[LESEPROBE]: Prinzessin: Armee der Finsternis (Bd. 2)

PRINZESSIN: ARMEE DER FINSTERNIS

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Teil 1: Mutationen

Kapitel 1

Scheiße tropfte von der Decke. Die Frage, wie die flüssigen Fäkalien nach oben gelangt waren, kümmerte sie im Augenblick herzlich wenig. Auch der Umstand, dass das Zeug auf sie herabtropfte, interessierte sie nicht. Sie watete ohnehin bis zur Hüfte durch den Dreck. Was ihr zusätzlich ins Haar troff und das Gesicht hinunterlief, war von keinerlei Bedeutung. Sie hatte schon Schlimmeres überstanden. Ausscheidungen ließen sich abwaschen.

Also drauf geschissen.

Von Bedeutung war etwas anderes: Die Unterscheidung, welche der zahllosen Blasen, die unregelmäßig und ständig zur Oberfläche stiegen und dort fauligen Geruch ausstoßend zerplatzten, Gärgase oder verbrauchte Atemluft waren.

Vor ihr explodierte ein Kotgeysir, sandte Wellen und einen Sprühregen von Fäkalien in ihre Richtung. Ohne nachzudenken, riss sie die Machete hoch. Die Waffe zerschnitt in hohem Bogen die stinkende, braune Flut, die über sie schwappte.

Sie kniff die Augen zu, als ihr der Dreck ins Gesicht spritzte; spürte, wie die Schneide auf Widerstand traf und sich den Weg durch den Körper bahnte, der in den Exkrementen verborgen auf sie gelauert hatte.

Ein warmer Sprühregen wusch den Schmutz aus ihrer Visage. Für einen kurzen Moment waren Geschmack und Geruch von Kupfer dominant. Eine Blutfontäne hatte sie getroffen. Dann platschte die Gestalt unmittelbar vor ihr nieder. Im Gefolge des Tsunami aus Scheiße übernahmen wieder die vertrauten Pestilenzen die Kontrolle über die Atemluft.

Sie atmete durch, spürte das altbekannte Würgen im Hals und gab dem Gefühl nach. Früher oder später wäre es sowieso fällig gewesen. Besser jetzt gleich. Sie kotzte den zur Hälfte verdauten Mageninhalt in die Brühe. Schade um das Essen. Hätte sie vorher wissen müssen. Tja: Shit happens. Buchstäblich.

Angewidert spuckend wich sie bedächtig rückwärts und beobachtete, wie zahlreiche Hände aus dem Kotsee auftauchten und blind umhertasteten, bis sie des Toten habhaft wurden. Mit einem kräftigen Ruck zogen sie die Leiche unter die Oberfläche. Ein paar Wellen, ein wenig Blubbern; zurück blieb keine Spur.

Sie sah sich um, fand Orientierung im fahlen Licht der ringsum wuchernden Pilze und Fadengewächse. Der Raum maß rund zwanzig Schritte Seitenlänge, die Decke in derselben Entfernung. Rostige Laufgitter erstreckten sich auf halber Höhe die Wände entlang. Ein eisernes Schlangenwesen, treppauf und treppab, unter Durchgängen zu ähnlichen Räumlichkeiten, ein bestialisch stinkendes Labyrinth bildend.

Diese vor Jahrzehnten errichtete Unterwelt war hüfthoch mit einer Melange aus verflüssigten, faulenden und frischen Klumpen von Fäkalien gefüllt. Darin trieben Essensreste von Karnivoren wie Einlagen in einer Suppe.

Schleimige Pflanzen wuchsen stalaktitengleich herab, die Fäden und Wurzeln reichten stellenweisen bis in die Brühe.

Fluoreszenz und augenblicklicher, labiler Frieden ermöglichten ihr zu sehen, wie die blassen, semi-transparenten Organismen die Scheiße aufsogen. Schwach pulsierend – ein unangenehmer Anblick – wurde die Schleimbrühe nach oben transportiert und in den weitreichenden Bewuchs gepresst.

Dabei tropfte es an allen Ecken und Enden aus dem Geflecht. Wände und Plafond waren mit Myzel unzähliger Arten von Fungi – altbekannte Variationen und bisher ungesehene Mutationen –, mit farblosen Moosen und allerlei ihr fremden Höhlengewächsen überzogen.

Im fahlen Schein, der von den Gewächsen ausging, entstand der Eindruck von leuchtendem Beton.

Pilze sind keine Pflanzen, rief sie sich in Erinnerung. Scheißegal. Man kann sie essen und mit ihnen auf Trip gehen.

Immerhin sah sie genug, um den Weg zur klapprigen Metalltreppe anzustreben, die sie auf den Laufsteg brachte. Bedächtig Schritt vor Schritt setzend, bei jeder Bewegung ein matschig-nasses Geräusch verursachend. Währenddessen tropfte Kloake von ihr.

Wäre es nicht ausgerechnet Scheiße, würde mich das schmierige Gefühl glatt anmachen, dachte sie und rülpste angewidert. Irgendein Öl, eine mild duftende Lotion, ach verfickter Mistdreck, sogar Vaseline wäre fein.

Sie widerstand dem Drang, sich zwischen den Beinen zu kratzen, und hoffte, keine scheußliche Infektion erwischt zu haben. Die letzten Jahre hindurch war sie extrem glücklich gewesen, von den neu aufgekommenen Widerlichkeiten verschont geblieben zu sein. Aber dieses Kackbad stellte eine echte Herausforderung für jedes Immunsystem dar.

Hm. Sie musste … ach. She überlegte kurz, dann gab sie dem Druck nach und pinkelte in die Hosen. Half vielleicht, Schlimmes zu verhindern, eine Entzündung bei den Intimpiercings zum Beispiel. Immerhin hatte es in der Naturheilkunde mal die seinerzeit populäre Eigenharnbehandlung gegeben. Und die Wärme fühlte sich für einige Augenblicke auch sehr angenehm an. Die kleinen Annehmlichkeiten des Lebens.

Sie stieg über den stinkenden Kadaver eines menschenähnlichen Wesens, das sie vor einer Weile umgebracht hatte. Ein Machentenhieb hatte den absurd breiten, kahlen Schädel mit trichterförmigem Mund bis zum Stiernacken gespalten.

Der Körper war verwachsen und deformiert. Die linke Hand wies acht Finger auf, rechts am Ende eines Arms mit drei Gelenken befand sich eine Art Schere. Die Gliedmaßen ähnelten jener einer Winkerkrabbe.

Die Kreatur war nackt. Zwischen den Beinen baumelten zwei dünne Fleischröhren anstelle eines Penis, und die von Beulen und harten Schuppen überzogenen Schenkel mündeten in Füße, die Flossen glichen. Pupillenlose, schwarze Augen. Einer der neuen Erdbewohner.

Einst ein Mensch, jetzt eine der zahllosen Mutation. Gefangen in einem Zwischenstadium, das die nächste Generation hinter sich lassen würde, schon perfekt an die eigene, begrenzte Umwelt angepasst. Eine Spezies von Spezialisten.

Auf verquere Art war sie daran interessiert, das Endstadium zu sehen.

Was hier geschah, war die Regel, entwickelte sich überall, unaufhaltsam. Eine Welt mit einer dominanten Art, das gehörte der Vergangenheit an. Die Zukunft lag in der Diversität, die ihren Kickstart der Menschheit verdankte.

Atomare, biologische und chemische Waffen, die praktisch unkontrolliert zum Einsatz gekommen waren, hatten in kürzester Zeit Jahrtausende Entwicklung ins Frühmittelalter zurückgeworfen.

Geschätzte vierhundert Millionen Menschen weltweit lebten heute noch. Die Quelle dieser Zahl war ihr entfallen. Spielte keine Rolle.

Hunderte, Tausende räumlich begrenzte Enklaven mit eigenem Mikroklima und einzigartigen Lebensbedingungen. Erfüllt von Leben, das nur dort vorkam und nirgends sonst zu existieren imstande war.

