[LESEPROBE]: Schwarzer Schwan: Blutliebe (Bd. 1)

Cover: BlutliebeCRITERION – SCHWARZER SCHWAN: BLUTLIEBE

mehr zum Buch / Paperback und Kindle Edition bei Amazon …

 

Sweet Sixteen

Je nachdem, wen man fragte, war es entweder spät oder früh genug, um die ersten abgerackerten Huren gähnend, mit geschwollenen Knöcheln und wundgefickter Möse aus ihren mörderischen Hacken in die zerwühlten Laken kippen zu lassen, noch bevor sie sich die getrockneten Spermaspuren vom Körper waschen konnten.

Ein unangenehmer Wind kam auf, etwas kühler als die dampfende Luftsuppe, dafür bis zum Anschlag mit Feuchtigkeit vollgesogen. Der Luftstrom erleichterte ein wenig das Atmen der kurz vor dem anstehenden Regenguss bis zum Maximalpegel gesättigten Luft. Es roch nach Nässe und Elektrizität, müffelte geradezu nach einem von heftigen Gewittern begleiteten, schweren Wolkenbruch. Inzwischen warnten sogar die Lokalnachrichten vor dem Unwetter.

Vorbereitend auf Hunderte Einsätze wegen vollgelaufener Keller und Unterführungen, umgestürzter Bäume und gerissener Stromleitungen zog die Feuerwehr der Stadt Mannschaften zum Dienst ein. Es sah nach harten 48 Stunden Dauereinsatz aus.

Unberührt von den sich anbahnenden Naturgewalten und Dramen marschierte das Mädchen durch den nächtlichen Park, weder hastig noch langsam, aber zielstrebig. Sie trug die unverwüstliche Arroganz der Jugend zur Schau, die wusste, dass nichts und niemand ihr etwas anhaben konnte. Ihr Leben hatte sie bisher vor ernsthaften Problemen bewahrt, nie war ihr eine unlösbare Aufgabe in die Quere gekommen, um sie gründlich zu zerkauen und auszuspucken.

Dem Aussehen nach war sie altersmäßig zwischen vierzehn und sechzehn Jahren anzusiedeln, möglicherweise auch erst dreizehn. Bei modernen Teenies ließ sich das mehr als schwer richtig schätzen. Aufmachung und Gehabe passten kaum je zur tatsächlichen Reife. Die Mädchen machten sich lustvoll älter, um irgendwann in einer für sie noch utopisch fernen Zukunft krampfhaft darum bemüht zu sein, wieder jünger zu erscheinen.

Verrückte Welt.

Fest stand, dass sie viel zu spät unterwegs war. Um die Zeit sollte sie längst daheim sein, seit Stunden im Bett schlafen oder wirres Teenagergestammel in verdummende Software-Applikationen tippen, geplagt von Schlaflosigkeit über diesen oder jenen Rotzkerl – natürlich den blödesten Erbgutspritzer weit und breit. Einer der dämlichen Scheißer, die weder Hosen noch Kappen richtig zu tragen wussten und deren Horizont nicht weiter als eine Armlänge reichte.

Und während sie im Ansturm der amoklaufenden Hormone verginge, würde der im Hintergrund laufende Videostream jegliche Entfaltungsmöglichkeit der verborgen ruhenden Intelligenz unterdrücken.

So verlangte es das Klischee.

Stattdessen spazierte sie ausgerechnet in dem Teil der weitläufigen Parkanlage umher, der schon tagsüber wenig behaglich und einladend erschien, geschweige denn nachts, wenn eine sehr spezielle Klientel auf den Wegen und in den Gebüschen unterwegs war.

Um diese Zeit gingen die Schattengestalten, die Finsternis und die Abartigkeit im Verstand der Menschen um.

Hier, so das offene Geheimnis, war der Babystrich zu finden. Minderjährige Huren, heroinsüchtig, crackabhängig, geschlagen, ausgebeutet. Mit fünfzehn so abgebrüht und kaputt wie eine alte, abgetakelte Nutte – mit achtzehn … starben sie zuhauf. Die Überlebenden wechselten den Standort und gingen an den Bahnhöfen anschaffen. Vor den kleinen und vernachlässigten, aus grauer Vorzeit stammenden Gebäuden mit den bröckelnden Fassaden für die Lokalbahnen. Vor den großen, ihr hässliches Aussehen dem Zeitgeist der Moderne geschuldeten Monumentalbauten, Kommerzanstalten und auf den internationalen Bahnverkehr ausgerichtet.

Bis in die Haarspitzen zugedröhnt, um die Arbeit zu ertragen, um die Angst auszuhalten, die nachts Einzug hielt und den Namen Ferve trug. Ferve, der Dreckfresser, jener, der Eingeweide aus den Bäuchen riss, Teile davon fraß und die Körper ausblutete.

Ferve, der Realität gewordene Nachtmahr.

Die meisten Huren endeten zur Gänze und in Einzelteilen in Müllcontainern, im Fluss, im Hafen oder in einem vergessenen Winkel in Heaven’s Gate, dem beschissensten Viertel von Precinct Thirteen, dem übelsten Bezirk der Stadt. Opfer des Lebens, der Ignoranz der korrumpierten Gesellschaft, von Ferve, Opfer von Krokodil.

Wie viele überlebten, schafften den Ausstieg? Zwei von hundert? Eine von tausend? Es gab keine brauchbaren Statistiken, bloß das leere, unerträglich verlogene Geschwätz von Politikern, die das Wahlvieh mit Versprechungen vom Aufräumen und von Sicherheit umwarben.

Ganz so, als wäre unklar, dass die Realpolitik andere Schwerpunkte vorwies und ihnen nichts anderes blieb als Unterordnung versus Untergang. Und alle wussten, dass dem so war. Das war der Konsens, und unterm Strich ging es nur um die Wahrung des Scheins, um die Eleganz, mit der sich der charakterlose Drecksack von einer Wahl zur nächsten wand.

Wahlversprechen bedeuteten einen Dreck, und Änderungen am Status quo kamen machtvollen Interessensgruppen oder Individuen in die Quere, denen aus Eigennutz vorwiegend am Stillstand etwas lag. Das Wort vom Aufräumen war eine Illusion, die mit pompös benannten, im systematisch amateurhaft erscheinenden Stadtfernsehen bejubelten Alibiprojekten aufrechterhalten wurde.

Um der Wahrheit die Ehre zu erweisen, der Verbleib der minderjährigen Huren kümmerte keinen Schwanz. Es gab zu viele davon, in die man den Steifen versenken konnte, ohne sich um Folgen kümmern zu müssen.

Man munkelte von unterirdisch gelegenen Farmen, wo gefangene Frauen serienweise geschwängert wurden, um Nachwuchs für die Zuhälter zu beschaffen.

Babyindustrie.

Billig im Betrieb und extrem lukrativ.

Die Spanne war mörderisch.

Diese Nachteule allerdings sah nicht nach Babystrich aus. Helle, funkelnde Augen, ein winziges Schmunzeln um die Mundwinkel. Zugedröhnte Drogenhuren hatten keinen solchen Blick. Oh, sie war aufgedonnert, schrammte hart an der Grenze zur Geschmacklosigkeit entlang, wie bei einem Mädchen ihres Alters zu erwarten. Zielgruppenstyling, das den meisten Älteren verständnisloses Kopfschütteln abrang.

Rebellisches Gehabe einer Tochter aus wohl situierter Familie, gehobene Mittelschicht, die Wert darauf legte, sich vom Spießertum der Altvorderen abzuheben und ihre Individualität zu betonen. Und um gewisse, hormonspritzende Jungs zu beeindrucken, die ihren Verstand durch die Schwanzspitze abgaben.

Wichser.

Der Mann trat mit einer flinken, verhuschten Bewegung aus der Schwärze. Er tauchte zwischen Baum und Gebüsch auf, und sie zuckte erschrocken zusammen. Blieb stehen, unsicher, was sie tun sollte.

Er hatte sie überrascht, ihr egozentrisches Weltbild invadiert, womit sie sichtlich überfordert war.

»Oh, tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken«, sagte er in sanftem Tonfall. Seine Stimme klang ein wenig wie das heisere Grollen eines Bernhardiners. Er trat näher, die Hände zu den Seiten ausgestreckt, um Harmlosigkeit zu demonstrieren.

So etwas hatte sie bisher ausschließlich in jenen Serien gesehen, deren Episoden in endloser Folge über den Bildschirm liefen, während sie mit halber Aufmerksamkeit komaglotzte.

Deshalb verstand sie die Geste augenblicklich, obwohl das Getue in natura überaus merkwürdig und gekünstelt aussah.

Der Mann war sehr dünn, erschien ihr fast hager. Sein Gesicht war zerfurcht, der Blick traurig.

Es haftete ihm etwas von einem alten Rockmusiker an, ein Hauch lustvoller Selbstzerstörung. Drogenexzesse, Alkohol, Frauen ohne Ende. Gier nach Leben und danach, sich zu spüren.

Übermüdet, ausgelaugt, körperlich zerrüttet, geistig hellwach, nicht mehr in der Lage, diesem Lebensstil weiterhin zu frönen, ohne den Tod zu riskieren, aber kaum weniger begierig darauf, zu leben.

Er war auf abgefuckte Weise attraktiv. Der Albtraum aller Mütter, die in ihrer Jugend denselben Rockgöttern mit Begeisterung den Schwanz gelutscht und die Beine für sie gespreizt hatten.

Sie hatten sich in die Ärsche ficken und ins Gesicht spritzen lassen, und wenn sie jetzt in den Spiegel sahen, sobald die Erinnerung an die Tür pochte und Einlass begehrte, dann wanden sie sich in betretener Peinlichkeit.

Die Spießigkeit des Alltags und der gesellschaftlichen Zwänge verdarb es ihnen, mit Freude und Zufriedenheit an die wilde Zeit zurückzudenken, in der sie das Leben in vollen Zügen genossen hatten.

Natürlich mussten die Söhne und Töchter gegen den deprimierenden Wandel von unbekümmerter Lebensfreude in rückschrittliches Spießertum protestieren.

Und so stellte der Typ vor ihr ein Symbol in mehrfacher Hinsicht dar. Zumindest, was das Aussehen anging.

Aber in Wahrheit war er wohl kaum mehr als ein Don Quichotte.

»Ja?«, sagte sie zögernd.

Die Körpersprache des Mädchens signalisierte Unsicherheit, sie war sich unklar darüber, wie mit ihm richtig umzugehen war. Das Verhalten entsprach keineswegs den Mustern, die Teenager eingetrichtert bekamen, um Kinderficker und gewaltbereite Psychopathen zu identifizieren.

»Keine Sorge, ich tue dir nichts«, versuchte er, sie zu beruhigen.

Ah. Das sagten sie alle.

Sie erkannte die vollkommene Wertlosigkeit der abgedroschenen Phrase augenblicklich. Sie mochte jugendlich unerfahren sein, aber nicht dumm. Vielleicht wäre Angriff die beste Verteidigung ...

»Bist du einer der Perversen, die sich daran aufgeilen, anderen wehzutun?«, fragte sie forsch, nachdem sie den Schub von Teenagerangst überwunden und die Selbstsicherheit wiedergefunden hatte.

Nie im Leben würde ihr etwas zustoßen.

Nicht ihr. Sie verkörperte die Königin des Bienenstocks. Die Jungs und Mädchen der zugehörigen Altersklasse umschwänzelten, umtänzelten und umwarben sie.

Er machte einen harmlosen Eindruck, was bedeutete, dass er in klaren Sätzen und verständlichen Worten sprach, seine Stimme und der Körper dabei ruhig blieben, kein nervöses Gehampel, kein Reiben der Handflächen an den Schenkeln. Er roch auch nicht muffig.

Sie hatte Mühe, den Dialekt zuzuordnen, was im Endeffekt für sie von geringer Aussagekraft war, eine Trivialität, der sie keinerlei Bedeutung schenkte. Was war oberflächlicher als ein Teenager, der einen Scheiß über die wahre Fratze der Welt wusste, dabei meinend, alles zu durchschauen?

Glück gehabt.

Er grinste.

