaubst du doch selber nicht. Die Erste bin immer noch ich.«
»Ihr liegt alle falsch«, sagte die fünfte She, schüttelte den Kopf und schoss.
Sie traf die zweite She zwischen die Augen. Blut spritzte, She fiel zu Boden, blieb reglos liegen. Für einen Moment schien die Welt stillzustehen, dann sprangen sämtliche Shes auseinander, jede hastig nach einer Waffe greifend, auf die nächste She zielend.
Schüsse knallten, Pfeile flogen, Schreie erklangen, Blut sprühte; schließlich lagen vier der fünf Shes auf der Erde, und die fünfte She steckte zufrieden ihre Pistole weg.
»Das ging ja relativ einfach. Es geht eben nichts über ein handfestes Killerargument.«
»Das sagst du.«
Eine sechste She war aufgetaucht. Rasend vor Zorn packte sie Nummer fünf und zog ihr das Messer über die Kehle. »Du bist dumm, und darum bin ich dir überlegen. Seit wann bevorzuge ich die Pistole als Waffe, du saublöde Schlampe?«
Noch während der Lebenssaft warm aus der weit klaffenden Wunde spritzte und sie benetzte, bekam sie einen heftigen Schlag von hinten verpasst, stolperte nach vorn und blickte bestürzt auf die Pfeilspitze, die zwischen ihren Brüsten hervorragte.
»Was?«, stieß sie hervor, und Blut quoll aus ihrem Mund.
Die siebente She kam aus ihrem Versteck, legte einen Pfeil an und nickte ihr zu.
»Dumm gelaufen, was? Du bist doch nicht du. Oder ich«, sagte sie und wurde sogleich von She Nummer acht mit dem Beil niedergehackt, dass ihr die Wirbelsäule zerschmetterte. Sie ging zu Boden, bewegungslos, erstickend, erblindend, sich anscheißend und pissend, nachdem sämtliche Nervenstränge im Rückenmark durchtrennt waren.
Die Achte sah ihr beim Sterben zu und fiel sich zum Opfer, weil sie nicht auf ihre Umgebung achtete – Nummer neun hatte leichtes Spiel mit ihr und erledigte sie auf einen Streich.
»Ich hoffe, das war es jetzt«, brummte She. Der Irrsinn, sich selbst dabei zu beobachten, wie sie sich beseitigte, war nicht leicht auszuhalten.
Vor allem, weil es unmöglich zu sein schien, nicht doch verunsichert zu werden, ob man das Original verkörperte oder nur eine der … Variationen, die da aus dem Nichts aufgetaucht waren.
Sie ging zwischen den Leichen umher, hockte sich neben jeder nieder und schloss ihnen die Augen. Sie fand es unerträglich, überall ihre eigenen, toten Augen zu sehen.
Als sie fertig war, sich aufrichtete und umdrehte, stand sie She gegenüber.
»Nicht ganz«, sagte diese She und stieß ihr das Messer in den Unterleib. »Wie ich schon sagte: Es kann nur eine von uns geben. Jetzt ist es erledigt. Die Zahl ist perfekt.«
Die andere She öffnete den Mund, um noch was zu sagen, aber es kam nur Blut hervor. She streckte die Zungenspitze vor und kostete. Der Geschmack machte sie geil.
»Sei still, Süße. Gleich hast du es überstanden. Weißt du, was ihr alle übersehen habt?«
Sie legte einen Finger auf den Mund, aus dem ein neuerlicher Schwall Blut hervorkam, als ihr Nummer Neun antworten wollte. She malte ihr ein Muster ins Gesicht.
»Die Farbe der Augen. Jede von euch hatte eine andere Augenfarbe. Eine Nuance hier, eine Tönung da. Alles sehr schön, aber nicht so wie meine. Keine von euch hatte die richtigen Kolorierungen. Sieh mir in die Augen, Kleine, und du weißt, was ich meine.«
She lächelte die Sterbende an, die zusammensackte, die mit auf den Bauch gepressten Händen in die Knie ging, zur Seite kippte und starb.
Drei Mal drei Frauen. Sie musterte die Leichen, blinzelte die Toten aus einem grünen und einem blauen Auge an und schüttelte den Kopf.
Etwas derart Irres wie das war nicht unbedingt dazu angetan, das Vertrauen in ihre geistige Gesundheit zu stärken. Ganz im Gegenteil.
Aber damit konnte sie leben. Ebenso mit dem Wissen, was sie jetzt zu tun hatte, so erschütternd sie auch fand, dass sie wusste, was zu tun war.
Sie muss wieder eins mit sich werden.
Bedächtig zog sie sich aus, legte sich nackt auf den Boden, spreizte die Arme und Beine. Genoss das erregende Kitzeln von Gras auf nackter Haut. Wartete.
Es dauerte nicht lange, bis die Leiber ihrer anderen Ichs zu kleinen Kopien ihrer Selbst zerfielen, die sich alle auf den Weg zu ihr machten, um in sie einzudringen.
81 Shes stiegen durch Mund, Möse und After in ihren Körper ein. Sie zwängten, drängten, schoben, stießen, robbten in sie.
Der Vorgang erwies sich weniger als schmerzhaft denn als irritierend und kitzelnd. Schon unangenehm, doch ebenso erregend. Diese wuselnden Bewegungen hatten etwas. Sie wurde feucht. Leider wurde ihr auch kalt.
Wie lange es tatsächlich dauerte, bis She die Mini-Ichs in sich aufgenommen hatte, wusste sie nicht. Am Ende fühlte sie sich komplett durchfroren, und beim Anziehen beschloss sie, ihr Lager für die Nacht gleich hier aufzuschlagen. Spuren des Kampfes ließen sich keine mehr erkennen.
Sie sammelte Holz und entzündete ein wärmendes Feuer in unmittelbarer Nähe eines Pilzes, den sie als Sitzplatz auswählte. Erschien ihr bequemer und weniger kalt als der ursprüngliche Steinbrocken.
She ließ sich auf dem riesigen Fungus nieder, um sich an den Flammen zu wärmen. Der Myzet zerplatzte, und sie fiel auf die Erde. Staub stieg von dem geborstenen Gewächs hoch, juckte auf der Haut, in Nase und Augen. Sie nieste, fluchte und wischte in ihrem Gesicht herum.
Schimpfworte murmelnd wollte sie sich aufrichten, da gab der Boden schlagartig nach. Überrascht keuchend versank sie mit einem Ruck bis zu den Hüften im Untergrund.
Verzweifelt griff sie um sich, aber da fand sich nirgends ein Halt. Sie schaffte es nicht, sich hochzustemmen, weil das Erdreich unter ihren Händen zerkrümelte wie Zwieback.
Es gab nichts, was sie tun konnte, um das weitere Versinken irgendwie aufzuhalten. Es dauerte keine zwei Minuten, ehe die Erde sie vollständig verschluckt hatte …


Nochmal der Hinweis: Der vorliegende Text unterliegt dem Copyright. Er darf nicht verfremdet oder als Eigentum ausgegeben werden, weder kopiert und weiterverkauft oder sonstwie anders genützt werden als zur online-Lektüre. Einziger Rechteinhaber ist der unter dem Namen John Aysa publizierende Autor.


Der Beitrag [LESESTOFF]: Komplette Story: Prinzessin: Killer Ich erschien am 17.09.2018 auf JohnAysa.net


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