Vielleicht noch zwei Generationen, dann würde es in der DNS keinen erkennbaren, gemeinsamen Ursprung mehr geben. Was sich einmal Mensch genannt hatte, war im Verschwinden begriffen. Reduziert zu einer der zahllosen Arten ohne herausragende Bedeutung.

In der jetzigen Form bemerkenswert schlecht für ein Überleben in dieser Welt geeignet. Es war eine Frage weniger Generationen, nicht mehr, bis der Homo sapiens verschwunden sein würde.

Dummerweise war She in ein solcherart spezialisiertes Areal gestolpert, hatte damit die darin hausenden Kreaturen in Aufregung versetzt. Humorlos grinste She. Sie konnte es den Angreifern kaum übel nehmen.

Immerhin verkörperte sie ebenso Eindringling und Störenfried wie ein Versprechen von Nahrung. Logisch, dass sie sich um ihren Körper, ihr Fleisch bemühten. Niemand mag mich meines Verstandes wegen. Es geht nur um Titten und Arsch. Wie immer.

Sie war nicht sonderlich amüsiert von dem Gedanken. Pech gehabt, ihr Scheißer, gefiel ihr eher.

In der Brühe blubberte es aufgeregt. Sie hastete vorwärts, hockte sich an einer schütter bewachsenen Stelle nieder. Beobachtete.

Aus dem Gebrodel tauchten zwei Artgenossen des Toten auf. Deutlich besser an die Umgebung angepasst krochen sie über das Gitter zum Gefallenen. Evolution live. Schnüffelnd und schnaufend untersuchten sie den Kadaver, bis sie erschrocken zurückzuckten. Sie hatten den offenen Schädel und das entblößte Gehirn erkannt.

Sie sind beinahe blind. Aufgeregt quiekend schnofelten die Trichtermünder über den Kopf. Sauggeräusche, ein Schlürfen, ein Schmatzen. Sie saugten Gehirnmasse auf – die leicht verderblichen Kostbarkeiten wurden an Ort und Stelle verspeist.

Mit erkennbarer Anstrengung gingen sie daran, den Körper zur Treppe zu schleifen, um ihn ungeschickt abwärts zu zerren.

Von der simplen Idee, den Leichnam unter dem Handlauf durchzurollen und hinabfallen zu lassen, war keine Rede.

Nicht jeder Fortschritt ist eine Weiterentwicklung. Nicht jeder Weiterentwicklung folgt ein Fortschritt.

Scheißegal.

Sie hatte keinerlei Pläne, zu verweilen. Zugegeben, an ein gewisses Maß an Scheiße hatte sie sich im Verlauf der Reise gewöhnt. Aber in einem See davon baden zu gehen, entsprach nicht ihren Vorstellungen von … irgendwas.

Sie presste die letzten Tropfen Pisse in die Hosen, wandte sich ab und marschierte weiter. Das Gitter erzitterte, knirschte und schwankte unter den schmatzenden Tritten – grauenhaft ekelige Schmiere in den Schuhen, zwischen den Zehen –, und sie drosselte das Tempo. Das Laufgitter war nie für Bedingungen wie die jetzigen ausgelegt worden. Drückende, stinkende Schwüle, permanente Nässe und Scheiße, die Korrosion feierte Orgien.

Sie bog um die Ecke in den nächsten Raum und prallte beinahe gegen eine Wand aus Fäkalien – vier Bewohner der Unterwelt, den Weg blockierend.

Die vorderste Kreatur öffnete ihr Trichtermaul und entblößte drei Reihen sich aus dem Fleisch schiebender Zähne. Wozu brauchte ein Scheißefresser ein Revolvergebiss?

»Leck mich«, knurrte She.

Sie hieb mit der Machete mitten in die Fresse des Ex-Menschen, zog die Waffe zurück, schlug zu, fuhr von unten aufwärts, schnitt den Rumpf von den Röhren bis zum Hals auf. Stinkende, blutige Innereien fielen raus. Sie sprang vor, packte die Darmschlingen, riss sie an sich. She warf sie wie ein Lasso um die drei anderen Scheißebewohner.

Sie legte ihre gesamte Kraft in einen Stoß, drückte die Witzfiguren gegen den bedenklich knirschenden Handlauf. Setzte mit Wucht nach. Mit einem Knall brach ein Bolzen. Das Geländer ruckte, schwang frei, und die Wesen kippten rückwärts in die Tiefe.

She schnaubte, stapfte weiter. Der Gitterboden barst. Sie fiel, landete mit lautem Klatschen in der Scheiße. Vollbad. Tauchte prustend auf, spürte eine Berührung, hieb mit einem zornigen Aufschrei um sich.

Traf Dinge. Raserei verdunkelte die Augen, blinde Wut führte den Arm. Für kurze Zeit färbte sich das dominante Braun des Sees rötlich, als sie hackte, stückelte, metzelte.

Irgendwann kam sie zur Ruhe. Dutzende Brocken Fleisch schwammen in der Kot-Melasse, gräuliche Schlangen ausgerollten Gedärms trieben auf der Oberfläche.

Keuchend sah sie sich um. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr der Sumpf in diesem Raum bis knapp unter die Brüste reichte.

So eine verdammte Scheiße.

In den Tiefen ringsum herrschte Bewegung, die spiralförmig näher rückte. Wie viele Mutanten lebten hier drin? Was fraßen sie?

Angewidert hielt sie die Machete schlagbereit und ging daran, endlich den verfluchten Ausgang zu finden. Sie hatte endgültig die Schnauze voll von dem Ort.

Zahlreiche Leichenteile später fand sie den Weg ins Freie. Noch mal eine Ewigkeit dauerte es, ein Gewässer mit genügend Volumen aufzutreiben, um sich gründlich zu reinigen. Vom klebrigen, stinkenden Matsch zu befreien. Das kostete sie ihr letztes Stück Seife, und der Tümpel geriet zur Kloake.

Die Kleidung war inklusive der Schuhe zu entsorgen, was sie schweren Herzens tat. Durchtränkt, aufgeweicht von Scheiße, beißenden Gestank verbreitend. Ein Vermögen, das sie verloren hatte, für nichts und wieder nichts. Sinnlosigkeit hoch zehn.

Sie schlüpfte in das letzte komplette Set.

Die anschließende Bestandsaufnahme der verbliebenen Besitztümer fiel alles andere als zufriedenstellend aus. Nach alter Sprech- und Denkweise hatte sie eine tiefrote Bilanz vorzuweisen.

Scheiß Sprache. Scheiß Ergebnis. Scheiß Wahrheit.

Die hinter ihr liegenden Wochen waren verflucht teuer gewesen. Sie hatte über ihre Verhältnisse gelebt. Nicht nur, was die Klamotten betraf.

Sie musste etwas tun.

Kapitel 2

Als sie nach ihm riefen, waren seine Hoffnungen auf einen interessanten Fund nicht hoch gewesen. Doch der Anblick, der sich ihm bot, übertraf alles, was er selbst in den kühnsten Träumen erwartet hatte.

Ein Geschenk der Vergangenheit, ein kostbares, extrem seltenes, nahezu unwirkliches Präsent. Er starrte hin. Ewig. Es war beinahe zum Fürchten, was er da sah. Perfekt erhalten, verpackt, funktionsfähig.

Ausgestattet, um ohne Umschweife betriebsbereit zu sein. Auspacken, aufstellen, anstecken, los. Es war atemberaubend und unvorstellbar. Das war der Fund, der die jahrelange Frustration und Suche mehr als belohnte. Es war, was er sich gewünscht hatte – der Schlüssel zur Befreiung und Entfesselung war ihm endlich in die Hände gefallen.

Schlagartig flogen die bisherigen Pläne über Bord. Die Entdeckung ließ sie zu Makulatur verkommen. Hinfällig, veraltet, kindisch, eingeschränkt. Die Visionen, die ihn seit Ewigkeiten plagten, die er niedergeschrieben, weggesperrt und ad acta gelegt hatte, sie blühten mit einem Mal neu auf.

Schossen durch das Hirn und förderten die Gespenster des Unterbewussten zutage, ließen ihn die kommende Realität dessen erkennen, was er Äonen nicht mehr zu imaginieren gewagt hatte.