Den Typen schien die Situation zu amüsieren. Das war zugegeben seltsam, aber meine Fresse – Jungs waren auch nicht besser, vor allem, wenn sie der Hafer juckte. Und um die Uhrzeit an einem Ort wie diesen konnte man kaum erwarten, den biederen Öko-Alternativ-Papa in Waldviertler-Schuhen und mit Tragetuch vor dem Bauch anzutreffen. Keine Batikfetzen und politisch korrekte Hanfklamotten von Pflanzen, denen mit Sonnengruß vor der Ernte für ihr Opfer gedankt wurde.

Zu der Stunde cruiste der Freak mit den speziellen Fetischen und Verhaltensweisen durch den Irrgarten der Urbanität, perverse Leidenschaften aus jeder Pore schwitzend, danach stinkend wie ein geiles Vieh am Höhepunkt der Brunft.

Grinsen war allemal besser, als wenn er den Mantel öffnete, um eine Axt rauszuholen und in ihre Richtung zu schwingen. Erst unlängst war irgendwo etwas über einen Spinner zu lesen gewesen, der Leute zerstückelt und die Einzelteile als Frischfleisch verkauft hatte.

Der Irre hatte die Opfer in Hackbraten, Schnitzel und Steaks zerlegt und ein knappes Dutzend Läden mit seiner Ware beliefert. Das Angebot hatte reißenden Absatz gefunden, und der Typ war kaum mit der Produktion hinterhergekommen. Wie er die Qualität des Fleisches vor der Schlachtung gemessen hatte, war immer noch eine offene Frage.

Und all die politisch korrekten Mittelstandswichser, die sich an scheinheiligem Qualitätsbewusstsein und ihrem Veganer-Sein am Wochenende oder der sonst gerade aktuellen Modeerscheinung ergötzten, die waren freitags zu Kannibalen geworden.

Köstlich.

Es gab echt alles. Jede Perversität, die man sich auszumalen wagte, war wenigstens schon einmal vollzogen worden.

Wahrscheinlich sogar öfter und dauerhaft und in diesem Augenblick irgendwo auf der Welt praktiziert.

Unheimlich.

Sie trat unruhig von einem Bein aufs andere. Die Stöckel ihrer Absätze klapperten leise. Sie trug schwarze Stiefeletten, die keinerlei Nutzen außer dem Strecken der Waden und Schenkel und der möglichst vorteilhaften Präsentation der Füße hatten.

Die steigende Luftfeuchtigkeit fühlte sich zunehmend unangenehmer an. Ein kühler Film von Feuchtigkeit schimmerte sanft auf den mit Tribals geschmückten Strümpfen, die ihre Beine zierten.

Sie war langbeinig und trug einen kurzen Rock. Bot dem nieselfeuchten Wetter entsprechend viel Angriffsfläche. Aussehen ging vor.

»Ach Kind, wir sind doch alle … ach … keine Sorge. So einer bin ich nicht. Oder ist es schon abartig, wenn ich das, was ich auf die Distanz und im Licht der Laterne sehe, hübsch finde?«

Ah.

Sie kapierte.

Er war keiner von denen.

Er war einer von jenen.

Nun, auch gut.

Die ließen sich leichter kontrollieren.

Damit kam sie klar. Bloß ein großer, abgefuckter alter Junge, dem der Schwanz stand. Kein Problem, solch einen Flachwichser zu handhaben.

»Nein, das geht in Ordnung.«

»Siehst du?«

Er trat noch einen Schritt auf sie zu, und sein Lächeln wurde breiter. »Ich muss mich korrigieren, du bist sogar ausgesprochen hübsch, Mädchen.« Die wahrsten Worte des Abends.

Der Kretin musterte sie ungeniert.

Sie war groß, eins siebzig. Schlank wie eine Gazelle, in den Bewegungen genauso schlaksig wie ein Jungtier. Das Haar hing bis zu den Schulterblättern, nachtschwarz. Unmöglich zu sagen, ob die Farbe chemisch verstärkt war. Bunte, eingeflochtene Dreadlocks. Mittagsblau, Altrosa, Nebelgrau, Waldmeistergrün.

Blasse Haut. Die von Haus aus langen Beine wurden durch die Absätze auf Modelmaße gestreckt, der Busen war unübersehbar vorhanden. So eine Schönheit konnte sich vermutlich kaum vor pubertierenden, hormongetriebenen Jungs retten, denen allein bei ihrem Anblick die Ladung in die Hosen abging.

Schnellspritzer. Er war auch mal einer gewesen. Vor einer Ewigkeit.

Irgendwie vermisste er die gar nicht sorgenfreie Unbeschwertheit. Es war eine hässliche Wahrheit, die niemand aussprach: Älter zu werden und in keine Zielgruppe zu gehören, war grauenhaft. Das gesellschaftliche Schönreden dieses deprimierenden Umstands kotzte ihn ohne Ende an.

Er nickte anerkennend, wedelte mit der Hand herum. »Was treibst du um die Zeit draußen? Es geht mich kaum was an, stimmt, aber Mädchen, es gibt weit gesündere und sicherere Gegenden als hier, weißt du? Der Schein trügt.«

Nein wirklich? Und wieso bist du hier?

»Ach.« Sie zuckte mit den Achseln. »Mir ist daheim langweilig geworden, und da ich bin eine Runde spazieren gegangen. Immer nur daheimsitzen, streamen und online sein, ist auf die Dauer öd.«

Ja. Hier zeigte sich ihre wahre Natur.

Trivialität bis zum Erbrechen. Trotz der reißerischen Aufmachung bloß ein Teeniegirl. Nur Teenagern konnte daheim fad im Schädel werden, obwohl sie mehr besaßen, als sie brauchten.

Unglaublich. Jugend war wohl wirklich ein Synonym für Blödheit.

»Triffst du etwa keine Freundinnen?«

»Natürlich, was denkst du denn? Wir waren zum Tanzen verabredet, aber …« Sie zuckte die Schultern und führte den Satz nicht zu Ende, ganz so, als müsste er wissen, was geschehen war.

Bestimmt eine der üblichen Teenagertragödien.

Sie schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn, als wäre ihr gerade etwas eingefallen.

»Für dich ist das noch weniger eine gute Uhrzeit, um herumzuflanieren, alter Mann«, entgegnete sie keck.

Er schaute verblüfft drein. Das Kind irritierte ihn. Die Kleine schaffte es tatsächlich, den Eindruck zu erwecken, besser als er darüber Bescheid zu wissen, was nächtens hier so geschah. Unkanalisierte Jugend, etwas, das er so gierig einatmete, wie ein Vampir Blut trank.

Der Mann grinste. Das tat er gern. Er mochte, wie sich die Gesichtsmuskulatur dabei anfühlte, leicht angespannt, bis zu einem gewissen Grad schmerzhaft, wenn man es mangels Gelegenheit selten tat. Er hoffte, einnehmend zu wirken.

Sie hingegen fand, dass sein Grinsen weit weniger sympathisch wirkte, als er zu meinen schien. Es verlieh ihm was von einem Daddy Creep.

Ein schmieriger Wichser.

»Alter Mann?«, lachte er. »Ja, vielleicht. Aber ich verrate dir ein Geheimnis: Auch alte Knacker haben Begierden, weißt du? Sogar geradezu Verzweifelte, weil wir zu wenig Erfüllung erfahren. Evil Angel erfüllt nicht alle Bedürfnisse. Wer will uns schon? Nicht nur die Werbung ignoriert uns. Wir fallen zwischen sämtliche Zielgruppen.« Er sah drein, als machte ihn das echt sauer. »In der schnelllebigen Gegenwart mit ihrer Besessenheit von Jugend und Agilität wird den Alten keine Relevanz zugestanden. Ganz schlimm. Früher …« Beinahe hätte er war alles besser gesagt. »… haben wir zur Familie gehört, haben eine tragende Rolle in der Gesellschaft gespielt, wurden hoch angesehen. Heute sind wir ein Ärgernis.«

Er zuckte mit den Schultern. »Der Lauf der Dinge, wie er jede Generation erwischt. Es ist beschissen, wenn man älter wird. Lass das bloß sein, sag ich dir. Bedürfnisse und Wünsche bleiben nämlich. Wir hätten so viel zu bieten.«

Er seufzte.

Für eine Sekunde sah er ernst aus, und das, fand sie, stand ihm. Da wirkte er selbst für einen alten Knacker einnehmend und charmant, wie jemand, mit dem man eine gute Zeit verbringen konnte. Die Älteren wurden oft unterschätzt. Sie hatten definitiv ihre Vorzüge.

Dann kehrte das Grinsen zurück.

Schade.

Evil Angel? Was war das denn? Die neue Nummer von Tatanka? You like to fuck up your brain with electronic dance music.

»Und da wir das, was wir brauchen, in den eigenen vier Wänden nicht bekommen – keiner von uns hat eine Veronica Avluv oder gar Bonnie Rotten daheim –, müssen wir es uns eben anderswo besorgen. Das birgt immer ein gewisses Risiko. Verstehst du?«

»Schau ich aus, als wäre ich eine Idiotin?«

Scheiße, der Alte redete viel. Präventive Verteidigung der eigenen Perversion, die er sich schönredete, oder wie? Mensch, Jungs waren alle gleich, ob siebzehn oder siebzig. Der Verstand schaukelte in den Eiern herum, und der Schädel war dazu da, dass es nicht in den Hals regnete.

»Ich wusste es!« Sie deutete anklagend auf ihn. »Du bist ein Perverser.«

»Das ist eine unfreundliche Bezeichnung. Ich würde mich eher als Bedürftigen sehen.«

Ja, ja, es ist unübersehbar, wessen du bedarfst, dachte sie erheitert.

»Das ist etwas Menschliches. Denk mal drüber nach, wenn du Zeit und Lust hast. Wer legt eigentlich fest, was pervers ist, was normal? Für alles, was wir als selbstverständlich hinnehmen, gibt es eine alternative Sicht, und es bleibt immer die Frage offen, wer hat warum festgelegt, was wir als Norm ansehen? Welchen Interessen dient das?«

Er starrte sie stirnrunzelnd, beinahe sauer an. »Es ist scheiße, älter zu werden, wenn man im Kopf jung ist und sieht, wie man von der Welt abgelehnt und ausgeschlossen wird, obwohl man so viel zu bieten hätte.«

Meine Fresse, du wiederholst dich. Auf welchem Trip bist du, Daddy Creep?

»Weißt du, wie lange es dauert zu begreifen, dass man außerhalb einer Rentnergang keinerlei Anschluss mehr findet? Kannst du dir ausmalen, wie weh es tut, all die hübschen Mädchen und Frauen zu sehen, und keine einzige von ihnen erwidert deinen Blick? Jede Einladung auf ein Gespräch wird abgelehnt. Nein, das verstehst du unmöglich. Du bist jung und weiblich.«

Alter! Krieg dich ein! So scheiße schaust du gar nicht aus. Such dir halt eine Marina Visconti, geile Russinnen treibst sogar du locker auf. Probier mal, bei einer Milf zu landen. Finde die Richtige, und du gelangst auch an ihre Tochter. Wenn Jack Unterweger das konnte, dann du ebenso.

Das Grinsen kehrte zurück.

Seufz. Lass das sein, das ist ungut.

»Habe ich dich erschreckt? Du hast doch hoffentlich keine Angst vor mir?«

Sie überlegte kurz. »Nein. Du redest zwar zu viel, aber du scheinst nett zu sein für einen Daddy Creep.«

Er lachte lauthals. »Das ist überaus witzig, Mädchen. Du verfügst über einen bissigen Humor«, meinte er kichernd. »Wenige Worte, messerscharf und überheblich. Du bist schnell im Urteil, was andere angeht, der Größenwahn der Jugend. Und du hast eine große Klappe.«

»Du machst dir keine Vorstellung, wie sehr«, sagte sie und schlug sich erschrocken eine Hand vor den Mund. Das war eine Spur zu viel des Guten gewesen. Diese Zweideutigkeit gehörte eher in eine Runde von Freundinnen, aber man warf sie keinesfalls einem Creep wie ihm an den Kopf.

Scheiße, er hatte es bemerkt.

Sie sah, wie sich seine Pupillen vor Überraschung weiteten. Na toll. Hoffentlich nahm er das jetzt nicht als Aufforderung zum Tanz wahr. Konnte unangenehm werden.

»Was soll das heißen?«

»Meinst tu mich?«, tat sie erstaunt, bemüht, die Wogen zu glätten. Verdammt, sie hatte das Gespräch in die stürmische See gefahren.