Der erregendste Moment seit Jahren überrollte ihn wie eine Flutwelle der Ekstase. Er gab Anweisungen zur Bergung. Er schrie, befahl, schlug und balancierte am Rand des Herzinfarkts entlang, bis es geschafft war und die Beute sich dort befand, wo es einen Sinn hatte.

Hm. Die Erleichterung darüber bescherte ihm weiche Knie. Und das Verlangen nach sexueller Befriedigung. Er sprach das Kommando, und es wurde exekutiert.

Jetzt brauchte er nur noch zwei Spezialisten für grundlegend verschiedenes, in Vergessenheit geratenes Wissen. Das war zu bewerkstelligen. Er wusste, wo er zu suchen hatte. Erfahrung und Geduld standen ihm zur Seite.

Oh, die Welt war nie spannender, herausfordernder, schöner, interessanter, reicher gewesen.

Vor Aufregung entleerte sich sein Darm, und er platzierte einen stinkenden Haufen Exkremente in die Hose.

Kapitel 3

Clawfinger konnte nicht anders, er musste die Hand anstarren. Der Versuch, das Geschehene zu begreifen, war zum Scheitern verurteilt. Selbstreflexion, Denken, Logik – diese Dinge hatten für ihn nie eine Rolle gespielt. Er war simpel, direkt, nie ein Mensch großer Gedanken gewesen. Das fiel ihm jetzt auf den Kopf.

Bis zu dem Tag, an dem ihm die namenlose Drecksau in die Quere gekommen war, hatten sich die Metallklauen als das perfekte Werkzeug erwiesen: um Menschen zu foltern, zu quälen, zu terrorisieren, in Stücke zu schneiden.

Welch Vergnügen, was für göttlich blutige Masturbationsfantasien damit in Erfüllung gingen. Brustwarzen und Schamlippen absäbeln, Mösen zerfetzen, Bäuche aufschlitzen, in Gedärm und Scheiße wühlen. Gelegentlich auch Penisse der Länge nach spalten und den einen oder anderen Anus beträchtlich erweitern.

Stets in Begleitung konzertanter Aufführungen atonaler Brüllmusik. Manchmal versuchte er, im Rhythmus der Schmerzensschreie mitzufurzen.

Die definitiven Wunschträume eines absolut kranken Geistes, leicht erfüllbar dank der kruden Handsäbel. Für Clawfinger war die Apokalypse ein Glücksfall gewesen.

Dann war diese Bestie aufgetaucht, das irre Weib. Genauso durchgeknallt wie er, geisteskrank, sadistisch, erbarmungslos, ohne jegliche menschliche Empfindung. Keine Empathie, null Mitgefühl.

So war sie ihm erschienen – im Abgrund der faulenden Schwärze, aus der das Ich von Clawfinger bestand: als Verkörperung des feuchten Traums schlechthin. Von Wasserkopf mal abgesehen, aber das war ein eigenes Kapitel.

Doch die böse Möse hatte nicht ihm Ansatz daran gedacht, sich an seine Seite zu begeben. Im Gegenteil, sie war ihm bewusst in die Quere gekommen und hatte ihm – entsetzlicherweise – mit Leichtigkeit Paroli geboten.

So etwas war nie zuvor passiert, eine überaus verstörende, bedrohliche und rundum irritierende Erfahrung.

Und – unglaublich, aber sie hatte es geschafft, das noch zu toppen – die Stinkfotze aus der Hölle war zum Angriff übergegangen. Sie hatte die Klauen zerstört, ihm den Bauch in Streifen gesäbelt, ihm die Macht genommen, die Quelle der Kraft und des Selbst.

Dabei war er vorgewarnt gewesen. Gleich bei der ersten Begegnung hatte sie das Gesicht von Wasserkopf verwüstet, bis er aussah wie ein frisch mit Krallen geficktes Arschloch.

Da hätten bei ihm sämtliche Alarmglocken des Überlebensinstinkts schrillen müssen. Aber nein, nichts dergleichen war geschehen. Zu fremdartig und unvorstellbar der Gedanke, dass eine Frau ihm Widerstand entgegensetzen und damit über ihn triumphieren könnte.

Letztendlich hatte sie dem riesigen Trottel den Schwanz abgeschnitten, ihn ausbluten lassen. Das Notausgangsschild hatte in neonstrahlenden Rauschfarben wie verrückt geblinkt, und er hatte es kaputt geschlagen. Nicht mit ihm, niemals. Nie.

Die logische Konsequenz?

Er war krepiert.

Clawfinger war tot gewesen, das wusste er mit Bestimmtheit. Aufgeschnitten und mit Darmschlingen um den Hals war er elendig im Gras abgekratzt. Das klassische, beschissene Ende für einen wie ihn. Klischeekotze. Da gab es nicht viel zu meckern, so ein Abgang war angemessen.

Allemal besser, als mit gekrümmten Gichtfingern hilflos ins Bett scheißend zu verwelken und dahinzusiechen. Das war der pure Horror. Er konnte sich an die Schmerzen erinnern, dieses flammende Reißen und Brennen im Bauchraum. An die langsame Verdunklung des Blicks.

Nur war danach irgendetwas passiert. Der Tod erwies sich doch nicht als der Schluss, der er hätte sein sollen.

Irgendwann, so erzählten ihm die Erinnerungen, öffnete er ein Auge, sah unscharfes, schlieriges Grün.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis er fokussieren konnte, deutlich sah, was sich vor dem müden Sehwerkzeug befand.

Gras.

Es brauchte noch einmal so lang, bis er in der Lage war, den Augapfel willentlich zu bewegen. Danach fand eine Wiederholung des Spiels auf der rechten Seite statt.

Eine unbestimmte Weile später erlebte er die Sensation eines Gefühls im kleinen Finger der ehemaligen Klauenhand. Stückweise Rückkehr ins Leben.

Die Wechsel zwischen trüben, wolkigen Tagen und stockdunklen Nächten summierten sich zu Wochen. Zu Monaten sogar? Zu einem halben, einem ganzen Jahr? Schwer zu sagen.

Der Prozess beanspruchte jedes Quäntchen Kraft, das im tödlich verletzten Körper aufzutreiben war. Er ernährte sich von Regenwasser, das ihm in den Mund troff.

Seltsame Empfindungen suchten ihn während der Genesung heim. Kitzeln, Kratzen, Jucken, schmerzhaftes Ziehen. Drücken, Pressen, Reißen. Spannungen im Fleisch. Hin und wieder komische Geräusche. Es klang, als schliche jemand in extremer Zeitlupe durch das Unterholz – als könne er dem Gras beim Wachsen zuhören.

Es war, so meinte er, wie ein Dasein im Wachkoma. Man lebte und registrierte Dinge. Mehr aber nicht.

Eines Tages war er soweit.

Er stemmte sich auf einen Arm, rang um Atem, erschöpft von der Anstrengung. Danach setzte er sich auf. Ein Kraftakt, der dem verdorrten, spröden Kehlkopf krächzende, heisere Laute des Schmerzes entlockte.

Er fand die getrocknete Darmschlinge um den Hals. Mutete wie Dörrfleisch an. Oh ja, eine Ewigkeit. Er kaute darauf herum. Der Geschmack – beschissen. Aber das Zeug verlieh ihm die nötige Kraft, um weiterzumachen, sich zu inspizieren.

Dort, wo die Klingen die Bauchdecke aufgeschlitzt und das Innere freigelegt hatten, waren die Wunden geschlossen.

Dicke Narben, grobschlächtige Wundränder, kitzelige Krater, eine merkwürdige Struktur. Eine geriffelte Oberfläche, die aus mehreren, dünnen Schichten zu bestehen schien, wie Papierstreifen. Scharfkantige Blätter … oha! … versiffter Eichelkäse, Gras!

Dunkelgrüne, im trüben Tageslicht schwarz anmutende Grashalme, verdammte Wichskacke. Was für eine irritierende Scheiße!

Die nächste Überraschung – die Klauenhand. Die sah aus wie Alienscheiße. Nagellose, verlängerte Finger wiesen Kuppen auf, die verdächtig wie Arschrosetten anmuteten. Ratlos hielt er das bizarre Handding vor die Augen, schnüffelte daran und leckte vorsichtig über eines der Fingerarschlöcher.