»Sag, Kleine, ist dir eigentlich klar, was das für eine Anspielung war? Hast du auch nur die geringste Ahnung, wie man diese Worte auslegen kann und wer genau das tut?«

»Ehrlich – ich habe keine Ahnung, was du meinst«, stieß sie hervor. Was spielst du für ein Spiel, Daddy Creep? Wanna play?

»Schon gut, reg dich nicht auf«, beeilte er sich, sie zu beruhigen. Es sah so aus, als geriete sie in Panik, und das war das Letzte, was er wollte. Kurz zögerte er und nickte. »Vielleicht war das ein bloßer Zufall. Immerhin bist du ein Kind.«

Und du ein Hornochse.

Er deutete auf eine Sitzbank, lud sie mit einer Geste ein, Platz zu nehmen, während er sich darauf niederließ, seufzte, die Beine ausstreckte, die Arme auf der Lehne ausgebreitet. Er blickte zum Nachthimmel hoch.

»Bloß ein paar Minuten. Das Unwetter ist bald über uns, und das viele Herumstehen … ich bin es einfach nicht mehr gewöhnt, und mir tun die Füße weh.«

Du bist alt, das ist alles.

»Eine kurze Verschnaufpause, dann müssen wir weg. Sonst verweht uns der Wind, und der Regen spült uns ins Meer«, erklärte er augenzwinkernd.

Sie zögerte, tat ein paar zaghafte Schritte, ließ sich neben ihm nieder. Sie war schneller als er, könnte jederzeit aufspringen und davonlaufen, sollte er gruselig werden.

»Kannst du dir vorstellen, dich in meine Armbeuge zu lehnen?«

Sie sah ihn empört an, dann grinste zur Abwechslung sie und stupste ihm den Ellbogen in die Seite. »Ich wusste doch, du bist ein Perverser. Endlich gibst du es zu. Das gefällt mir. Cool, mein neuestes Spielzeug, ein eigener Daddy Creep. Unter einer Bedingung.«

Ein Spiel mit offenen Karten. Und ein netter Zeitvertreib. Immerhin konnte sie verdammt gut auf sich selbst aufpassen.

»Die da lautet?«

»Du bist mein Toy-Boy, Daddy Creep.«

»Aha?« Jetzt hatte sie ihn offensichtlich überfahren, damit hatte er keinesfalls gerechnet. Das war gut, denn dann taten die Jungs ohne Widerstand, was sie wollte. Drüberfahren war exzellent.

»Einverstanden.«

»Bravo, Daddy Creep. Eine ausgezeichnete Entscheidung.«

»Wir werden sehen.« Leise lachte er. »Du riechst gut. Was ist das?«

»Gummibärchenshampoo«, gab sie kichernd zurück. Stark riechendes Kindershampoo in einer kreischend pinken Flasche mit einer blonden Prinzessin drauf. Sie mochte den Duft der synthetischen Süße. Hatte etwas Harmloses und Kindliches. Es war ein wunderbares Hilfsmittel, um all die Daddys und Creeps hinters Licht zu führen.

Seine Finger strichen durch ihr Haar, und sie neigte den Kopf, kam ihm entgegen. Er wusste, wie man jemanden sachte, aber bestimmt berührte.

Das Plus der Jahre. An den Alten war etwas dran, das ihre Defizite mehr als wettmachte.

»Was denkst du? Ich würde dir bei unserem Gespräch gern in die Augen schauen. Kannst du dir vorstellen, rittlings auf meinem Schoß zu sitzen?«

»Du willst, dass ich dich reite?«

Jetzt gehst du es zu schnell an.

Sie schien nachzudenken, dann ließ sie ein herausforderndes Lächeln aufblitzen. »Einverstanden, aber du holst ihn raus.«

»Was?«, keuchte er erschrocken auf.

»Du hast mich schon verstanden, Daddy Creep. Hol ihn aus der Hose. Zeig mir, wie sehr du möchtest, dass ich tue, was du verlangst.« Sie legte eine Hand auf seinen Schritt, spürte die angespannte Wölbung.

Natürlich. Was denn sonst. Er konnte doch gar nicht anders.

Sie war schlicht unwiderstehlich.

Mit fahrig zitternden Fingern öffnete er den Knopf und zog den Reißverschluss nach unten. Er griff in die Unterhose und … sie stieß die Hand beiseite, stand auf, zog den Rock hoch, schwang sich über ihn. Die Knie links und rechts auf der Bank senkte sie sich in einer kontrollierten Zeitlupenbewegung langsam auf ihn.

Er schluckte. Strümpfe. Weiße Haut. Der schwarze Slip, mehr zum Ausziehen als zum Anbehalten gedacht. Grundgütiger, das transparent durchbrochene Muster ließ ihn erkennen … glatt. Cameltoe. Der Steife zuckte.

Sie berührte ihn, presste sich an ihn, rutschte auf der Erektion herum. Der Stoff des Slips rieb über den Schaft, er spürte die zunehmende Feuchtigkeit. Oh Gott. Was sie mit ihren gelenkigen Hüften tat, war ganz und gar erwachsen.

»Gut so?«, schnurrte sie.

»Ja«, keuchte er erstickt.

»Jetzt habe ich dich überrascht, was?«

»Ja, du … hast du, stimmt«, stammelte er. Das Manöver hatte ihn tatsächlich unerwartet erwischt.

Er war von mehr Gezicke ausgegangen, von einem verkrampften Sitzen auf dem Schoß – maximal. Dass sie ihm eine Art von überaus obszönem Lap-Dance in aller Öffentlichkeit verpasste, packte ihn absolut unvorbereitet.

Sie war ein verdorbenes Früchtchen – oder ein extrem leiblich ausgeprägtes Wesen. Es gab solche Frauen. Die fanden nichts Besonderes daran, ihren Körper zu benutzen. Ohne Hintergedanken, einfach nur um der Befriedigung willen. Sex hatte für sie dieselbe Bedeutung wie das Essen einer Banane.

Wow.

Wäre er bloß zwanzig Jahre jünger und zehn Kilo schlanker. Klang traumhaft. War illusorisch.

»Ich mach’ es wieder gut, einverstanden?«

Er schreckte hoch. »Was? Was willst du wiedergutmachen?«

Sie glitt wie eine obszöne Schlange von seinem Schoß, hockte sich auf den Asphalt vor ihm und zog ihm die Beine auseinander. Ihr Kopf kam langsam der unübersehbaren, schmerzhaft harten Erektion nahe.

Sehr.

Zu dicht.

Sein Mund wurde trocken. Großer Gott. Die war ihm über. Auf eine Art und Weise, die er nie erwartet hätte.

»Guten Freunden gibt man doch ein Küsschen – oder zwei?« Sie zwinkerte ihm zu, zweideutig, abgedreht, hinterhältig.

»Was tust du da?«, keuchte er erstickt.

»Was wir jungen Leute so tun. Unbekümmerten Spaß haben«, gab sie vergnügt zur Antwort und öffnete den Mund. »Das ist es doch, was du eigentlich von mir willst, Daddy Creep. Oder? Das ist auch alles, was ich will. Girls just wanna have fun.«

Die Worte ertönten gehaucht, der darauffolgende Satz glich nicht mehr als einem Flüstern im aufziehenden Unwetter. »Ich bin einmalig, das sensationellste Erlebnis, das dir im Leben zugestoßen ist.«

Er nahm einen Spur ihres Atems wahr, der genauso pink wie das Shampoo roch. Eine geile Kaugummi-Gummibärchen-Schlampe.

Er krallte eine Hand in ihr Haar. »Wirklich? Bist du das?«

Der Ton seiner Stimme schlug um, wurde eiskalt. »Wie alt bist du? Hundert Jahre? Fünfhundert? Tausend? Leider mangelt es mir dazu an Informationen. Vielleicht magst du mir aushelfen. Fangen wir mit deinem Namen an.«

»Wa…«

Mit einer schnellen, kräftigen Bewegung riss er sie herum. Überrascht, wie sie war, vergaß sie ein paar kostbare Sekunden auf jede Gegenwehr. Als sie dazu ansetzte, war es zu spät. Er hatte sie fixiert. Sie war in seinem Griff wie in einem Schraubstock gefangen.

»Was zum Teufel soll das?«, keuchte sie, darum kämpfend, sich aus der Umklammerung zu befreien. Vergeblich.

»Hab’ ich dich«, sagte er seelenruhig.

Sie stieß einen überraschten Schrei aus, als Hände von hinten nach ihr griffen. Etwas Kaltes – Metall – legte sich schmerzhaft eng um ihre Armgelenke, nahm ihr jeglichen Spielraum. Ein Metallreifen klickte um ihren Hals, hielt sie in einem klaustrophobischen Würgegriff fest.

Eine Kette klirrte.

Dann war sie gefesselt und angeleint, verschnürt wie eine Frau, die sich der Ausbildung zur O unterwarf. Bloß war hier unter keinen Umständen von Freiwilligkeit die Rede. Sie wurde auf die Beine gehievt und fand sich vier Personen gegenüber.

Daddy Creep sah keineswegs mehr wie ein Perverser aus. Der schmierige, außer Form geratene Kinderficker hatte sich in Luft aufgelöst, war einem stahlharten Kerl mit stechendem Blick gewichen, an dem sich nichts Verweichlichtes erkennen ließ. Er wirkte gefährlich, während er sein Gewand in Ordnung brachte.

Der Rockstar war Jack the Ripper gewichen.

Den Steifen hatte er allerdings immer noch.

Sie war einfach nur fassungslos, obwohl ihr Übles schwante. Das verdammte Spiel war gerade nach hinten losgegangen und ihr ins Gesicht explodiert.

»Was soll das?«, spuckte sie trotzig hervor. Wut stieg in ihr hoch. Der Creep streckte ihr die Hand entgegen. Sie warf reflexartig den Kopf in den Nacken, tat sich am Metallreif weh, zog die Lippen zurück, bleckte aufgebracht die Zähne. Vier davon erschienen jetzt bemerkenswert spitz.

»Hoho, Mädchen. Immer mit der Ruhe«, sagte der vorgebliche Pädophile, während er ihr eine Halbmaske umschnallte und festzurrte. Damit war der Mund buchstäblich hinter Gittern. »Pass bloß mit deinen Beißerchen auf.«

Sie war entwaffnet und zischte wütend.

»Ja, das glaube ich dir.« Er lachte. »Du bist nicht schlecht. Das Outfit, der schwarze Lippenstift und die Fingernägel, Nasenring, Tattoos. Ein typisches Teenagermädchen, irgendwo zwischen Beginn der Pubertät und verluderter Schlampe Anfang zwanzig. Emo, Goth oder wie der momentane Zeitgeist euch geilen Fotzen gerade nennt. Ihr glaubt alle, so originell und einmalig zu sein. Dabei kennt keiner die Urväter dieses Aussehens. Schon mal von The Cure gehört? Robert Smith? Nein? Eine Schande. Du bleibst hungrig.«

Er begann, eine ungelenke Version eines der größten Hits der Band anzustimmen – Lullaby – und sich dazu im Rhythmus zu bewegen. Sie starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen fassungslos an. Er sah aus wie eine tanzende Gottesanbeterin, eine Gespensterschrecke.

Unheimlich.

Daddy Creep war ein durchgeknallter Irrer. Sie war ihm komplett aufgesessen.

»Ich glaube, du meinst Suicide Girls«, warf die Frau ein.

Er hielt in den Zuckungen inne, sah sie erstaunt an. »Scheiße, echt? So heißen die jetzt? Suicide Girls? Warum?« Er schüttelte den Kopf. »Klingt irgendwie japanisch. Pervers. Nach Tentakeln, die sich in Schlüpfer schleimen. Bin wohl tatsächlich zu alt für den Mist. Verfluchte Blutsauger. Selbst wenn sie dich nicht beißen, rauben sie dir das Leben. Sie stehlen die Zeit, die es braucht, ihrer habhaft zu werden.«

»Na ja, also so ganz …«

»Meine Güte, Walker, bei der Vorstellung hab’ ich mir beinah in die Hose geschissen«, unterbrach der hibbelige Dünne. »Wie kannst du einen …«

Die Frau spuckte aus.

»Das ist dein wievielter Einsatz mit uns? Nummer drei? Ich sag’ dir was: Du bist ein Niemand, der die Klappe nur aufmachen sollte, wenn er einen substanziellen Beitrag leisten kann.«

»Was?« Der Dünne sah sie erstaunt an.

»Unterbrich mich nicht noch mal, Harold. Walker macht seinen Job. Stünde dir gut zu Gesicht, das zu kapieren.«

»Na hör mal, Dörrpflaume, ich …«

»Haltet die Klappe, alle beide«, unterbrach sie der Alte verärgert. »Unglaublich, was seid ihr? The Bitching Bitches, ein beschissenes Comedy-Duo.« Er breitete die Arme aus. »Mit eurem Gezänk füllt ihr Hallen und macht Millionen. Merchandising ohne Ende. Verfickte Kaffeetassen. Ist es das, was ihr wollt? Comedy? Dann verpisst euch, wenn nicht – quiet or I ’m gonna kill you!«

Die beiden sahen ihn schockiert an, und er zwinkerte der Gefesselten zu. »Menschen, was? Streitsüchtige Idioten. Primitiv, oder? Das sind wir doch für dich.« Er nickte und wandte sich dem Dünnen zu.

»Hör zu, Harold. Jedes halbwegs intelligente Mädchen wäre schreiend vor mir davongerannt. Ich meine, noch abartiger ging es wohl kaum. Das war die vollkommen überzogene Schmierenfassung von Peter Lorre in M. Aber die hier …«

Er deutete mit einer dramatischen, ruckhaften Geste auf die Gefangene. »Die war auf der Jagd. Sieh sie dir an. Sie ist perfekt. Hergerichtet für den ultimativen Aufriss. Sie hat Dreads in Waldmeistergrün eingeflochten, verfickte Scheiße noch mal.«

Beinahe hätte der vorschnellende Zeigefinger ihr ein Auge ausgestochen. »Die hier weiß ganz genau, was alte Wichser anfixt. Jugend in purer Gestalt, ein Jungbrunnen, unbekümmerter Leichtsinn, straffe Haut, spitze Brüste, lange Fingernägel, buntes Haar, geile Klamotten. Scheiße noch mal, die bringt dich allein mit ihrem Anblick zum Abspritzen.«

Er nickte begeistert. »Sie ist das ultimative Abenteuer für alle Männer jenseits des Vierzigers. Ein beschissener Herzinfarkt vor lauter Geilheit, während wir langsam Richtung Tod dahinvegetieren. Sie erfüllt das dringende Verlangen danach, sich jung und kräftig und geil zu fühlen, geritten zu werden, ihren Saft zu lecken. Das ist es, darum geht es. Selbstbestätigung. Und sie ist das wandelnde Versprechen, dir altem Schwanz genau das zu liefern.«

Er atmete schwer, hatte sich in Rage geredet. »Mich als alternden Wichser zu geben, das war leicht – ich bin so einer. Ich bin ein beschissener Geiferer, Punkt. Sind wir alle in dem Alter, auf das kannst du unser Dasein reduzieren. Jeder von uns will von einem derart knackigen Arsch geritten werden, ihn auf dem Gesicht sitzen haben. Kein Mann auf der Welt würde es ablehnen, von einer wie ihr einen geblasen zu bekommen. Scheiße, sie dürfte mir ins Gesicht pissen, und ich wäre glücklich darüber.«

Er spuckte aus, zerraufte sein Haar. »Bloß habe ich mich unter Kontrolle. Darauf kommt es an. Punkt. Alles andere ist sekundär.« Er hustete.

»Du bist ein Trottel Harold, weil du noch keine vierzig Jahre auf dem Buckel hast. Warte es ab, vom ersten Tag an wirst du ganz genau verstehen, was ich gemeint habe. Aber eines sag’ ich dir: Den Kerlen, die sich nicht im Griff haben und tatsächlich Minderjährigen nachstellen, denen schneide ich mit Vergnügen mit einer rostigen Rasierklinge die Eier ab und brate sie ihnen zum Fressen.«

Er beugte sich verschwörerisch vor. »Und das, mein unbedarfter Kumpel, ergibt eine unglaubliche Sauerei. Das Geschrei verpasst dir tagelanges Tinnitus-Pfeifen. Ein persönlicher Erfahrungswert.«

»Walker«, warf die Frau ein, aber er wedelte ungeduldig mit der Hand.

»Gleich«, wies er sie zurecht. Er trat hinter die Gefangene und packte sie am Haar, zerrte daran. Sie grunzte genervt.

»Aber sobald du diese Disziplin der Selbstzügelung schleifen lässt, kommt eine Figur wie Daddy Creep zum Vorschein. Das ist nichts anderes als der verzweifelte, alternde Trottel, der mehr Lebensjahre hinter sich als vor sich hat und dem es an der abgeklärten Ruhe und der Akzeptanz des Umstands fehlt. Einer, der leben will. Ihn zu spielen, gehört zum Job. Das ist der beschissene Teil der Arbeit, aber einer muss ihn machen. Ich bin mit einer Truppe von Amateurdarstellern jahrelang durchs Land getingelt, also liegt es wohl nahe, wer den Daddy Creep gibt. Akzeptier und kapier das, sonst sehe ich für dich keine Zukunft bei uns.«

»Äh …« Harold schaute verdattert drein. Damit war er nicht allein. Die anderen musterten ihren Anführer unübersehbar voll Unbehagen.

Er spuckte aus.

»So ist es nun mal. Horch in dich hinein, dann wirst du die Wahrheit erkennen.« Er schnaubte. »Jedenfalls war sie auf der Jagd, hatte mich schon längst anvisiert. Das Mädchen war mir von Anfang an überlegen. Jeder Augenblick mit ihr war lebensgefährlich. Ihr einziges Pech war, dass sie das falsche Opfer angepeilt hatte. Ich wusste, wer sie war. Ich schwöre dir, die Kleine hat eine Erfolgsquote von hundert Prozent.«

Er legte von hinten die Hände auf die Brüste der Gefangenen. »Ich weiß, wer – was – sie ist. Trotzdem möchte ich sie ficken. Mein Schwanz drückt gegen die Spalte ihres Arschs, und wenn ich nicht …«

Er ließ sie los und trat zurück.

»… loslasse, geht mir einer ab. Verstehst du? Sie ist unglaublich gefährlich. Selbst als Gefangene und mit dem Wissen um ihre wahre Natur.«

»Äh Walker, du steigerst dich gerade ein klein wenig …«

»Was für eine verfickte Scheiße«, unterbrach Harold und schnäuzte in die Hand, die er ausschüttelte und am Hosenbein abwischte. »Macht es dir nichts aus, dich so weit auf sie einzulassen, dass sie dir auf den Schoß steigt?«

»Möchtest du das probieren?«, fragte er den Dünnen. »Willst du spüren, wie sich eine feuchte Vampirmuschi auf deinem Schwanz reibt? Können wir gern arrangieren, kein Problem. Dann hast du die Antwort, du beschissener Volltrottel.«

»Nein, Scheiße, Mann, was soll das? Niemals«, schreckte der Hibbelige nervös hoch.

Die Frau lachte verächtlich auf. »Impotenter Schlappschwanz«, höhnte sie.

»Halt die Klappe, Sinead«, blaffte Walker sie an.

Sie zuckte mit den Schultern.

»Sorry, Boss, so war das doch nicht gemeint, ich frage mich einfach nur, wie du die Nerven behalten kannst, um so eine Scheiße durchzuziehen, und wieso ein Vampir dir an die … du weißt schon, an die Weichteile gehen will.«

»Jahrelange Übung und blaue Pillen.« Er rieb sich die Schläfen. »Blöderweise bekomme ich Kopfweh von dem Stoff. Hat wer eine Ibu dabei?« Er sah Harold zweifelnd an. »Was den Rest anbelangt – der Schwanz ist naheliegenderweise eine der besten Stellen, um dich anzuzapfen. So viel Blut wie da … Sag mal, hast du keine Einweisung erhalten?«

Man reichte ihm eine Tablette.

»Danke.« Er warf die Ibuprofen in den Mund und würgte sie trocken runter.

»Worüber?«

Walker seufzte. »Dass so ziemlich alles, was du glaubst, über Vampire zu wissen, verkehrt ist.«

»Nein – wirklich?«

»Ja. Nun, der Unterricht wird nachgeholt. Nicht jetzt, wir haben gerade unglaublich viel Zeit verschwendet, sollten längst weg sein«, bemerkte Walker, sauer darüber, dass es seine höchsteigene Schuld war. Es war mit ihm durchgegangen – wieder einmal.

Die sich steigernde Häufigkeit der ausrastenden Tiraden erschien ihm langsam selbst bedenklich. Hatte den Anschein, als passierte ihm genau das, wovor er ständig warnte – Kontrollverlust.

»Dabei hast du die erste Lektion soeben erhalten. Vampire sind sexuell interessiert und aktiv.«

»Aber …«

»Das ist ein Krieg, den wir hier führen, eine ewig währende Schlacht um Leben und Tod. Und jetzt Ruhe.«

»Wird auch Zeit, Walker«, unterbrach die Frau mit eisigem Blick. »Machen wir, dass wir verschwinden. Ich habe keine Lust auf Begegnungen irgendeiner Art.« Sie schaute zum Himmel. »Und von dem Wetter im Freien überrascht zu werden …«

»Vielleicht sollte man unsere kleine Blutsaugerin ein paar Nächte im Park auf die Jagd schicken. Dann wäre es mit den Kinderfickern schnell vorbei.«

»He, Guillermo, nein. Das können wir nicht tun«, warf Harold noch hibbeliger ein, als er ohnehin schon war. Nervöse Ticks von Kopf bis Fuß. Das genaue Gegenteil des rundlichen, freundlich dreinblickenden Vampirjägers mit strubbeligem Haar und Bart und runder Nickelbrille, der ihn amüsiert beobachtete.

Der erweckte den Eindruck, als stünde er aufseiten der Blutsauger. Die Blicke, die er der Gefangenen zuwarf …

»Pass auf deinen fetten Arsch auf, Brillenschlange«, fauchte die Vampirin und kämpfte erfolglos gegen Fesseln und Mundschutz an. Guillermo zuckte trotzdem zusammen und wischte die Gläser an der Weste ab.

»Du bist unflätig, junge Dame«, schalt sie der Creep und rammte ihr eine Faust in den Magen. Das Mädchen ging gekrümmt zu Boden. Sinead stieß ihn zurück und riss sie an der Halskette wieder auf die Beine.

»Verflucht noch mal. Hauen wir endlich ab. Ich habe erste Tropfen gespürt. Wenn ihr Stinker im Wolkenbruch baden möchtet, gern – ich für meinen Teil gehe.«

»Sinead, allzeit die Stimme der Vernunft,« keuchte Walker erheitert. Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu und knirschte mit den Zähnen.

»Du kommst mit mir, Blutsäuferin«, sagte Sinead und riss die Vampirin mit. Sie musste sich tatsächlich anstrengen, um der bockenden und Widerstand leistenden Göre Herrin zu bleiben. Sie war kräftiger, als sie es sein sollte, aber Sinead behielt dank Körpergröße und Krafttraining die Oberhand.

Trotzdem war die Dominanz der zornigen Frau eine fragile Angelegenheit, und das war allen Beteiligten auf unbehagliche Weise klar.

Das Mädchen lachte.

»Ihr habt einen Fehler gemacht, ihr Idioten«, fauchte sie amüsiert. »Ich bin die verkehrteste Beute, die ihr euch aussuchen konntet. Nach mir zu haschen, war ein echter Griff in die Scheiße, ihr beschissenen Verlierer. Du hättest dir einfach einen abwichsen und dich melken lassen sollen, Daddy Creep. Du wärst am Leben geblieben. Lasst mich gehen, und ich garantiere euch vierundzwanzig Stunden Vorsprung. Jetzt sofort.«

Sie blickte die Gruppe mit einer wilden, geradezu erregten Mischung aus Wut und Amüsement an und senkte die Stimme, bis sie freundlich, fast einschmeichelnd klang. Was den Worten bedeutend mehr Gewicht verlieh.

»Tut ihr es nicht, werdet ihr diese Nacht für den Rest eures jämmerlichen Lebens bitter bereuen. Wenn man es richtig angeht, kann das noch eine Ewigkeit währen. Dann erlebst du wirklich, was altern wahrhaftig bedeutet, Daddy Creep.«

»Ach ja?«, höhnte er.