Immerhin quoll keine Scheiße heraus. Das wäre sogar irgendwie lustig gewesen – zur Befriedigung der koprophagen Neigungen die Finger in den Mund stecken und daran saugen.

In Momenten wie diesen, in denen er sich in einer psychischen Ausnahmesituation befand, die dem Ich für Augenblicke die Möglichkeit einer Selbstreflexion gewährte, kamen ihm seltsame Begriffe in den Sinn.

Pica-Syndrom, Exkrementophilie, Koprophilie und Vomiphilie.

Worte, die im Zusammenhang mit seiner Person gefallen waren. Dinge, die man früher als auffällig, abnorm, abweichend, krankhaft und mit ähnlichen Attributen negativ besetzt hatte.

Begriffe, die abfällig, mit einem Kopfschütteln über die Lippen kamen. Begleitet von Batterien von Tabletten, Zwangseinflößungen, Zwangsjacken, Prügeleien mit Wärtern. Gerahmt von vergitterten Fenstern mit bruchsicherem Glas.

Räume, in denen alles festgeschraubt war.

Gepolsterte Wände.

Der zugespitzte Stiel einer Zahnbürste, der in ein Auge stach, es wie einen Eidotter zerplatzen ließ. Umrühren in der Höhle.

Jetzt, in der schönen neuen Welt, gab es nur mehr das Individuum und seine höchstpersönliche Sichtweise. Das war etwas anderes als gesetzliche Vorgaben, ein über den Daumen gepeiltes Mittelmaß der Stumpfsinnigkeit, die für Millionen Menschen gegolten hatte.

Clawfinger ballte eine Hand zur Faust.

Schmerz fuhr durch die Gelenke, die überlangen Finger versteiften. Die Arschlöcher weiteten sich, als wollten sie scheißen, dann schoss etwas aus ihnen hervor. Erschrocken zuckte er zurück.

Krallen. Verfickte ausfahrbare Krallen.

Die Dinger maßen sieben Zentimeter und sahen aus wie hell gemasertes Ebenholz. Leicht gekrümmt und – er tippte mit einer Fingerspitze dagegen – mörderisch scharf. Clawfinger drehte die Hand, bestaunte die Bescherung von allen Seiten. Er kapierte nicht im Ansatz, wie das passiert sein konnte, aber während er dastand und glotzte, begann ihm zu dämmern, was das für Möglichkeiten barg.

Ein Grinsen verzerrte Clawfingers Gesicht. Das war großartig. Ausfahrbare Raubtierkrallen. Weil geil war das denn? Fingerficken mit einer beispiellosen Palette an Spielarten. Oder na ja, hm, egal. Zumindest ein paar wunderbare, bisher ungeahnte Neuerungen taten sich auf.

Was den restlichen Körper betraf, da blieb es unverändert beim ersten Eindruck. Gras! Gras hatte die Wunden verschlossen.

Verfickte Scheiße, was geschah mit ihm? Wieso wuchs da … oh. Er war im Gras gestorben. Die grüne Scheiße hatte ihn wiederbelebt? Was war er jetzt? Ein lebender Toter? Ein Wiedergänger? Ein verfickter Rasen-Zombie, ein Zombie-Rasen? Stand ihm die Verwandlung in eine Art wandelndes Gemüse bevor oder wie?

Clawfinger, der nie sonderlich dazu geneigt hatte, über irgendetwas nachzudenken, wurde von besorgniserregenden Gedanken heimgesucht.

Wenn er tatsächlich von Gras wiederbelebt worden war, dann konnten doch bestimmt auch andere Dinge in ihm wachsen, oder? Und ein Mensch konnte er wohl nicht mehr so ganz sein, richtig? Und die alles beherrschende, einzig wichtige Frage: Was wurde aus ihm?

Er lachte lauthals und erschrak beim Klang seiner Stimme. Das Geräusch aneinander schabender Zweige im Rauschen von Gras, durch das der Wind fuhr.

Fuck.

Erschrocken taumelte er in ein Gebäude, betrachtete die schwanzlose Leiche von Wasserkopf und fand einen Haufen getrockneter Fäkalien, gepaart mit bröckeligem Gedärm. Die Überreste von Trent, dem verfluchten Wichser.

Wenigstens war der Hurensohn auch draufgegangen. Der hatte es genossen, ihn zu herumzukommandieren und zu drangsalieren und einzuschränken, während er hinter seinem beschissenen Schreibtisch gesessen hatte und einen abgelutscht bekam.

Verächtlich spuckte Clawfinger auf die Leichenreste.

Er setzte sich draußen hin, starrte auf den ewig bedeckten Himmel und grübelte darüber nach, wie er auf Dauer ohne Sonnenlicht überleben sollte. Dann schoss ihm ein, was für ein absurder Gedanke das war, und er schüttelte den Kopf. Schnappte er etwa über?

So wie es aussah, war dagegen kein Kraut gewachsen, ha-ha. Dreck. Dreck. Dreck.

Immerhin hatte ihm das Zeug ein Leben beschert … aber hatte es das tatsächlich? War er noch er? Konnte er das feststellen? Unbeantwortbare Fragen für jemanden wie ihn. Er war sicher, dass Undankbarkeit wohl das falsche Gefühl war. Diese Nachgeburt von Leben, dieses Pseudoleben, weiß die Scheiße, was es sein mochte, bot ihm die nicht zu verachtende Möglichkeit, ein paar Angelegenheiten zu regeln, Dinge ins Reine zu bringen. Ungeregelter Müll, der ihm unter den Nägeln brannte. Eines schwor Clawfinger bei allem, was ihm heilig war: Sobald er sich dabei ertappte, mit Blick nach oben und geöffnetem Mund im Regen zu stehen, war definitiv der Zeitpunkt für Selbstmord gekommen. Auf derartigen Mist hatte er keinen Bock.

Das Gleiche betraf Wurzeln. In dem Moment, wenn er damit begönne, die Füße in der Erde zu verbuddeln, wäre es wohl angesagt, einen brennenden Scheiterhaufen zu umarmen.

Die Vorstellung, angewurzelt in der Gegend rumzustehen und sich im Wind zu wiegen, empfand er als grauenhaft. Eine Existenz als Grünzeug schloss er für sich aus, daran war nicht zu rütteln. Clawfinger überlegte und lauschte in sein Innerstes.

Er kam zu dem Schluss, dass er zügig machen musste. Schon jetzt, wo er gerade erst auferstanden war, spürte er die pflanzlichen Einflüsse. Das Gras in ihm wurzelte und wuchs. Die Uhr tickte, und er hatte keine Ahnung, wie viel Zeit ihm blieb, ehe er sich in Gemüse verwandelte.

Veggie-Man, die karnivore Killerpflanze. Klang nach definitiv abartigem Superhelden-Comic. Darf ich dir meine Zucchini zeigen? Aaah, verflucht noch mal.

Aber was war zu tun?

Gedankenverloren nahm er eine Handvoll Erde auf und schnüffelte daran. Suchte Mineralien und Nährstoffe, die ihm von Nutzen … Mit einem Aufschrei warf er den Dreck zu Boden und stampfte wütend darauf herum.

»Lass mich in Ruhe!«, kreischte er.

Speichel sprühte.

Natürlich. Er musste die gottverdammte Drecksfotze finden und in Stücke reißen. Die Schlampe trug Schuld daran, dass er sich in ein wanderndes Blatt verwandelte … Clawfinger kicherte über den dämlichen Scherz. Ein sonst toter Winkel seines Verstands klärte ihn darüber auf, dass er eine milde Form eines hysterischen Anfalls erlitt.

Oh, dafür gibt es bestimmt eine kleine, bunte Pille.

Die mörderische Fotze auftreiben, ins Eck scheuchen und ficken, bis sie in Einzelteile zerfiel. Sie zu haschen, dürfte zu den leichteren Übungen gehören, dachte er. Sie war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Richtung Schiff unterwegs. Davon war Clawfinger überzeugt.