Die anderen sahen sie verunsichert an, Sinead eher genervt.

Sie flüsterte, die strahlenden Augen voll Gier und Lust. »Wollt ihr das Schicksal herausfordern? Qualen, Terror, Schmerzen. Wahnsinn. Tag für Tag. Jede Nacht. Jahrelang. Jahrzehntelang. Das ist ein Versprechen.«

Als sie grinste, löste sich jeglicher Anschein von Kindlichkeit schlagartig in Luft auf. Das war eine Person, die trotz der jugendlichen Aufmachung weit älter war als sie alle zusammengenommen.

»Ihr seid tatsächlich beschissen ahnungslos, wen ihr in euerer Dummheit gegen euch aufgebracht habt.« Sie wandte sich dem Möchtegern-Perversen zu. »Oh Daddy Creep, zu schade, dass du nicht zum Schuss gekommen bist.«

Mit einer maßlos überzogenen Parodie einer Lolita klimperte sie mit den Wimpern.

»Wäre es nicht schön gewesen, mir auf den Bauch zu spritzen? Das warme Sperma auf mir zu verreiben? Zwischen meinen Beinen, über meinen Brüsten? Oder gar, oh du böser Bube, in den Arsch? Du hast ja gerade gespürt, wie sich meine Titten und mein Hintern anfühlen. Willst du mehr davon?« Sie seufzte melodramatisch. »Ehrlich, es tut mir deinetwegen sehr leid«, spottete sie. »Erleichtere mir die bevorstehende Gefangenschaft, dann erleichtere ich dich. Ich bin ein pralles Bouquet, Daddy Creep. Ich habe Dinge gesehen, von denen ihr Menschen nur träumen könnt. Tja. Wie stehst du dazu?«

»Unfassbar«, flüsterte Harold, der nur schwer damit zurechtkam, was die Vampirin sagte und wie sie sich gab.

So sollte es nicht sein. Das erschien ihm auf üble Weise verkehrt. Vampire waren keinesfalls so. Das widersprach allem, was er über sie wusste, zu wissen geglaubt hatte, wie er erschüttert erkannte. Harold war unsicher, ob dieser Job tatsächlich die passende Aufgabe für ihn war. »Sie ist Hunderte Jahre alt. Warum redet sie wie die billigste Straßenhure?«

»Weil sie damit Erfolg hat, wie man an dir sieht«, kommentierte Walker trocken.

»Miststück«, lachte der Dickliche. »Hast du einen Namen?«

»Nenn mich Tod-durch-ihre-Hand, Dickerchen«, höhnte sie. »Ich werde geil beim Gedanken daran, meine Finger in dein fettes Bauchfleisch zu bohren, dich mit der Faust ins Gedärm zu ficken.«

»Jetzt weißt du es genau, Guillermo.« Sinead grinste, aber aus ihren dunklen Augen sprach kein Humor. Die nach oben gezogenen Mundwinkel sahen um nichts weniger unheimlich aus als Walkers gruselige Darstellung des Daddy Creep.

»Billiger Versuch, unter deiner Würde. Verschwinden wir«, befahl er, und Sinead riss an der Kette.

Die Gruppe tauchte zwischen die Büsche des Parks.

Die ersten schweren Tropfen fielen.

Highway to Hell

Der Sattelschlepper war ein Sechsachser, schwarz, ohne jegliche Aufschrift. Auch das Logo des Herstellers fehlte. Modifikationen am Erscheinungsbild machten es selbst für Fans derartiger Trucks schwer festzustellen, wer das Fahrzeug gebaut hatte. Peterbilt, Mack, Mercedes, Scania – ein Dutzend Firmen kam infrage, die alle ähnliche Modelle wie dieses anboten – V8 Turbodiesel zwischen 500 und 700 PS mit 14 bis 17 Litern Hubraum.

Der Transporter fuhr rasch, aber innerhalb der Geschwindigkeitsbegrenzung auf der rechten Spur über die Stadtautobahn, unauffällig im Verkehrsstrom eingefädelt. Auch die Farbgestaltung, schwarz mit grauem Zierstreifen, war der relativen Unsichtbarkeit dienlich. Der Laster sah nach einem typischen Ein-Mann-Unternehmen aus, einem Frächter, der alles lud, was die Aufträge hergaben.

An dem SUV, ein Q7, Typ 4M mit 333 PS, der sich gekonnt und dezent durch den Verkehr schlängelte, schneller als erlaubt und öfter den Fahrstreifen wechselnd, um zum Schwertransporter aufzuschließen, ließ sich außer dem Umstand, dass er ein sündteures Gefährt war, weiter nichts Besonderes erkennen.

Der Fahrer steuerte den Wagen vielleicht ein wenig zügig, jedoch frei von jeglicher Unsicherheit.

Ein teures Luxusgefährt für die Stadt, das von allem einen Hauch zu viel bot, wie bei solchen Fahrzeugen üblich. Das Heckfenster und die hinteren Seitenscheiben waren getönt, aber das gehörte inzwischen zum Standard und fiel nicht weiter auf.

Der SUV fuhr knapp ans Heck, wich links aus und zog gleichmäßig beschleunigend die Flanke des Trucks entlang, bis er sich auf Höhe der Zugmaschine befand und dort das Tempo hielt.

Der Fahrer des Monsters warf dem Wagen einen beiläufigen, desinteressierten Blick zu, ehe er die Aufmerksamkeit wieder nach vorn richtete. Erst eine überraschende Bewegung ließ ihn herumfahren, und er starrte hin.

Aus dem Schiebedach des Angeberwagens ragte ein Oberkörper. Der Mann hielt eine Maschinenpistole in den Händen, eine Scorpion Evo3 A1. Grinsend eröffnete er das Feuer.

Der Trucker schrie und verriss das Steuer. Der Kugelhagel prasselte gegen die Seite des Lasters. Funken sprühten, Lack spritzte, Blech wurde verbeult, aber nicht penetriert. Der Spuk dauerte 1,5 Sekunden, dann war das Magazin entleert.

Der Lastzug schwenkte auf den Pannenstreifen, schrammte die Leitplanke entlang, als wolle er sie flexen. Fahrerkabine und Scheiben widerstanden der Belastung.

Ringsum kam es zu unsinnigen Reaktionen, als Autofahrer versuchten, aus der Gefahrenzone zu gelangen. Vom sinnlosen Kurbeln am Lenkrad bis hin zum abrupten Tritt auf die Bremse war alles dabei.

Reifen quietschten, Qualm stieg auf.

Wagen schleuderten.

Es knallte und schepperte, als Fahrzeuge ineinander krachten, einander aus dem Weg rammten und sich überschlugen. Unbeherrschbare Kräfte rissen und zerrten an Fleisch und Knochen. Millionen Glassplitter trudelten wie Meteoritenschauer durch den sonnigen Vormittag, schlugen ein und spickten weiche Oberflächen, brachten sie zum Bluten und Schreien.

Der Trucker hatte sich vom Schreck erholt, sprach aufgeregt ins Headset und steuerte das massive Gefährt mit zunehmender Beschleunigung wieder auf die Fahrbahn zurück, ein schwarzer, gereizter Behemoth, Moby Dicks dunkler Bruder, der daran ging, seinen Feind zu vernichten. Der Sattelzug bretterte ungebremst in den sündteuren Geländewagen für die Stadt.

Dem Mann am Dach wurde die Waffe aus der Hand geprellt. Sie verschwand trudelnd hinter ihm im sich ausbreitenden Chaos der Massenkarambolage. Er tauchte hastig ab, während der Fahrer wild gegensteuerte, um ein Schleudern und Überschlagen des Wagens zu verhindern.

Für einen kurzen Moment sah es aus, als wollten sich die Angreifer unter dem Auflader verkeilen, um von ihm zermalmt zu werden, dann kam der Wagen frei.

Er schleuderte 360 Grad, und der Fahrer trat das Gaspedal durch.

Der ramponierte Geländewagen, mittlerweile rollendes Altmetall zum Kilopreis, wurde vorwärtsgerissen, zog innerhalb von Sekunden wieder mit dem Truck gleich, wich dem Angriff des gegen ihn schlenkernden Sattelschleppers aus. Der Trucker war offensichtlich ein hervorragender Fahrer, dazu ausgebildet, das Monster trotz selbstmörderischer Manöver auf der Straße zu halten.

Einen halben Kilometer voraus baute sich eine Blechlawine auf, es kam staubedingt zu Kriechverkehr – ironischerweise durch eine Baustelle verursacht, die das Nadelöhr erweitern sollte. Zu Zeiten der Planung der Autobahn hatte niemand mit einer derartigen Überhandnahme des Individualverkehrs gerechnet. Die mehr als Verzehnfachung des Verkehrs brachte das Ende der Kapazitäten mit sich.

Die Seitenfenster des Jeeps wurden runtergelassen, und die Mündungen zweier Kalaschnikows ragten hervor, nahmen die Räder unter Beschuss. Der Fahrer in der Kabine lachte und grüßte mit dem Mittelfinger – Vollgummireifen. Eine für ein derart dimensioniertes Fahrzeug theoretisch unsinnige Einrichtung, die sich in dem Moment bezahlt machte.

Spätestens da wurde unübersehbar, dass es sich bei dem Sattelschlepper um einen alles andere als alltäglichen Transporter handelte. Der Truck war gepanzert und gesichert. Das mochte zumindest im Ansatz die brutale Attacke erklären.

Die Gewehre verschwanden, stattdessen kletterte jemand durchs Dachfenster, nunmehr mit einem faustdicken Rohr bewaffnet.

Der Trucker brüllte in seine Sprechverbindung, riss wie verrückt am Steuer des Sattelschleppers, vom mächtigen Motor dank Turbolader inzwischen auf 150 Stundenkilometer hochgeputscht. Servos, computergesteuerte Einzelradbremsen und der gesamte verbaute Hightech-Kram kämpften darum, dass das Fahrzeug nicht ausbrach.

Der SUV bremste ab.

Der Sattelzug zog schwankend und schweifend davon.

Der Schütze zog den Abzug durch.

Feuer.

Der abgesetzte Schuss war perfekt berechnet. Die Granate raste vorwärts, ging in einem Parabelflug in Höhe des Fahrzeugs nieder, schrammte auf den Asphalt der Straße, prallte im richtigen Winkel ab und wirbelte nach oben – genau unter den Auflieger.

Dort explodierte sie.

Der Sattelzug wurde in die Höhe gewuchtet, verlor den Kontakt zum Boden. Der attackierte Behemoth machte, begleitet von einem metallischen Kreischen, einen Katzenbuckel, der ihm das Rückgrat brach. Stürzte zurück auf die Straße, verkantete, stellte sich bockend und rutschend quer, kippte.

Unaufhaltsam.

Kreischend und die auf sanierungsbedürftigen, eingerüsteten Pfeilern ruhende Autobahntrasse erschütternd schrammten Dutzende Tonnen funkensprühender Stahl mit immer noch nahezu hundert Stundenkilometern auf die vor der Stauzone dahinschleichenden Wagen zu.

Der Wal traf die hintersten Hecks, fickte die Blechärsche der letzten Reihe.

Autos schleuderten durch die Luft, wurden wie in Stahlpressen zerquetscht, während Blech und Kunststoff die schreienden Insassen in Stücke rissen und zermalmten.

Trümmer und Wracks wirbelten auf die Gegenfahrbahn, brachten Tod und Chaos über die Verkehrsteilnehmer. Dutzende Fahrzeuge verkeilten sich ineinander, wurden aufeinandergewirbelt, bildeten einen gigantischen Blechhaufen, in dem ein Funke zündete.

Irgendwas explodierte.

Die Detonation glich dem explodierenden Gipfel eines Vulkans. Die Druckwelle verteilte Schrott, Leichenteile und Flammen in alle Richtungen, zerstörte, zermalmte, erwischte jene, die mit vollgeschissenen Hosen im mehr oder minder verbeulten Wagen hockten und heulten, weil sie gerade noch davongekommen war.

Die Wucht der Detonation schob sogar das mächtige Wrack einige Meter rückwärts. Der ramponierte Geländewagen der Verfolger hielt mit kreischenden Bremsen an. Drei der Insassen sprangen aus dem Fahrzeug, liefen auf den umgestürzten Sattelzug zu, der ihnen Schutz vor den Flammen und der Gluthitze der Brände bot, und hefteten mehrere tellergroße Teile an die freiliegende Unterseite, das Fahrerhaus und das Dach.

Im Führerhaus schrie der Fahrer vor Schmerzen – offener Oberschenkelbruch, der Knochen hatte das Fleisch durchsäbelt, die Haut aufgeschnitten und ragte ins Freie. Die Hitze in der Kabine hatte ihm Verbrennungen zweiten Grades beschert. Überall war Blut. Das Spinnennetz aus Bruchlinien durchzog das gepanzerte Glas. Aber er hielt immer noch die Funkverbindung aufrecht.

Die Angreifer rannten zurück zum Wagen, der mit quietschenden, qualmenden Reifen zurücksetzte, schwankend herumgerissen wurde und ohne Rücksicht auf Verluste Leitplanken und Betonsperren durchbrach, um auf der Gegenfahrbahn leicht wedelnd davonzurasen.

Der Sattelschlepper explodierte. Körpergroße, von Flammen umschlossene Dinge schossen wie Raketen in alle Richtungen davon, während ein gigantischer Feuerball die Reste des gefallenen Behemoths verschlang.

Dutzende weitere Wagen wurden in Brand gesetzt, von einer neuerlichen Druckwelle davongeschleudert. Im Umkreis von hundert Metern ging ein Feuerregen nieder, und brennende Trümmer schlugen wie Kometen ein, schmolzen, verbrannten, pulverisierten alles, was sie erwischten, wirbelten umher, ließen unzählige Glut- und Flammennester aufblühen.

Serien von Explosionen erschütterten die Pfeiler, rissen den Beton auf, verschmolzen Asphalt, Metall und Menschen zu unkenntlichen Klumpen. Der Angriff auf den Sattelschlepper wuchs sich zu einem Inferno mit katastrophalem Kollateralschaden aus, was die Angreifer nicht geplant, wohl aber in Kauf genommen hatten.

Im Umkreis von mehreren Kilometern kam der Verkehr zum Erliegen, und Minuten später waren unzählige Sirenen zu hören. Luftschutzsirenen heulten auf, versetzten die halbe Stadtbevölkerung in Panik, signalisierten einen Katastrophenalarm, und alles, was sich an Einsatzfahrzeugen in der Stadt aufhielt, setzte sich in Richtung der Tragödie in Bewegung.

Es sollte 72 Stunden dauern, das Inferno in den Griff zu bekommen. Noch mal so lange, bis man die Zahl der Toten abschätzen konnte. 16 Tage, bis der Fly-over in Position war und die Autobahn notdürftig als verkehrstauglich galt. Drei Jahre, bis zum Ende der Totalsanierung bei laufendem Betrieb.

Die Polizei von Criterion setzte Hundertschaften ein, um zu einem Ergebnis zu gelangen. Zehntausende Arbeitsstunden sollten nicht mehr zutage fördern als die ohnehin bekannten Fakten. Die Spurensuche kam kein Jota vom Fleck, und damit herrschte Stillstand bei den Untersuchungen. Was von Behördensprechern mit salbungsvollen Worten schlicht schöngeredet und verleugnet wurde.

Die Vernichtung war dermaßen total, dass sich nicht einmal mehr sagen ließ, was die Ladung des Sattelschleppers gewesen war, der Berichten Überlebender zufolge angegriffen worden war und das Inferno verursacht hatte.

Die Hintergründe blieben im Dunklen.

Der abgefackelte Geländewagen wurde am Tag nach der Katastrophe auf dem weitläufigen Gelände einer Großbaustelle in Cabrini Blue entdeckt.

ERSTER TEIL: CRONOS

01: Aria

In der Ferne war das Auf und Ab des schütteren Straßenverkehrs zu hören, das zwischen dem im Wind raschelnden Laub der Bäume versuchte, sich Gehör zu verschaffen. Schritte knirschten über den Kies des Weges, der schlangengleich den kleinen Park durchquerte. Irgendwo bellten zwei Hunde.

Die Geräusche einer ganz normalen Nacht.

Aria griff an ihre Hüfte, nahm einen Pfeil aus dem Köcher und legte ihn an die Sehne. Die Waffe richtete sich exakt nach ihrem Blick aus, und sie ließ los. Der Heavy Hunter-Carbonschaft schnellte zwischen den Ästen und Zweigen des Baums, in dem sie hockte, hindurch in Richtung Ziel und traf.

Die Magnus Stinger-Jagdspitze fuhr mit Wucht in die Schulter des Mannes. Sie bohrte sich durch die Haut, und die vier Klingen schnitten ein gleichseitiges Kreuz ins Fleisch.

Der Getroffene wurde nach hinten gerissen und stürzte mit einem überraschten Grunzen zu Boden, während seine Freundin wie erstarrt dastand und nicht wusste, wie sie reagieren sollte. Die Situation überforderte sie vollkommen.

Mitten in der Nacht in einem innerstädtischen Park den Freund mit einem Pfeil in der Schulter auf den Kies plumpsen zu sehen, war denn doch zu viel Exotik für den Großstadtverstand.

Bis es der Frau gelang, zu einer Entscheidung zu finden, war Aria dem Geschoss gefolgt. Sie hatte sich senkrecht vom Baum fallen lassen, war lautlos gelandet und bis zum letzten Augenblick – bis sie unmittelbar vor der Geschockten stand – unbemerkt geblieben.

Mit dem Tempo der Jägerin konnte der Verstand der Sekretärin eines Patentanwalts nicht mithalten. Sie war noch mit der Entscheidungsfindung für eine komplett surreale Situation beschäftigt. Ihr Freund lag am Boden, irritiert und vor Schmerzen stöhnend, den Pfeil anstarrend, der aus seinem Schultergelenk ragte.

Auch er versuchte zu begreifen, wie das, was ihm gerade widerfahren war, in der Realität jenseits von Arrow und Avengers passieren konnte. Und zu verarbeiten, dass die Scheiße in der Schulter viel höllischer schmerzte, als man es auf Grund der Serien und Filme vermuten würde.

Die Frau starrte Aria fassungslos an. Sie hatte schon den Pfeil kaum begriffen, die Fremde mit dem Recurve-Bogen für Linkshänder ging weit über alles hinaus, was sie verarbeiten konnte. Das war … Sie fand nicht einmal in Gedanken ein Wort, um das Geschehen zu begreifen.

»Hallo, Schätzchen«, sagte Aria und stieß ihr die Stirn ins Gesicht. Mit einem erstickten Laut kippte die Getroffene nach hinten ins Gras und rührte sich nicht mehr.

Aria vergewisserte sich, dass die Überrumpelte noch unter den Lebenden weilte, dann wandte sie die Aufmerksamkeit dem Kerl zu, der es geschafft hatte, in eine sitzende Position zu kommen. Verständnislos beobachtete er das Geschehen. Der Schock hatte ihn fest im Griff.

Sie zog ein Messer mit schwarzer Bowie-Klinge aus dem Stiefel, schnitt mit raschen, geübten Bewegungen die Klamotten um die Eintrittswunde auf und schälte den Typen aus dem ruinierten Gewand. Er sah nicht nach sonderlich viel aus. Blasse Haut, zu wenig sportliche Betätigung, der Ansatz eines Bäuchleins.

Der Anblick gehörte zu den eher weniger Einladenden, was keinerlei grundsätzlichen Rückschluss auf die Qualität seines Lebenssaftes zuließ. Die musste schlicht erprobt werden.

Sie legte eine Hand auf seine Schulter, mit der anderen umfasste sie den Pfeilschaft.

»Das wird jetzt wehtun«, kündigte sie an – und riss an dem Schaft. Der Pfeil glitt mit einem schmatzenden Laut aus der Wunde. Blut sprudelte, der Typ schrie.

Sie leckte das Geschoss ab und verstaute es ungerührt im Köcher.

Schmeckte in Ordnung. Nicht gerade aufregend, aber ganz brauchbar. Fast Food eben.

»Wer sind Sie?«, fragte er weinerlich. Das Blut pumpte aus dem Loch, während sie mit schnellen Bewegungen einen Zugang anbrachte, festklebte und einen Blutbeutel ans andere Schlauchende anschloss.

»Die Frau, die dich angeschossen hat«, erwiderte sie ruhig.

»Warum stehlen Sie mein Blut? Sind Sie so was wie eine Organhändlerin?« Er klang geradezu naiv neugierig.

»Wäre ich das, würde ich dann nicht eher deine Niere rausschneiden?«

Er schnaufte. »Stimmt wohl. Also weshalb dann?«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Ich bin eine Vampirin.«

»Ah. Logisch«, meinte er sah gebannt zu, wie sich der Beutel füllte, sie ihn verschloss und beiseitelegte, um einen neuen anzuschließen. »Und werde ich jetzt auch zu einer Kreatur der Nacht?«

»Was?« Verdutzt schaute sie auf, während sie die erste Konserve in den Kühlbeutel ihres Rucksacks packte. Was für eine beknackte Formulierung. »Hör mal, das Leben ist kein Film von Jean Rollin – zumindest für dich nicht. Nein, Vampir wirst du … Na ja, das heißt, wenn du möchtest …«

»Oh, bitte, ja, unbedingt, lass mich dein …« – er überlegte »… Ethan Ch… nein, verzeih … Renfield sein? Vanessa? Bitte?«

Wer? Ah. Chandler und Ives. Der Typ guckt eindeutig zu viele Serien.

»In welcher Branche arbeitest du?«

»E. T. Nein, Ei …«

Er verlor den Faden, stand wohl ein wenig unter Schock. Natürlich. Wer den ganzen Tag vor dem Computer hockte und dann angeschossen wurde, war nicht fit genug, um mit einer solchen Situation klaren Verstandes umzugehen.

»Das erklärt einiges.« Sie seufzte. »Pass auf, das ist ein Aufnahmetest. Nenn mir die Titel jener Filme, in denen Lina Romay eine Vampirin gespielt hat.«

»Wer?«

Sie schlug ihm die Handkante gegen den Kehlkopf.

»Du bist durchgefallen, und ich heiße nicht Vanessa.« IT-Menschen. Eine eigene Spezies.

Röchelnd und erstickend lag er am Boden, während sie ihm mit einem Ruck die Hose runter riss. Er mochte im Sterben liegen, aber eine Erektion brachte er immer noch zustande. Aria lächelte humorlos. So ging es den Typen jedes Mal. Das letzte biologische Aufbegehren vor dem Tod, der verzweifelte Wunsch nach Unsterblichkeit, der Weitergabe des Erbguts.

»Scheiße, ich habe den Strohhalm vergessen«, murmelte sie verärgert. Nutzte nichts. Sie wollte und sollte den Kerl restlos verwerten, es war an der Zeit, und jetzt, wo sie das Blut gerochen hatte, gab es kein Zurück mehr. Die Gier war erwacht und verlangte nach sofortiger Befriedigung.

Nun, es war nicht das erste Mal, dass sie dieses Vorgehen wählte. Sie packte ihn und brachte ihn mit einer schnellen Handbewegung zum Erguss, gleich darauf noch einmal.

Danach kam sie mit Handarbeit nicht mehr weiter. Sie ergriff das Messer … nein. Das Ergebnis wäre eine unkontrollierte Sauerei.

Kurzerhand nahm sie ihn in den Mund. Er reagierte sofort und kam das dritte Mal. Na bitte – die vierte Erektion war schon blutig, und danach floss reines Blut. Drei Beutel waren abgefüllt, der Rest gehörte ihr. Sie leerte ihn bis auf den letzten Tropfen, bis sie nichts mehr als Trockenfleisch in Händen hielt.

Junkfood.

Aria rülpste. Nein, keinesfalls Jean Rollin. »Aber manchmal ist das Leben ein Film von Jess Franco«, klärte sie den Toten auf.

Achtlos warf sie die Leiche beiseite und wandte sich der Frau zu. Aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Sie fuhr herum.

Zwei Rottweiler stürmten auf sie zu. Die Mistviecher, die vorhin gebellt hatten. Scheiß Hunde.

Aria griff nach dem Bogen.

»Laurel! Hardy!«, ertönte ein Ruf.

Die Tiere stürzten und überschlugen sich mehrmals, von Pfeilen durchbohrt und tödlich getroffen.