Apropos: der Gottchirurg. Mit dem Typen hatte er ebenfalls ein fettes Hühnchen zu rupfen. Der Kerl war dafür verantwortlich, dass er, Clawfinger, der Frau begegnet war, die genauso irre war wie er. Gestorben wegen eines verfluchten Gehirngespinsts, einer weithin verbreiteten Märchenerzählung von einem Schiff, das auf Passagiere wartete, um sie an einen unbekannten, unverseuchten Ort zu bringen.

Schon hatte er ein drittes Ziel: Dieses beschissene Boot, so es tatsächlich existierte, zu finden und in die Luft zu sprengen.

Das ergab Sinn. Ohne den Kahn hätte der fette Spinner den Trottel Trent nicht darauf angesetzt. Clawfinger wäre immer noch er selbst – statt eines botanischen Dings, das in absehbarer Zeit doof in der Gegend rumstehen und sich im Wind wiegen würde.

Nun, bis es so weit wäre, gab es mehr als genug zu tun, um die Vorhaben zu erledigen, ehe Selbstentsorgung angesagt war.

Der Fisch fing am Kopf zu stinken an – also zuerst drauflos, den geisteskranken Dickhäuter suchen und zur Verantwortung ziehen. Wäre diese Bedrohung erst vom Tisch, konnte er Irre und Schiff in einem Aufwasch beseitigen.

Gleich anfangen, empfahl die Vernunft. Keine Zeit verlieren. Clawfinger durchsuchte die Ruinen nach brauchbaren Vorräten und stopfte unbewusst eine Handvoll Erde in den Mund, ehe er sich auf den Weg machte.

Steinchen spuckend verließ er den Ort seines Todes.

Kapitel 4

Chaska war wieder da.

Die wunderschöne Kriegerfrau, die in ihren Träumen aufgetaucht war und ihr hocherotische Fantasien beschert hatte. Immer noch halbseitig tätowiert, das Schwert über der Schulter und in der Aufmachung einer Fantasykriegerin. Körperschmuck. Alles Dinge, die She sexuell anziehend fand. Bei der Kreation dieser Illusion hatte ihr Unterbewusstsein jede Menge Überstunden geschoben.

»Du hast mir letztens die Frage nicht beantwortet«, sagte She anstelle einer Begrüßung, und die Exotin zog eine Augenbraue hoch. »Ach ja?« Geste und Tonfall bescherten She ein Kribbeln zwischen den Beinen.

Herrje.

Der Ort der Begegnung ähnelte auf den ersten Blick dem Seitenschiff eines gotischen Doms. Die Ähnlichkeit beschränkte sich nach der ersten Orientierung jedoch auf die Dimensionen und einzelne Elemente, die wohl aufgrund ihrer Funktion universell vertraut erschienen.

In der Mitte befand sich ein massives, schlicht zu nennendes Gebilde, das einem sorgfältig bearbeiteten Opferstein nicht unähnlich war. Gerundete Kanten und gravierte Symbole leuchteten gelb, konkurrierten mit dezentem Blau, das die Umgebung in ein unheimliches Falschfarbenlicht tauchte.

Eine Front, die wie ein hochgotischer Wandaufriss anmutete, von dem Strebebögen zur anderen Seite des Raumes wuchsen, war tatsächlich eine Fensterfront. Zwischen den zur Decke strebenden, nachtschwarzen Pfeilern, die in ein Rippengewölbe mündeten, zogen sich Panoramascheiben über die gesamte Höhe.

Davor stand Chaska und lächelte mit unverhohlener Neugierde. She trat ans Fenster, berührte im Vorbeigehen die Fingerspitzen, die scheinbar zufällig in ihre Richtung deuteten.

Die Kriegerin gesellte sich neben sie.

»Meine Geburtswelt«, erklärte sie.

She blickte durch die Scheiben hinab auf einen Planeten, den kein Terraner mit der eigenen Heimatwelt verwechseln konnte.

»Wir sind im Weltraum«, hauchte She. Das kam unerwartet.

»Oh ja. Du befindest dich an Bord von Nachtauge. Sie ist ein intelligentes Schiff mit eigenwilligem Charakter.«

»Sie?«

»Nun, es ist ein Sternenschiff, also ein Es, aber bestimmte Eigenheiten lassen den Schluss zu, dass dieses Raumschiff eine weibliche Seele hat.«

She schnaubte. Im Orbit eine andere Welt umkreisend, in einem Raumfahrzeug mit weiblicher Seele. Hüstel. Belustigender Unfug. Trotzdem bedauerlich, dass sie nur träumte.

Chaska deutete mit einem Kopfnicken nach unten. »Siehst du die Polarregion und den massiven Berggürtel, der sie vom Rest des Kontinents trennt? Da bin ich geboren, in einem Königreich, das es nicht mehr gibt«, flüsterte die Kriegerin. »Es verging an dem Tag, an dem Gewenna starb, meine Mutter. Mein Vater war der König des winzigen Landes.«

»Du bist eine echte Prinzessin?«, fragte She und erinnerte sich an ihre eigene Mama, die sie stets so genannt hatte.

»M-hm«, hauchte Chaska in ihr Ohr, und ein prickelnder Schauer perlte Shes Wirbelsäule hinab. Oh, oh, wow. Heftig.

»Und wir befinden uns wirklich in …«

»… einem Sternenschiff«, führt die Kriegerin den Satz zu Ende. »Einem gewaltigen, intelligenten Schiff, das sich auf einer Reise durch Zeit und Raum befindet, um eine Mission zu erfüllen.«

»Gehört Nachtauge dir?«

»Nein, auf sie hat niemand Anspruch. Nachtauge hat selbst entschieden, mit wem sie reist. Eines Tages stelle ich dir die Frau vor, die diesen Behemoth bewohnt.«

»Von welcher Mission sprichst du?«

»Das, mein Schatz, verrate ich dir, wenn du dafür gerüstet bist, dich mir anzuschließen.«

»Wir drehen uns im Kreis. Das spielen wir nicht zum ersten Mal. Sag mir, wovon das abhängt.«

»Hm, so ungeduldig?« Die Kriegerin atmete in ihr Ohr, und erneut verspürte She einen Schauer der Lust. Eine Zungenspitze leckte über ihr Ohrläppchen.

»Hab Geduld, meine Schöne. Alles zur rechten Zeit. Es gibt Wissen, auf das man vorbereitet sein muss.«

She blickte die Kriegerprinzessin intensiv an, beugte sich vor, schloss die Augen, die Lippen berührten sich und … sie erwachte.

Grübelnd starrte She in die Flammen des Lagerfeuers, ohne sie wahrzunehmen, fächelte Laternenkäfer beiseite, die rings um sie tanzten.

Chaska war beunruhigend. She sah keine Bedrohung in der Kriegerin, eher im Gegenteil, und genau das stellte den Quell ihres Unbehagens dar. Sie fühlte eine unwiderstehliche Anziehungskraft von ihr ausgehen, etwas, das sie dort berührte, wo es intim wurde.

She kannte sich gut genug, um zu wissen, dass sie eine emotionale Zuneigung zu einer Traumfigur entwickelte. Das war der geistigen Gesundheit bestimmt nicht zuträglich.

Andererseits: Wer oder was war dieser Tage reinen Gewissens in der Lage, einen so abstrakten Begriff wie geistige Gesundheit zu definieren? Und dazu die Richtigkeit der Definition für sich in Anspruch zu nehmen?

Ihrem Verständnis nach gab es dafür so viele Deutungen wie Menschen. Es gab, das war kaum abzustreiten, genau eine Regel, die für alle Überlebenden gleich war: Es gibt keine allgemeingültigen Regeln.

Althergebrachte Normen und Verhaltensmuster konnte man befolgen, brauchte man nicht zu akzeptieren, und was die Normalität anging – was sollte das sein?

Die Welt war Punkrock mit Metaleinlagen, über die Bassline – E-Bass – des Tag- und Nachtwechsels gleitend, versetzt mit schrillender Zwölftonmusik.

Das Tagesgeschehen lief auf der Drumline ab, mal Presto, mal Adagio, auf- oder abschwellend, überbordend, niemals enden wollend.

So ähnlich wie ein Remix von Rewind, von Emma Hewitt. Sie stutzte. Was zum Teufel?

Nachdenklich musterte sie die Frau.

Chaska verkörperte die unbekannte Komponente, dem Ich entsprungen und selbstbeeinflussend. She konnte weder Ursprung noch Bedeutung der Kriegerfrau deuten.

Das geile Weib war schon rein äußerlich einmalig. Oh, da war ihre Freundin mit Piercings gewesen, bei deren Anblick sie schweißnasse Handflächen bekommen hatte, so sehr machten die Dinger sie an. Dazu die Frisur, eine Seite des Kopfes ultrakurz rasiert, die andere lang. Kupferfarben.

Und natürlich die Süße mit den Dreads. Beide mit lässigen Tattoos, kunstvolle, aufwendige Arbeiten. Nicht mal eine Kombination der zwei Frauen ergab im Ansatz eine so bunte und exotische Gestalt wie die Schwertfrau. Woher kam das Weib? War sie ein Wunschtraum, eine Fantasie? Die Verkörperung dessen, was She selbst sein wollte? Was ließ sich aus den Orten der Begegnung herauslesen? Gab es da überhaupt etwas zu finden?

She schnaubte genervt. Sie sollte aufhören, den Unfug zu Tode zu analysieren. Träume waren Nachtmahre und Hirngespinste, Überbleibsel und Bruchstücke von Dingen, die das Unterbewusstsein tagsüber aufnahm und in der Nacht verarbeitete. Surrealer Scheiß, kaum von Bedeutung. Das Gehirn entleerte und reinigte seine Windungen.

Aber verdammt, dieses Sternenschiff konnte nirgends herkommen und war interessant. Sie seufzte, wedelte Käferchen beiseite und bettete sich hin. Schlafen schien sinnvoller zu sein.

Verärgert und alarmiert musterte sie die Überreste des Drools. Blankes Gebein und verfilztes Fell. Sämtliches Fleisch verschwunden, Gehirn futsch. Sie trat auf den leeren Schädel, ließ ihn knacken. Nahm einen Schenkelknochen auf, inspizierte ihn. Die Oberfläche war unbeschadet, und so sehr sie die Augen zusammenkniff, sie fand nicht das winzigste Fitzelchen Sehne oder Muskelfleisch.

Nachdenklich warf sie den Knochen fort, während sie weitermarschierte, den Blick aufmerksam zu Boden gerichtet. Man brauchte kein Expertenwissen, um zu erkennen, wer für diese makellose Arbeit verantwortlich zeichnete.

Insekten. Gattungsunabhängig schienen die Mistviecher nahe dran zu sein, zur bedeutendsten Spezies aufzusteigen. Sie hoffte, dass der Drool krank, alt und verwundet gewesen war, als er seinen Feinden in die Zangen fiel.

Sie blieb stehen, musterte aufmerksam die Umgebung. Sah aus wie überall. Unebener Untergrund, ein Gemisch aus Erde und Steinen. Hier und dort einige grüne Flecken, Bäume und Büsche. Reste der Zivilisation: Wracks, Ruinen, Trümmerstätten. Das Übliche. Keinerlei Auffälligkeiten.

Sie drehte sich mehrmals um die eigene Achse, erkannte nichts Verdächtiges, marschierte weiter, den Blick abwärtsgerichtet.

Immerhin besaß sie gutes Schuhwerk. Stabiles, dickes Leder, über die Knöchel reichend, geschnürt, Profilsohle. Hosen in die Stiefel gestopft. Das sollte reichen, sie vor einem … Scheiße.

She erstarrte.

Hatte sie eine Bewegung gesehen? Linker Fuß im Zeitlupentempo nach vorn. Warten, genau schauen, bedächtig absetzen. Erstarren. Pausieren.

Hm. Nichts. Fuß zum Schritt … stopp!

Gottverdammter Scheißdreck, da war etwas!

She war weder feig noch leicht aus der Fassung zu bringen, aber das strapazierte ihre Nerven. Durchatmen. Einmal. Zweimal. Dreimal. Umschauen. Nur Kopf und Augen bewegen, die Erde ringsum mustern, versuchen, unter die Steine, die Blätter und den üblichen Dreck zu blicken. Da ist nichts! Nada! Wirklich? Oder wurde sie schon gejagt und wusste es nicht? Spielte da etwas mit ihr?

Was lauert da? Lauert da was?

Warten.

Einatmen, Luft anhalten, gleichmäßig ausatmen wie ein Scharfschütze, der den Abzug durchzieht. Und einen behutsamen Schritt tun.

Nichts! Nichts?

Wirklich?

Wah, ich werde noch wahnsinnig. Mist.

She grübelte.

Was war das überhaupt mit ihrer beschissenen Fähigkeit, die Welt anders zu sehen? Da wurde sie von einem verfluchten Baum verschluckt, kam überaus intim mit den Säften in Berührung, und dann ließ der Dreck sie im Stich, wenn sie ihn mal wirklich brauchte. Sonst poppte der Kram nach eigenem Willen auf.

Ausschließlich erratisch funktionierende Drogenscheiße, gottverflucht noch mal.

Warten. Mehr warten.

Noch mehr warten.

Nein, da war nichts.

Sie atmete durch. Vorwärts. Ein Dutzend Schritte, keinerlei verdächtige Bewegung. Kein Huschen im Augenwinkel, Ruhe. Sie entspannte sich. Sah so aus, als wäre sie einer optischen Täuschung unterlegen und … FUCK!

Sie stoppte am Rand eines Trichters.

Zehn Meter Durchmesser, halb so tief. Kreisförmig wie von einer Bombe gesprengt – was nicht unwahrscheinlich war.

Da!

Hölle und Rost! Vor ihren Augen bewegte sich der Untergrund. Rötlich-braune, faustgroße Klumpen Erde mit unregelmäßiger, schwarzer Maserung und widerhakenbewehrten Zangen wanderten auf sechs Beinen in alle erdenklichen Richtungen.

Ein unüberschaubares, die Sinne verwirrendes Chaos, das sich auf den zweiten Blick als effektives Muster erwies.

Oh, oh. Sie tat einen Schritt nach hinten, drehte den Kopf und erstarrte.

Hurenkind und Schusterjunge! Sie war umzingelt. Die Erdklumpen – gottverdammte Riesenameisen. Sie war in eine Falle gelaufen. Die Ameisen hatten sie direkt vor der eigenen Haustüre schachmatt gesetzt. Nicht blöd, die Tierchen, überaus effektiv.

Jetzt, wo sie wusste, worauf zu achten war, erkannte sie zahllose Eingänge in den Wänden des Trichters. Berücksichtigte man die Größe der Tiere, dann – meine Fresse! – stand sie oberhalb eines Baus von beängstigenden Dimensionen.

Das also war dem Drool zum Verhängnis geworden – Riesenameisen auf der Jagd.

Sie erinnerte sich an einen Artikel über Ameisenkolonien, der sie seinerzeit fasziniert hatte. Da war von einer Kolonie die Rede gewesen, die sich über enorme 5.700 Kilometer entlang europäischer Küsten erstreckte. Mehrere Millionen Nester und etliche Milliarden Tiere.

Aliens.

Stand sie gerade vor einem ähnlich dimensionierten Tierverband, oder handelte es sich hier um einen einzelnen Hive? Wie auch immer, sie steckte in der Klemme.

Gemäß der bisherigen Erfahrungen konnte sie getrost davon ausgehen, dass die Viecher giftig waren. Die Säure machte das Fleisch mürbe, um es mühelos und effektiv in handliche Stücke zerlegen zu können.

Sie hoffte, dass irgendwo auf der Welt ein überlebender Entomologe tätig war, der versuchte, die Insekten neu zu klassifizieren. Der hätte bestimmt Spaß an derartiger Scheiße, und das meinte sie nicht mal zynisch.

Sie sah sich um.

Zahllose Tierchen waren damit beschäftigt, Dinge über die von ihnen angelegten Wege zu transportieren. Sie erkannte Krabbeltiere, Nagetiere, Fleischbrocken unbestimmter Herkunft, Pflanzen – was eben als Futter verwertbar war. Sprich, so gut wie alles, was die Scheißkrabbler schleppen konnten.

She beobachtete die Ameisen, die sie umzingelten. Perfekt aufeinander abgestimmte Soldaten, die auf die Rücken der vorderen Tiere kletterten und mit erstaunlichem Tempo einen lebenden Wall um sie hochzogen. Sie hatten bereits Kniehöhe erreicht.

Die mauern mich ein!

Scheiße. Ein Albtraum. Eingemauert von Insekten. Zerlegt, in den Bau geschleppt, konserviert. Allein die Vorstellung, wie viele schmerzhafte Bisse notwendig waren, nur um einen Arm abzuzwacken, trieb ihr Schweiß auf die Stirn.

Die Evolution schiss sich kein Jota um die Beute. Ob Absicht oder nicht, es führte nur ein Weg aus dieser Falle. Trotz des Horrors bewunderte sie die Tierchen.

Clever, wirklich. Die Menschheit war chancenlos. Der irre Nekrophile, dem sie vor einer Ewigkeit begegnet war, wie hatte er noch mal geheißen … ah ja, Tangier – er hatte definitiv recht gehabt. Der Mensch war zu einer Vorstufe seines Nachfolgers reduziert worden.

Nun denn, rein ins Vergnügen.

Beherzt trat sie zu, kickte die Leiber dutzendweise fort und stürzte sich mit Schwung in den Krater.

Ringsum schnellten Ameisen auf sie zu. Sie hob die Arme schützend auf Kopfhöhe und konnte die Tierchen gegen sie prasseln hören. She fühlte jedes von ihnen aufprallen, bei der Größe kein Wunder. Sie nahm Beine wahr, die sich in ihrem Haar verfingen.

Was um Himmels willen waren das für Mutationen? Sie rutschte, lief, stolperte hinunter, spürte und hörte die Insekten zu Dutzenden unter den Schuhsohlen platzen. Sie fühlte die Zangen, die durch den Stoff an die Haut gelangten und zubissen. Registrierte mit unerwünschter Klarheit, wie Säure in die Wunden spritzte.

Die Scheiße brannte wie Feuer. Mit zusammengebissenen Zähnen hetzte sie vorwärts, Biss um Biss an Kraft verlierend – viel zu schnell.

Krabbelte auf allen vieren an der gegenüberliegenden Seite wieder hoch. Die ungeschützten Finger wühlten in der Erde, rissen Tunnel auf, schleuderten Ameisen umher, Biss, weiter, Biss, weiter, Biss, weiter. Die Hände schmerzten, als stünden sie in Flammen. Ihr rechtes Bein zeigte Lähmungserscheinungen. Scheiß drauf, du blöde Sau, sonst wirst du Fleischsuppe für die Drecksviecher.

Sie rutschte ab, glitt zurück, schrie vor Zorn. Spürte Tiere auf dem Rücken, im Haar, durch die Hosen beißend, zwischen Rucksack und Jacke kriechend, über das Leder schabend, in die Kopfhaut zwickend.

Keuchend und krächzend überwand sie den Kraterrand, rappelte sich auf die Beine, hinkte davon.

Plagte sich mit schmerzenden, steifen, knallroten und geschwollenen Fingern, die Tiere abzustreifen, während sie hastig weiterhumpelte, ein Dutzend, fünfzig, hundert Schritte.

Hielt den Abstand zum sie verfolgenden Albtraum, der ihr an den Fersen klebte. Vorwärts, nicht nachgeben, es sind immer noch welche da. Mach schon, du faule Sau!

Verdoppelte die Entfernung, verdreifachte sie. Komm, weiter. Die Jäger fielen zurück, gaben auf. Humpel ein paar Schritte mehr, bis du endgültig außer Reichweite bist.

Sie taumelte, stolperte, fing den Sturz mit den Händen auf.

Schrie! Mörderische Schmerzen! Kam noch mal auf die Beine, hastete vorwärts, mit den Armen um Gleichgewicht rudernd, den Kampf verlierend, mit Schwung und Gesicht voran zu Boden gehend.

Zerrte schreiend das Gepäck vom Rücken, wälzte sich auf der Erde, pickte die verbliebenen Mistviecher ab, zerklatschte sie zwischen ihren Handflächen. Die Gliedmaßen waren so gut wie unbenutzbar.

Sie spürte, wie das Gift seine Wirkung entfaltete, sie schrittweise lähmte, während sich Hände, Schenkel, Nacken und Gesicht grotesk verformten und anschwollen. Das Atmen fiel schwer, und sie hechelte wie ein verdammter Drecksköter, der einen Tritt mit stahlkappenbewehrten Stiefeln bekommen hatte.

Drecksviecher, mörderische. She krümmte sich, keuchte nach Luft und versuchte, reglos zu bleiben. Ein heftiger Krampf fuhr durch ihren Körper, Übelkeit suchte sie heim. Trockenwürgen. Magensäure spucken.

Dann verlor sie das Bewusstsein.

Kapitel 5

Der Pachyderm stand am Fenster der Residenz und blickte hinab auf die Ruinen der Stadt, die er als Zentrum der Welt auserkoren hatte.

Überall wurde gebaut, nach Vorgaben und Modellen, die er ersonnen und entwickelt hatte. Menschliche Sklaven und Ersies der ersten Generation errichteten das achte Weltwunder.

Durch die Fenster war Hämmern zu hören, Poltern von schweren Steinbrocken, Schreie und Rufe der Arbeiter, die an einem Dutzend Baustellen gleichzeitig zu Werke gingen. Wie einfach es doch gewesen war, ein Heer an Freiwilligen zu finden, die sich die Rücken krumm und die Finger blutig schufteten.

Menschen benötigten jemanden, der Befehle erteilte, ihnen die Sicherheit vermittelte, dass es Leute gab, die sich um sie kümmerten und wussten, was zu tun war.

Individualisten waren rar gesät, und die interessierten ihn nicht mal ansatzweise. Götter brauchten keine Einzelgänger, sondern Heerscharen von Gefolgsleuten.

Und diese Scharen durften sich glücklich schätzen, dabei zu sein, wenn er eine neue Epoche einleitete. Sie schrieben Geschichte, indem sie Stein auf Stein setzten und taten, was er befahl.

Ausgewählte Mitglieder von Spezies 101.3 halfen bei der Arbeit.

Er betrachtete die eifrig wuselnden, menschlichen Ameisen wie einst die ägyptischen Könige ihre Untertanen. Ab Siamun, Herrscher der 21. Dynastie, nannte man sie Pharao, ein Wort, dessen Klang ihm überaus zusagte. Und um Per aa, das große Haus, ging es auch.

Allerdings war er so fett wie kein Imperator vor ihm. Es bedurfte mehrerer Gehilfinnen, um die Intimzonen von Dreck, Schweiß, Eichelkäse und Scheißespuren zu reinigen. Allein war er dazu nicht in der Lage. Wenigstens gehen konnte er noch.

»Ich bin der Manuel Uribe aller Gebieter«, brummte der Gottchirurg. Er klang grantig, war aber im Gegenteil trotz der Katastrophen in letzter Zeit gut aufgelegt. Zuerst der Tod von Edward Lee und die Vernichtung des Sklavenlagers, das ihm stets nützlichen Nachschub beschert hatte.

Das totale Versagen von Generation zwei der Ersies. Sie waren ihm entglitten, zombiehafte, unberechenbare Kreaturen mit Potenzial zum Amoklauf. Diese Existenzen waren mehr als sinnlos gewesen.

Dann war da die geistesgestört ekelige Tötung des bis dahin erfolgreichsten und viel versprechendsten Missionars Trent, damit einhergehend der zwangsweise Stopp der Westexpansion.

Eine Serie von Unglücksfällen mit dem Potenzial, Weltreiche zum Bersten zu bringen. Aber er war Pharao, der Gottchirurg, und derartige Rückschläge konnten ihn am Ende des Tages nicht aufhalten. Die Verluste schmerzten trotzdem.

Andererseits: Kein Imperium der Menschheitsgeschichte war ohne Fehlschläge und Blutzoll entstanden. Das gehörte dazu, nur so lernte man.

So hatte er einen Ersatz ernannt und ihn mit gehöriger Verspätung ins Katastrophengebiet geschickt. Dem Mann waren zwei Berater zur Seite gestellt, um die Gefahr fataler Fehlentscheidungen zu minimieren. Die Leute befanden sich vor Ort, analysierten die Geschehnisse und machten sich an die Neuinstallation der Ordnungsmacht.

Das Problem mit dem Ersatz: Der Mann war Laie. Es mangelte ihm an Fantasie und Weitblick des Vorgängers. Vielleicht gar nicht verkehrt, vielleicht ein Schuss in den Ofen. Die üblichen zwei Seiten der Medaille. Wenigstens hatte er die Berater – auch nicht uninteressant, ein Triumvirat zu testen.

Abgesehen davon!

Verfügte er über einen Schatz!

Etwas Einmaliges!

Ein 3D-navigiertes, computergesteuertes Roboterchirurgiesystem. Mit Generatoren. Mit einem vollständigen Satz an Bestecken. Mit begleitender Apotheke, zugelassene Medikamente und solche im Versuchsstadium.

Alles, was er brauchte.

Der unglaublichste Fund, der ihm je untergekommen war.

Bedachte man Form und Geschwindigkeit, mit der die Welt zum Teufel gegangen war, erschien es merkwürdig, Überbleibsel fortschrittlichster Hochtechnologie so selten aufzuspüren.

Die zwecks Ergänzung nötigen Humanressourcen, ein Mechaniker und ein Programmierer, waren recht zügig gefunden und in die Gewalt gebracht.

Damit stand der Umsetzung der ursprünglichen Pläne kein Hindernis mehr im Weg.

Die Ersies, eine eingeschränkt nützliche Notlösung, wurden mit sofortiger Wirkung in den Wind geschossen. Ihre Kreation hatte ihn nie wirklich befriedigt, vor allem der geistige Überbau war mehr als fragwürdig. Das Aufhängen der kreatürlichen Infrastruktur an einem vage definierten Glaubenssystem schmeckte ihm ohnehin nicht.

Der Schwachsinn war bestens für Menschen geeignet, für seine Eigenkreationen nur mäßig brauchbar. Deren Bewusstsein hatte er zwar sorgfältig ausgelöscht, aber zu hundert Prozent gesäuberte Gehirne gab es nicht, und das barg auf längere Sicht ein gewaltiges Konfliktpotenzial.

Kurz gesagt: Weg mit den Ersies.

Das Chirurgiesystem war das ultimative Werkzeug, und es gab niemanden, der in der Lage war, ihm in die Quere zu kommen und sein Vorhaben zu sabotieren.

Zielstrebig und konsequent ließ er an sämtlichen in der Geburtsfabrik untergebrachten Schwangeren Abtreibungen vornehmen, ohne Rücksicht darauf, in welcher Woche sie sich befanden. Ein paar überlebten nicht, aber das spielte keine Rolle.

Nur um das tägliche Ritual war ihm schade. Die wachsenden Bäuche anzugreifen, Erregung und Befriedigung aus dieser Berührung zu ziehen. Das war sein Fetisch.

Zu dumm, dass der Schwanz unter der gewaltigen Wampe an Platzmangel litt. Er stünde ihm jetzt, da er an das berauschende Gefühl dachte, einen kugelrunden Schwangerenbauch zu streicheln und tätscheln, bis zum Kinn.

Oh, die prallen Brüste, Vormilch, die aus den Warzen tropfte. Spritzte, so man sie quetschte. Die dicken, blauen Adern unter der gespannten Haut deutlich sichtbar. Wie wunderschön das alles war!

Der Gottchirurg war davon überzeugt, dass Schwangere einen eigenen, nur unterbewusst wahrnehmbaren Duft verströmten, und – das konnte er mit absoluter Gewissheit sagen – sie schmeckten anders als Frauen, die nicht trugen.

Ihr Fleisch war zarter und eine Spur süßer. Diese Gedanken erregten ihn, und er spürte, wie es in der Hose warm und nass wurde.

Ob Samen oder Pisse ließ sich nicht unterscheiden. Der gequetschte Penis scherte sich einen Dreck darum, was er verspritzte, Hauptsache, er war in der Lage, den Druck aus dem unter Dauerlast leidenden Inneren abzubauen.

Rein theoretisch brauchte er keine Schwangeren mehr, vom Lustgewinn abgesehen. Andererseits kam selbst für den größten Herrscher irgendwann der Zeitpunkt, an dem es Sinn ergab, die Plackerei an einen Erben abzuschieben.

Waren nicht römische Kaiser einst auch Pharaonen gewesen, als Ägypten zu ihrem Reich gehört hatte? Wunderbare Titel, die eine Menge Arbeit in sich bargen.

Er beobachtete, wie eine Zenturie von Soldaten die nahezu fertiggestellte Kaserne verließ, um in Richtung Westen zu marschieren.

Es war ein enormes Wagnis, gleich 80 Kämpfer auf den Weg zu schicken. Aber, auch wenn es schizophren klang: Er wollte kein Risiko eingehen, was die ungeklärte Angelegenheit im Westen betraf.

Es blieben ausreichend Bewaffnete zum Schutz der Hauptstadt zurück, mehr, als der abmarschierende Zenturio wusste, ein aussichtsreicher Kandidat für eine langfristige Karriere.

Die vorhandenen Exemplare von Spezies 200, die Edition 201.1, rechnete er nicht mit. Die befanden sich im Versuchsstadium. Trotz der weltbesten Voraussetzungen verfügte er nur über begrenzte Kapazitäten, um die benötigte Stückzahl herzustellen.

Bei jedem einzelnen Geschöpf musste er überlegen, welcher Gattung es angehören sollte. Eine Rundumversorgung war frühestens in fünf Jahren gegeben, und immerhin hatte er von mehreren Arten Musterexemplare. Bis jetzt lief es vielversprechend.

Alles, was er tat, war letztendlich dem Problem des Zeitmangels unterworfen. Daher brauchte er von einer Legion noch längere Zeit nicht zu träumen. Trotzdem war er zuversichtlich, mit den realistischen 400 Legionären über die größte geordnete Armee der Welt zu verfügen.

Jetzt blieb zu hoffen, dass die Truppe ihre Aufgabe meisterte. Sie musste dieses verdammte Schiff finden, dann oblag es dem Zenturio, sich zwischen Inbesitznahme und Vernichtung zu entscheiden.

Oder er erbrachte den Nachweis der Nichtexistenz. Was auch geschehen würde, die unbedingte Demythologisierung des Kahns war zwingend nötig. Dessen vage Existenzmöglichkeit hatte die Kette von Ärgernissen erst in Gang gesetzt, und das Risiko, dieses Gefährt zu einer Bedrohung der künftigen Allmacht geraten zu lassen, gehörte im Keim erstickt.

Der Gottchirurg schnaufte zum Thronsessel zurück, plumpste schwer auf den fetten Arsch und wandte sich den Dingen zu, die ihn, nachdem endlich alles lief, vordringlich interessierten.

Welcher seiner Göttlichkeit gerecht werdende Name würde die neue Hauptstadt schmücken? Wie sollten die zusätzlichen, Dutzenden Flügel des zukünftigen Palasts, des Per aa, aussehen?

Die Leibmädchen gingen daran, den Gottchirurgen zu entkleiden, ihn aus der nass-klebrigen, müffelnden Wäsche zu befreien und zu reinigen, während er sich wonnigen Gedankenspielen hingab.


Cover: Prinzessin Trilogie 3DPRINZESSIN: DIE PRINZESSIN

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Der vorliegende Text ist durch (c) copyright geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Der Text darf in keiner Weise übernommen, verändert oder umgeschrieben werden. Alleiniger Inhaber sämtlicher Rechte an diesem Text ist der unter dem Namen “John Aysa” publizierende Autor.


Der Beitrag [LESEPROBE]: Prinzessin: Armee der Finsternis (Bd. 2) erschien am 01.03.2018 auf JohnAysa.net


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