Ein schriller Schrei. Jemand brach zwischen zwei Hecken hervor, lief in ihre Richtung. Eine Frau, wohl die Hundehalterin. Sie bremste im Lauf, als sie Aria wahrnahm, die vor den reglosen Häufchen stand, die bis vor wenigen Augenblicken ziemlich agil gewesen waren.

Die Frau bemerkte die zwei Menschen am Boden, und ihr Blick wurde fassungslos, entsetzt.

Der Pfeil fuhr ihr durch den Hals, blieb stecken. Sie stürzte nach hinten.

Aria holte die fahrig in die Luft greifende Hundefrau, die langsam erstickte, schleifte sie zu den anderen Opfern.

Sie zog die Geschosse aus den Hunden, wischte sie an den Kadavern ab.

»Drecksviecher«, murmelte sie. Aria kostete, was der Bewusstlosen aus der Nase geronnen war. Sehr lecker. Zu schade, dass sie satt war. Buchstäblich und im doppelten Wortsinn am falschen Ende begonnen.

Sie verstaute die Blutbeutel, schulterte die nunmehr bedeutend weniger schwere Leiche des Mannes und zerrte die Frauen durch das Gras bis zum Gebüsch am Straßenrand unmittelbar bei ihrem Wagen.

Kein Passant weit und breit. Rasch räumte sie die Körper in den schwarzen Sprinter mit der dezenten Aufschrift Heimzustellungen Kiki Limited und fuhr los.

Das Fahrzeug glitt zügig durch den spärlichen nächtlichen Verkehr in Richtung Innenstadt, ehe es von einer Hauptstraße abfuhr und zwei Querstraßen weiter in den Hinterhof eines spezialisierten Getränkevertriebs einbog. Dort verschwand der Wagen in der Lagerhalle.

Sie verstaute Bogen und Pfeile in einer maßgefertigten Tasche, hängte sie über die Schulter und ließ das Fahrzeug mit dem verbliebenen Inhalt stehen. Im Gehen warf sie die Schlüssel dem Mann vom Nachtdienst zu.

Aria stapfte den Flur mit der von den Wänden abblätternden Farbe entlang, dreckiges Weiß, unter dem mörtelgrau der Verputz hervorlugte. Sie ging vorbei an Räumen, die wenig mit dem Vertrieb von Getränken zu tun hatten, vielmehr der Verarbeitung von toter Materie dienten.

Sie stieg eine Wendeltreppe hinunter, marschierte durch einen mäßig beleuchteten Gang. Unverputzte Ziegelgewölbe, gestampfte Erde als Boden, der muffige Geruch nach Alter, frei verlegte Leitungen in Kabelwannen – das städtische Gedärm unter den Altbauten.

Rein funktional.

Fünfhundert Schritte. Aria erklomm eine eiserne Treppe, die seit Jahrzehnten von den Blüten des Rostes zusammengehalten wurde. Sie drückte eine gleichfalls rostüberwucherte, verzogene Eisentür auf und landete hinter dem zum Bersten vollgestopften Regal eines Kellerabteils mit Gewölbedecke. Unmittelbar vor ihr lagerten dicht gepackt Güter in Kartons, Plastikboxen, Folien, Säcken aller Art.

Sie zwängte sich aus dem Hohlraum, durchquerte den makellos sauberen, temperierten Raum, eine mit den überquellenden Racks und Kistentürmen klaustrophobisch befüllte Speisekammer. Musterte auf dem Monitor mit dem grieselnden Bild neben der Tür den Gang davor, der sich als verwaist erwies.

Ausgezeichnet.

Sie querte ihn, ließ den winzigen Lastenaufzug links liegen, stieg die Betonstufe eine Etage nach oben, landete in einem Vorraum, dessen nackte Betonwände mit sauber gerahmten Filmplakaten dekoriert waren. Mehrere Türen gingen von hier ab. Sie nahm die letzte Treppe aufwärts, um am Ende der Odyssee endlich in fleckig grau gefliesten Toilettenanlagen zu landen.

Aria warf einen Blick in den Spiegel, rupfte an ihrem Haar, wischte eine winzige Spur Junkfood aus einem Mundwinkel und tauchte in der ockerfarbenen Nische auf, von der aus sie in den Hauptraum eines Lokals gelangte. Unmittelbar zu ihrer Linken die Bar.

Sie ließ sich auf einem Hocker nieder, hinter einem bereitgestellten Glas Rotwein und einer Schale frisch gebrannter Aschantinüsse. Aria liebte das Zeug, und unter diesem Namen verband sie den Verzehr der Erdnüsse mit interessanten Erinnerungen. Der Rote war kühlschranktemperiert, in ihren Augen die einzig vernünftige Art, Wein zu trinken. Alfred hielt stets eine kaltgestellte Reserve für sie parat.

»Ich dachte schon, du hättest dich runtergespült, und ich müsste zu deiner Rettung Klomuscheltauchen«, begrüßte sie der Barkeeper.

»Den Film kenne ich. Gleichfalls ein erfreutes Hallo«, kommentierte sie trocken.

»Wie ist das Befinden?«, erkundigte er sich, und Aria seufzte.

»Angepisst.«

»Freiwillig oder Unfall?«, hakte er ungerührt nach. »Du hast im Büro ein komplettes Set liegen. Einige Stücke davon sind äußerst reizende Teile, um sie auszuziehen. Möchtest du sie anziehen?«

Er zwinkerte ihr zu.

»Trottel«, erwiderte sie grinsend.

»Wenn du es sagst, Meisterin …« Beinah wäre es ihm gelungen, nicht spöttisch zu klingen. Aber nur beinah. Alfred fand die meisten Dinge amüsant. Alles Wichtige im Leben war bei genauerer Betrachtung eine Nichtigkeit mit bescheidener Bedeutung.

»Kümmere dich um deine Gäste«, gab sie erheitert zurück und trank einen Schluck, behielt die Flüssigkeit kurz im Mund. »Sehr gut. Was ist das für einer?«

»Chilenische Möse«, lautete die Antwort, und Aria nickte, seufzte noch mal und sah sich um. Blickte wie jedes Mal hinauf zum Sinnspruch, den Alfred vor undenklichen Zeiten dort oben angebracht hatte und der für ihn die einzig bedeutsame Richtlinie für das Leben darstellte. Eine Ätzung in Messing, im Lauf der Jahre unter einer Patina bis an den Rand der Sichtbarkeit verblasst.

Iss gut, scheiß kräftig und hab keine Angst vor dem Tod.

Eine Weisheit aus … Katalonien? Sie verwechselte stets, woher der Sinnspruch stammte und hatte aufgehört zu versuchen, sich daran zu erinnern. Die Herkunft war auch nicht von Bedeutung, einzig der Inhalt zählte. Die drastische Reduktion des Lebens auf das Mindestmaß sprach jedenfalls ihren Sinn für Humor an.

Sex gehörte ihrer Meinung zwar noch mit eingefügt, aber … tja. Die Eleganz des Spruchs ginge dadurch flöten, und Aria hatte eine Schwäche für Simplifizierung. Banalitäten mit wahrem Kern empfand sie als lebensbezogene Philosophie. Sofern sie im Alltag einen Gedanken an diese Themen erübrigte.

Carmillas Coven war eine Bar im Souterrain eines altehrwürdigen Hauses in einer ebensolchen Straßenzeile. Sie blickte zur Straße hinaus, sah auf ein reges Verkehrsaufkommen, Gehsteige mit Kopfsteinpflaster, eine selten gewordene Rarität. Darauf zu gehen, war, als hätte man eine Zeitreise unternommen.

Das umliegende Viertel mauserte sich seit einigen Jahren zu einem Bezirk der Künstler und Intellektuellen. Alte Bausubstanz mit großzügigen und ausgefallenen Grundrissen, Lofts, hohe Räume, Parketten, elegant anmutende Verwahrlosung, die einen unwiderstehlichen Reiz auf eine bestimmte Klientel ausübte. Neubauten konnten da in keiner Form mithalten.

Die Alteingesessenen starben langsam aus, oft gab es einen eklatanten Mangel an Nachfolgern, oder diese hatten schlicht nicht das Geld zur notwendigen Sanierung. Das planlose Chaos der Stadtverwaltung erschwerte zusätzlich grundlegende Bauprojekte zur Modernisierung.

So wurde aus der Not eine Tugend, daraus der Hype, der ein Künstlerviertel generierte. Ehemals leistbare Wohnfläche verwandelte sich in unbezahlbaren Luxus. Was ebenso mit einer Wandlung von Lebensraum einherging.

Die zwei Seiten einer Medaille. Man bekam nicht die eine, ohne die anderen in Kauf nehmen zu müssen. Überbordende Exzentrik, die Schutz bot, mediengeile Egos, die nervten.

Aber das Nachtleben sprang von null auf tausend.

Frisches Blut strömte in alte und neue Bars, kunstvoll abgewrackte Lokale, sich extrem cool gebende, ohne Ende gehypte Clubs. Es floss in Vernissagen und auf unabhängige Bühnen. Alternativ, schick, schockierend, skandalös, glamourös, überall sprudelten endlose Ströme von Säften.

Man munkelte, dass die berüchtigte Extrementalkünstlerin Geomantica 369 hier irgendwo anonym wohnte. Bisher war es niemandem gelungen, dieses Gerücht zu verifizieren.

In einem Punkt glichen sie sich alle – Künstler, sogenannte Kunstliebhaber und selbst ernannte Kunstfachleute: Klatschtanten konnten nicht annähernd mit der begeisterten Ausdauer mithalten, mit der diese Leute die Maulaffen feilhielten.

Carmillas Coven war gut frequentiert. Das Publikum, das hier verkehrte, war mehr oder minder zweigeteilt.

Die frühen Vögel wussten die Kunst des von Alfred eingestellten Barista in Sachen Kaffee zu schätzen. Die Bar galt als Geheimtipp, die Vielfalt und Qualität der Kaffeegetränke als bemerkenswert.

Hinzu kam der ungewöhnliche Habitus, von morgens bis zum Nachmittag ein anderes Angebot zu führen als am Spätnachmittag und am Abend.

Die späteren Gäste und die Nachteulen wiederum hatten gelernt, sich auf die Weinempfehlungen des Hausherren zu verlassen. Der Mann, der so gut wie immer hinter der Bar anzutreffen war, galt den Stammbesuchern schon seit Jahren als Institution.

»Chilenische Möse«, murmelte Aria in Gedanken versunken. Sie ließ den Blick über das angenehm im Halbdunkel gehaltene Lokal schweifen, taxierte mit Kennerblick die Anwesenden, darunter einen recht bekannten Schriftsteller mittelprächtiger Horrorgeschichten, der mit einem verschrobenen Literaturkritiker in ein Streitgespräch verwickelt war.

Allesamt Klischeefiguren, dachte sie amüsiert. Der Schreiber hatte ein paar Kilo zu viel auf den Rippen und trug eine Brille. Er war amüsant, sie hatte einige seiner Bücher gelesen. Nichts Besonderes, postapokalyptische Gemetzel mit enormem Blutzoll und Leuten, die einander gegenseitig mit den eigenen Darmschlingen erwürgten. Der Autor machte einen netten Eindruck.

Der Kritiker war dick – buchstäblich aufgeblasen – und strahlte Selbstgerechtigkeit bis zum Erbrechen aus. Aria mochte ihn nicht sonderlich. Der Typ hielt sich für weit klüger, als er tatsächlich war.

Der kalte Rote schmeckte. Aria hatte keine Ahnung, ob es sich wirklich um das handelte, was Freddy behauptete. »Sag mal«, fuhr sie plötzlich auf, als sie die Geschmacksnote erkannte. »Hast du etwa …«

»Cuvée nach Art des Hauses«, bestätigte er ihren Verdacht. »Die Chilenin fand ich für Lateinamerika ungewöhnlich trocken, und das geht gar nicht. Die war erstaunlich wenig rassig im Geschmack. Aber jetzt ist es schön vollmundig, oder? Was meinst du?«

Er goss sich selbst ein, Raumtemperatur, schmatzte genießerisch, hielt das Glas gegen das Licht, nickte zufrieden, bewunderte die Farbe. Er wartete mit hochgezogenen Augenbrauen, während sie noch mal kostete, die Flüssigkeit im Mund behielt und bewusst schmeckte.

»Ja«, bestätigte Aria. Der Verschnitt war ihm ausgezeichnet gelungen. »Vollmundig trifft es. Hat was Geiles.«

Er grinste übers ganze Gesicht, und sie hielt ihm das zu zwei Dritteln geleerte Glas entgegen. »Schenk nach.«

»Wie stillos – erst austrinken.«

Aria zwinkerte. »Ich bin ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen. Füll auf.«

Er lachte.

»Weil du es bist.« Dann wurde er wurde ernster. »Ich habe noch nichts gehört. Meine Vögelchen schweigen«, murmelte er. Aria prostete ihm zu. »Danke. Hör dich einfach um.«

»Klar. Du weißt, dass ich das mache …«, brummte er.

»Ja.« Sie schaute zum Fernseher hoch, auf dem Bilder der Autobahnkatastrophe flimmerten, seit beinahe zwei Wochen die beherrschenden Nachrichten im Stadtsender.

Noch immer wurde das Thema weidlich ausgeschlachtet. Die Moderatorin bemühte sich zwar um Seriosität, aber die Art der Präsentation ruinierte den von ihr angestrebten Effekt.

Von einer Erklärung für das Desaster war man so weit entfernt wie zum Zeitpunkt, als die ersten Einsatzfahrzeuge den Schauplatz erreicht hatten.

Brennender Metallschrott mit knusprig gebratener Fleischfüllung.

Autobahn-Burek.

Oh, Aria wusste zwar auch nicht viel, aber mehr als die offiziellen Stellen. Es war ein Lastwagen ihres Clans gewesen, der das Desaster ausgelöst hatte, als er von Unbekannten brutal attackiert worden war. Die Art des Vorgehens ließ keine Zweifel daran, dass die Angreifer definitiv dieses Fahrzeug im Visier gehabt hatten.

Unklar blieb, ob es einen Zusammenhang mit Floras Abgängigkeit gab. Immerhin war sie schon sechs Nächte fort, die längste Abwesenheit ohne Meldung, an die sich Aria erinnerte.

Bei aller Selbstständigkeit des Mädchens, diese Zeitspanne war besorgniserregend. Floras Kommunikationstechnik war zwar katastrophal, und was das Verstehen von mütterlichen Sorgen anbelangte, zeigte sie sich ungefähr so sensibel wie ein Betonpfeiler, trotzdem war sie in der Hinsicht zuverlässig.

Maximal drei Nächte ohne Meldung, so lautete die Vereinbarung. Diese Frist hatte Flora bisher nie überschritten. Sie war ein Sonderfall, und das ihr eigene, genetische Naturell machte sie zu einer Art wandelnder Bombe, aber letztlich war scheißegal, wer oder was sie sonst noch sein mochte. Sie war ihre Tochter. Mit allen Zugaben, die auf dem Beipackzettel notiert standen und die das Leben in schöner Regelmäßigkeit weniger einfach als wünschenswert gestalteten.

Nachwuchs.

Schwierig, ruppig, rebellisch, oft gefühlskalt, aber verdammt noch mal, sie war ihr Kind, die abgängige Tochter.

Es bestand die unwahrscheinliche Möglichkeit, dass sie in ein Loch aus Alkohol und Drogen geplumpst war. Nicht, dass Floras Körper sonderlich auf chemische Substanzen reagierte, sie verarbeitete die Stoffe ganz anders als von den Entwicklern vorgesehen oder gar gewünscht. Das Ergebnis entsprach nicht im Ansatz jenem, das Normalsterbliche erfuhren. Sie wurde weder high noch abhängig.

Natürliche Rauschmittel hingegen … ein eigenes Kapitel. Weit komplexer, die Sache. Es gab Wirkungen, Wechselwirkungen, Wirkungslosigkeit. Eine beträchtlich größere Anzahl von Faktoren, die hier zum Tragen kam als bei den chemischen Substanzen. Sogar der Wunsch spielte in dem Fall eine Rolle.

Aber letztlich: Nein, Drogen erschienen bedeutungslos. Es gab nur drei Dinge, die sie zuverlässig in Ekstase versetzten: Blut, Sex, Töten. Alles andere auszuschließen, hatten Mutter und Tochter in einer langen Reihe von Experimenten gelernt. Pharmazeutische Untersuchungen liefen noch.

In Probleme wurde das Mädchen eher von ihrer Psyche gebracht, von ihren unberechenbaren Stimmungen. Vielleicht war es diesmal so weit gekommen.

Unfälle? Lächerlich. Flora war ein Reinblut, sie war superior und stand über Banalitäten wie einem trivialen Hoppla. Sie war noch blutjung, beging Fehler, aber keine klassischen Fehltritte vom Kaliber Nacktbaden zur Mittagszeit – nein, das entsprach nicht ihrer Art von Dummheit.

Blieben einige Fremdfaktoren.

Selbst ernannte Vampirjäger.

Die konnte man zu mehr als vier Fünfteln auf Spinner und Freizeit-Rambos reduzieren. Sie suchten nach Geschöpfen, die den Klischees aus Film und Literatur entsprangen. Narren und Amateure, die bloß einen Vorwand gefunden hatten, um die Sau rauszulassen, um etwas Leben in ihr monotones Dasein zu bringen.

Unter den Tisch saufen und Fremdficken. Simple Alltagsflüchtlinge. Der stinknormale Papa Joe und die Mary-Lou des Alltags, die von Montag bis Freitag Anzug und Kostüm trugen und vom Vorgesetzten in den Arsch gefickt wurden.

In den Jagdpartys fanden sie eine Möglichkeit, Dampf abzulassen, ihr Selbstbewusstsein zu polieren und stellvertretend für das Büroarschloch selbst das eine oder andere Arschloch zu ficken und sich flachlegen zu lassen. Trivial, dreist und maximal dummgefährlich.

Leichte Beute, keine Gefahr.

Anders diejenigen, die man unter dem Begriff Beastie Boys kannte. Männer und Frauen, zusammengeschlossen zu Gemeinschaften aus Treibern und Jägern. Häscher. Schergen. Jene, die Vampirjagd als blutiges Handwerk verstanden, als Generationen zurückreichende Verpflichtung, das so titulierte Übel der Nacht zu bekämpfen.

Sie wussten Bescheid, kannten alte Schriften, verfügten über Ausrüstung, Infrastruktur und die notwendige Gnadenlosigkeit. Gemeingefährliche Zweckgemeinschaften. Viel von ihnen mit Geldern aus dem Klingelbeutel des Vatikans gefördert.

Gruppen so real wie Durst. Verflucht gefährlich. Derzeit waren dem Clan keine durch die Stadt streifenden Beastie Boys bekannt.

Artverwandte? Ebenfalls ein Thema. Großfamilien, Sippschaften und Interessensgruppen, die das eigene Vorankommen förderten und für andere Vampirgruppierungen so viel übrighatten wie für Menschen. Auch hier waren die Wächter auf keine Auffälligkeiten aufmerksam geworden. Stadt und Umland unterstanden ihrem Clan, und die Grenzen wurden Tag und Nacht kontrolliert.

Aria sah sich im Raum um, beobachtete die Leute und dachte müßig, was wohl geschehen würde, gäbe sie sich als Vampirin zu erkennen. Die Hälfte der Anwesenden hätte herzlich gelacht und dem Unsinn applaudiert, den sie verzapfte. Daran geglaubt – niemals.

Was für ein Gedanke!

Die Menschen hatten verlernt, auf ihre Instinkte zu hören und zu sehen, wer da wirklich vor ihnen stand, selbst wenn man sie mit der Nase direkt in die Scheiße tunkte. Sie kannten Klischees und glaubten an die Unterhaltungsindustrie, die haarsträubenden Unsinn produzierte, den sie johlend und applaudierend begrüßten. Vampire. Klar, in Gestalt von Blade oder Strigoi aus The Strain.

Ui. Sie war schlechter Stimmung.

Einzelgänger und Gruppen kooperierten in wechselnden Zusammenstellungen, wenn es gegen einen gemeinsamen Feind ging, der für alle eine Bedrohung darstellte. Aber im Grunde verhielt es sich wie bei den Blutsäcken – zahlreiche Völker wachten eifersüchtig über die Grenzen ihrer Reviere. Bei Bedarf attackierte man lästige Konkurrenten ohne Rücksicht auf die Zugehörigkeit. Eine Invasion oder einen ernsthaften Angriff hatte es schon lange nicht mehr gegeben.

Die kleinste Gefahrengruppe schließlich stellten die Terrorzellen paranoider Einzelgänger dar, die mit niemandem in Verbindung standen. Sie bezogen von überall her Inspirationen und verleibten sie ihrem krude verzerrten Weltbild ein. Eines Tages verloren sie die Kontrolle und traten als zielgerichtete Amokläufer in Erscheinung. Diese Leute nahmen keine Geiseln. Ihnen ging es um den Blutzoll.

Der Clan beobachtete viel, hatte Dutzende Renfields in den Straßen, aber es war unmöglich, auf alle Eventualitäten gefasst zu sein. Bis jetzt herrschte Schweigen, was Aria beunruhigte. Das roch nach langfristiger Planung und eingehender Befragung.

Beschissen war ein Hilfsausdruck für die Situation.

Sie leerte ihr Glas und rutschte vom Hocker.

»Du gehst?«

»Ja, ich muss etwas tun. Passiv zu bleiben, ist nicht mein Ding. Meine Tochter, meine Verantwortung. Darauf zu warten, von einem Späher etwas zu hören, macht mich wahnsinnig.«

»Alles klar.« Alfred griff unter die Theke und reichte ihr einen Wagenschlüssel. »Pass auf dich auf.«

»Danke.« Brauchbarer Wagen. »Du kennst mich.«

»Eben.«

»Ha, ha«, gab sie zurück, obwohl er durchaus ernst dreinschaute. Sie winkte und machte einen Abgang. Als sie am Schriftsteller vorbeikam, atmete sie tief ein. Lecker. Sie hatte ihn schon mal gekostet. Jetzt sah er auf, als sie an ihm vorbeiging, und sein Blick wurde bewundernd und sehnsüchtig.

Er erkannte sie nicht. Wie auch? Wäre er in der Lage gewesen, sie zu erschnuppern, hätte er sich vielleicht an eine Blondine mit einem Tattoo erinnert, eine fröhliche Frau in Jeans, der perfekte Kumpel zum Pferdestehlen. Aber wohl kaum an eine Schwarzhaarige mit Ring im linken Nasenflügel, die im streng geschnittenen, dominanten Lederoutfit an ihm vorbeiglitt, ihn beinahe streifte. Dafür konnte sie die in ihm hochsteigende Erregung riechen.

Das machte Spaß und hob ihre Stimmung ein wenig.

Sie trat ins Freie, stapfte die Handvoll abgenutzter Stufen zum Gehsteig hoch und blieb stehen. Betrachtete den vorbeifließenden Verkehr. Besah die Reflexionen und Schlieren der Scheinwerfer auf dem Asphalt. Lauschte. Sah hinauf in den wolkenbedeckten Nachthimmel. Tat ein paar Schritte in Richtung Wagen. Versuchte festzustellen, ob sie beschattet wurde.

Aria kam zu keinem eindeutigen Ergebnis, was sie irritierte. Sie ignorierte das Fahrzeug, das am gewohnten Platz stand, tauchte nach rechts in eine schmale Gasse und verschwand in den Schatten.

Wartete. Zwei Minuten später bewegte sich ein Passant an ihr vorbei. Tatsächlich, ein Beschatter. Ein Amateur, angeheitert. Ah, deshalb hatte sie ihn nicht eindeutig wahrgenommen, er hatte eine Menge Alkohol im Blut. Wo kam der denn her, und wer hatte ihn geschickt? Ihr Verfolger war bereits zehn Schritte weiter, als sie seinen Personalausweis und einen hübschen Packen Scheine aus seiner Geldtasche zog und einsteckte. Der Rest flog in hohem Bogen davon.

Sie gedachte, den Mann zu befragen.

Aber zuerst …

 

 


Cover: BlutliebeCRITERION – SCHWARZER SCHWAN: BLUTLIEBE

mehr zum Buch / Paperback und Kindle Edition bei Amazon …

 

 

 

 

 


Der Beitrag [LESEPROBE]: Schwarzer Schwan: Blutliebe (Bd. 1) erschien zuerst auf JohnAysa.net


.

 

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. DATENSCHUTZERKLÄRUNG

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen