[LESESTOFF]: Komplette Story: Mond i.d. Tiefe

Lektüre für alle Jahres- und Tageszeiten: MOND IN DER TIEFE, die komplette Story online zum Lesen für zwischendurch. Wer es gern im Bett mag, also lesen, das eBook gibt es als Kindle Edition bei Amazon …

Gute Unterhaltung!


Cover John Aysa: Mond in der Tiefe01
Ich blicke hoch zum Mond, der bittere, blutrote Tränen weint. Rings um mich gleiten und taumeln die anderen meines Volkes durch die Luft, treiben auf ihren Schwingen über den Wipfeln der Bäume dahin, gefangen im Taumel der Tage und Nächte der Festlichkeiten des Balkanaar.
Auch ich treibe wie meine Brüder und Schwestern ziellos durch die Luft, lasse mich von Winden tragen und unternehme trunkene Sturzflüge durch Luftlöcher. Das Fest strebt seinem Höhepunkt und dem darauf folgenden Ende zu, der abschließenden Vereinigung. Es ist unsere heiligste Zeremonie, der Zweck des Daseins und Strebens. In den Tagen des Balkanaar wird alles nebensächlich, das Fest und die Paarung haben Vorrang.
Wir sind gar nicht in der Lage, anders zu handeln. Tief im Kern dessen, was unser Wesen ausmacht, ist dieses Fest in die genetische Struktur meines Volkes eingraviert. Es bestimmt Leben und Sterben, die Zeit dazwischen.
Sobald der Mond so tief steht wie niemals sonst in den tausend Tagen und Nächten davor, ist der Zeitpunkt für die Feierlichkeiten gekommen. Der Begleiter unserer Welt ist nah genug, um uns Berge und Täler erkennen zu lassen, die dünnen Fäden der Flüsse, die dunklen Flecken der Wälder.
Die Urheimat.
Einst brach mein Volk von dort auf, um die Unendlichkeit jenseits der Heimat zu erobern. Trotz des Aufwands und allem Pomp zum Hohn kamen wir nicht sonderlich weit.
Wir schafften es bis zur Welt, die wir seit Urzeiten von Sehnsucht erfüllt am Himmel sahen, den Horizont dominierend, gewaltig und atemberaubend. Sie war unser erstes und größtes Begehren. Hier wollten wir ergänzen, was zur Weiterreise hinaus zu den Sternen fehlte.
Wir kamen nie weiter. Es gab keinen Vorstoß in die Tiefen des Alls. Wir wurden eingekerkert, zu Gefangenen einer Welt, die ihre Schätze nur widerstrebend freigab. Die Mühen, das benötigte Gut dem hartnäckigen Griff des Planeten abzuringen, hielten uns wirksamer gefesselt als alles, was wir uns ausdenken konnten.
Der Druck war dazu angetan, uns scheitern zu lassen und die Pläne zur Eroberung des Weltalls aufzugeben.

02
Es wird Zeit. Ich kann spüren, wie es mich ruft und lockt, nach mir verlangt und meine Teilnahme fordert. Ich stecke die Chronik fort, die ich fertigzustellen erhofft hatte. Doch nun ist der Augenblick gekommen, den Baum zu verlassen, den gemütlichen Ast, der mir Platz gewährt hat, aufzugeben.
Das Gleiten durch die Luft neigt sich dem Ende zu. Ringsum haben sich Dutzende meines Volkes niedergelassen. Allein oder in Gruppen hocken sie in den Bäumen und beobachten, Flieger, Kletterer, Späher.
Der Anblick ist nicht unähnlich dem einer Kolonie von Fledertieren. Ein Rudel riesiger Insektenvertilger. Ich finde die Vorstellung, dieses Bild, ziemlich witzig. Damit bin ich eine Minderheit, den meisten meines Volkes fehlt es am entsprechenden Humor, um derartigen Beobachtungen eine amüsante Seite abzuringen.
Wir sind keine fröhliche Gesellschaft. Wir kennen heitere Momente, aber in der Regel sehen wir dem Leben ernsthaft ins Auge.
Tic-Sana-Jae flattert an meinem Platz vorbei.
Sie hat einen eigenwilligen, unverkennbaren Flügelschlag. Schnell aber nicht hektisch bewegen sich ihre elegant geschwungenen Flügel, tragen den schlanken und wohlgeformten Körper durch die Luft.
Sie ist eine der wenigen unseres Volkes, der es mit Mühe immer wieder gelingt, den Dingen des Alltags durchaus entspannt entgegenzutreten. Heiter im Vergleich, doch ist dieser Begriff zu mächtig, um ihn hier anzuwenden.
Tic-Sana-Jae neigt zu Zynismus und findet oft an wunderlichen Sachen und Gegebenheiten Gefallen. Doch in den Augen der Mehrheit ist sie bei weitem nicht so aus der Art geschlagen, wie man es mir nachsagt. Sie hat den Vorteil der körperlichen Attribute, die eine einnehmende Wirkung ausüben.
Es versteht sich von selbst, dass ich mich zu ihr hingezogen fühle. Ist sie nahe, bleibt das Gefühl der Einsamkeit fern. Dann ist jemand bei mir, der mich sanktionsfrei heiter sein lässt.
Das ist schön.
»Pez-Cuta-Zen«, höre ich meinen Namen, drehe mich herum und blicke in die sumpfgrünen Augen von Tic-Sana-Jae. Sie hat kehrtgemacht. Den Baum umrundet oder sich durch sein Geäst gewunden, um sich zu mir zu gesellen. Das ist überraschend aufmerksam von ihr. Sie kann durchaus flatterhaft sein. Aber sie kommt damit durch.
Habe ich erwähnt, wie gefällig anzusehen sie ist? Ihre glatte, schimmernde Haut mit den dezenten, dichten Fellstreifen, die langen schmalen Finger und sehnigen Beine?
Sie ist eine Schönheit, verkörpert ein Ideal.
»Wollen wir gemeinsam auf die Jagd gehen?« Sie fragt mich und ein Kribbeln der Aufregung durchfährt meinen Körper.
Ich nicke. »Sehr gerne.«
Was soll ich anderes sagen? Ich wäre komplett verrückt, die Einladung abzulehnen. Mondjagden sind mörderisch. Der Garant für das eigene Überleben ist eine zuverlässige Jagdpartnerschaft. Und mit ihr an der Seite potenzieren sich die Überlebenschancen für einen Außenseiter wie mich.
Tic-Sana-Jae ist eine Meisterin mit Speer und Klinge, ich hingegen steche in keiner Disziplin hervor. Spezielle Fähigkeiten gehen mir ab.
Aber diese Durchschnittlichkeit bietet einen nicht zu unterschätzenden Vorteil. Ich bin Generalist. Ich beherrsche sämtliche Standards und noch ein paar Dinge mehr. Alles nicht herausragend, doch gut genug. Das verleiht mir eine Flexibilität, die vielen abgeht und so nützlich ist wie Perfektion mit einer spezifischen Waffe. In Kombination mit einer Spezialistin wie Tic-Sana-Jae ergibt das eine bemerkenswerte Jagdpartnerschaft.
Die richtige Wahl der Partner bedeutet den Unterschied zwischen dem Sein in der jetzigen Form oder dem Dasein im ewigen Schlaf des Todes. Und wer will wechseln, wenn die aktuelle Existenz nicht restlos aufgebraucht ist?
Das ist pure Verschwendung und niemand lebt in solchem Überschuss.
Insgesamt jedoch, im großen Schema des Daseins, spielen derartige Kleinigkeiten nur bedingt eine Rolle. Wichtig ist einzig das Fest von Balkanaar. Ich blicke hinauf zum Mond, der scheinbar immer noch Tränen blutet. Inzwischen wachsen sich die Tropfen zu einem Schein aus, der sich zu einem Kreis schließt. Die Urheimat leuchtet, als gäbe sie sich Mühe, dem Fest einen besonderen Glanz zu verleihen. Wer weiß, ob das nicht der Fall ist.
Wir sind schließlich die Kinder des Mondes.
Ich weiß es.
Es gibt nichts, was ich deshalb tun kann. Balkanaar hat uns im Griff, unentrinnbar. Auch ich werde mich jetzt der Jagd anschließen und der damit einhergehenden Lust frönen.
Es ist, wie es ist. Unser Leben folgt einer Bestimmung. Freiheit ist eine Illusion. Der Selbstbetrug ist das zentrale Element der Existenz.

03
Wir stürzen kopfüber vom Baum, mit schnellen Flügelschlägen den gefährlichsten Ästen ausweichend, während ringsum Zweige und Blätter abreißen, gegen unsere Körper schnalzen. Kratzer und Striemen zeichnen uns. Das Blut pocht, der Puls rast, Hitze macht sich breite. Das Gefühl zu leben ist überwältigend.
Nur Augenblicke …
»Spürst du es? Es kommt, es beginnt!«, schreit Tic-Sana-Jae aufgeregt und bevor ich fähig bin, zu antworten, spüre ich es selbst.
Der Drang ist da, das Fieber, die Gier, die Raserei. Ich vernehme einen schrillen Jagdschrei, bekomme nur am Rand mit, dass er von mir stammt. Ringsum fallen Dutzende, Hunderte Stimmen in den Schrei ein, bilden einen durchdringenden Chor. Die Jagd beginnt.
Wer jetzt nicht geschrien hat, ist Beute.
Wer einen Jagdschrei vorgetäuscht hat, ist Freiwild. Es gibt kein Überlisten.
Alles Leben, das der Meute in die Quere kommt, ist zur Jagd freigegeben. Wir werden jagen, bis die Jagdgruppe zerbricht.
Was hat mein Volk mitgebracht, als es vom Mond hierher kam? Natürlich die Schiffe. Die Geschichte. Waffen, Vorräte, Ersatzteile, Sendeanlagen, Saatgut, Genproben unserer Fauna, Brutkästen.
Wir brachten Literatur, Musik und bildende Kunst mit.
Wir waren mit riesigen, schweren Schiffen aufgebrochen, um diese Welt zu plündern. Unterversorgt mit Treibstoff und den Basisgrundstoffen, um für jede vorstellbare und unvorstellbare Katastrophe gerüstet zu sein, landeten wir hier, um aufzustocken. Eine solch große Welt musste unsere Bedürfnisse decken können.
Aber den Navigatoren unterlief ein Fehler. Und der sorgfältig in die Zellen einprogrammierte Kadavergehorsam, der das Zerbrechen der Flotte verhindern sollte, wurde so zum Verhängnis.
Kein Schiff brach aus der Formation, eines folgte dem anderen ins Verderben.
Tic-Sana-Jae lässt einen trillernden Jagdschrei hören. Der Laut erregt mich ungemein.
Nur wenige Generationen nach der Katastrophe waren die letzten Vorräte und Reserven aufgebraucht. Nochmal so lange gelang es den Gestrandeten, weiterhin mit den Brüdern und Schwestern auf dem Mond zu kommunizieren, sich moralische Unterstützung zu holen. Mehr gab es nicht. Versuche, neue Schiffe zu bauen, scheiterten. Mein Volk hatte sich verausgabt.
Dann kam der Tag, ab dem nur der Empfang der Signale möglich war. Die Zeit des Sendens war abgelaufen. Unsere Verwandten schienen das zu wissen, denn sie schickten weiterhin Nachrichten. Doch mit jeder Generation wurden die Botschaften von daheim spärlicher und belangloser.
Ich stelle mir vor, das wir zu einem Ritual verkamen, von dem niemand mehr wusste, warum man es vollzog. Es gab nichts weiter als automatisierte Nachrichten zu hören, die mit stumpfer Monotonie erklärten, was zu tun war, wenn wir zuhörten. Aber das war Routine. Antwort wurde keine erwartet. Wir waren die Nachtgespenster, mit denen Eltern ihrem Nachwuchs drohten.
Dementsprechend tat niemand etwas.
Nein, so stimmt das nicht. Es wurde eine Handlung gesetzt.
Man hörte auf, zuzuhören.
Wir waren allein, doch wir hatten etwas mitgebracht.
Mein Volk ist streng ritualisiert. Es achtet stets darauf, Dinge immer denselben Weg laufen zu lassen. Im Ritual liegt die Sicherheit, derer wir bedürfen. Abweichungen sind gefährlich.
Wir haben die Triebe und Begierden in regelmäßig wiederkehrende Riten gezwängt. Hier können wir ihnen freien Lauf lassen. Für eine begrenzte Zeit ist es uns möglich zu sein, wie unsere Vorfahren waren, wie das Blut immer wieder begehrt, sein zu dürfen.

04
Mein Fuß platscht auf den leuchtenden Mond in der Lache. Das Bild im Wasser zerfließt augenblicklich, während ich den ausgetretenen Trampelpfad entlanglaufe. Inzwischen bin ich mit Blut bedeckt. Es stammt von Wildtieren, die mir in die Quere gekommen sind, zu Tode gebracht von meinem Buschmesser. Erfreulich, aber nicht das, worauf es ankommt.
Da! Ein Junger!
Ich rieche ihn, schmecke das Fehlen eines bedeutsamen Elements. Er hat nicht geschrien. Jetzt ist er fällig.
Er hetzt vor uns durch das Unterholz, bricht durch die Büsche, während er von Panik erfüllt versucht, der Jagd zu entkommen. Er ist chancenlos und ich will ihn haben. Mich giert danach zu spüren, wie die Klinge meines Messers in seinen Körper fährt. Er gehört mir.
Ich beschleunige, gebe jede Vorsicht und Rücksicht auf. Habe ihn fast erreicht. Aus dem Unterholz zu meiner Seite ertönt ein wilder Schrei. Tic-Sana-Jae bricht hervor, rammt ihren Speer geradewegs durch den Körper des Jungen. Ich kann nicht schnell genug anhalten, pralle gegen die beiden, reiße sie zu Boden.
Für einen Augenblick sind wir ein höchst bizarres Wesen mit drei Köpfen, sechs Armen, Beinen und Flügeln, die allesamt unkoordiniert zappeln. Endlich gelingt es mir, dem Knäuel zu entsteigen.
Ich bin vom Blut des Jungen besiedelt. Er zuckt noch. Dicke Ströme Lebenssaft pulsieren durch die Wunden ins Freie, bilden Lachen am Boden, schwarz schimmernd, den Mond reflektierend, ehe das Nass im Erdreich versickert. Der Mondschein ist heller geworden.
Einen Augenblick starre ich in die von Furcht und Schmerzen geweiteten Augen des Jungen. Er weiß, was geschieht und er weiß, das es für ihn kein Entkommen gibt. Das war ihm von Anfang an klar. Aber er musste es versuchen, die Mannreifung hat es verlangt. Er ist gescheitert, sein Leben ist verwirkt.
Ich stoße ihm die Waffe ins Brustbein. Der Körper bäumt sich auf und erschlafft endgültig. Er ist tot, aber ich verspüre nichts von der Befriedigung, dich erwartet habe, auf die ich begierig bin.
Tic-Sana-Jae ist mir zuvorgekommen und hat mir die Lust gestohlen.
Ich funkle sie einen Augenblick lang böse an, blecke die Zähne. Sie erwidert das Starren achselzuckend. Sie ist wahrhaftig schön und wie nicht anders zu erwarten erwacht in mir der Drang zur Paarung.
»Es ist Jagd. Jeder nimmt, was er bekommen kann. Das Jagdpaar bleibt davon unberührt.«
Natürlich weiß ich das. Ich brauche ihre Belehrung nicht. Aber es ärgert mich trotzdem. Die Partnerschaft dient lediglich dazu, dem Jäger den Rücken freizuhalten, wenn das Gemetzel seinem Höhepunkt zustrebt. Sie dient der Existenzsicherung unserer Art.
Wir würden uns sonst ausrotten.
In allen sonstigen Belangen ist jeder auf sich gestellt.
Wir hetzen weiter.
Der Drang, mir Befriedigung durch das Töten zu verschaffen, ist schmerzhaft, wie bohrendes Hungergefühl, wie nicht näher klassifizierbare, innere Unruhe, wie Aggression gegen die Umgebung, sei es gerechtfertigt oder nicht.
Ich muss töten.

05
Rituale waren uns schon vor Hunderten Generationen ins Blut übergegangen, Bestandteil des Erbes und der Zivilisation geworden. Nichts geht ohne Gepflogenheit.
Die Bruchlandung erforderte neue Traditionen und Verhaltensweisen, angepasst die harten Lebensbedingungen. Die Welt leistete vom Beginn an Widerstand bei der Ernte. Es war unmöglich, den Stand der Technik auf Dauer aufrecht zu halten.
Die Zivilisation wurde neu geformt, lenkte die Gesellschaft in andere Bahnen. Einzig Balkanaar ließ sich weder vernünftig modifizieren noch aus den Genen entfernen. Bloß eine eingeschränkte Modifikation der Regeln war uns gewährt.
Aber am zentralen Element, dem Drang zur explosiven Freisetzung von Anarchie, Gewalt und Zerstörung, war nicht zu rütteln. Das scheint in den Genen fixiert zu sein. Wir haben unsere Riten, die wir als Volk begehen und wir haben die Rhythmen, denen jedes Einzelwesen für sich folgt.
Ich wie Tic-Sana-Jae, wie alle.
Zu den Ritualen, denen ich huldige, gehört der regelmäßige Besuch der einsamen, tief im Wald liegenden Sende- und Empfangsstation. Sie ist mangels Funktion und Nutzen schon vor einer Ewigkeit dem Vergessen anheimgefallen.
Ich besuche sie, um den automatisierten Trivialitäten zu lauschen. Sie amüsieren mich. Vor einiger Zeit ist mir was aufgefallen. Bei unseren Vorfahren hat sich eine gewisse Flexibilität eingeschlichen. Der Zwang wird aus den Genen gezwungen, ein amüsanter Umstand. Welch Ironie.
Jemand strahlt zwischen den mechanischen Nachrichten ein eigenes Programm aus, das unmöglich sanktioniert ist.
Auf verquere Art sind wir tatsächlich im Stammbewusstsein der Mondbewohner bewusst. Vergessen ist der Weg, den wir beschreiten sollten, dem Dunkel der Erinnerungslosigkeit ist der Grund für den Aufbruch anheimgefallen.
Das ist faszinierend. Es ist mein Wissen allein, ich verschweige es vor den anderen. Manche Dinge sollten einfach unausgesprochen bleiben. Was ich in Erfahrung bringe, gehört wohl dazu.
Ich rede nicht darüber, dass die Verwandten uns den Rücken gekehrt haben, um auf der anderen Seite des Mondes zu forschen. Ich halte den Mund, obwohl ich weiß, was sie entdeckt haben.

06
Ich habe Tic-Sana-Jae wieder aus den Augen verloren, aber das macht nichts. Ich weiß, meine Jagdpartnerin ist in der Nähe. So gehört es sich, so ist es. Wir schleichen als Zweisamkeit und am Ende werden wir uns paaren. Weiter zu denken bringt nicht viel und ich freue mich auf den Vollzug des Aktes, einer der Höhepunkte im Dasein. Ich kann mit absoluter Sicherheit behaupten, das die Intimität mit Tic-Sana-Jae der Gipfel meines Lebens sein wird, die Krönung.
Nichts ist vergleichbar mit dem Rausch und Taumel dieser Befriedigung.
Trotz der Vorfreude ist es noch nicht so weit. Es gilt, sich zu konzentrieren, auf das hier und jetzt fokussiert zu bleiben. Vor mir ist jemand unterwegs. Ein unachtsamer Jäger, ein ahnungsloses Opfer, ich werde es bald erfahren.
Unser Lebensraum ist begrenzt. Die Beute des Balkanaar muss weit flüchten, um dem Opfertod zu entgehen. Doch das Entkommen ist beschwerlich und kaum weniger gefährlich als die Jagd.
Diesmal gehört das Opfer mir. Mag die Vernunft vorübergehend überschrieben und reduziert sein auf das Tierische, die Regeln werden eingehalten. Anders geht es gar nicht.
Ich bin dran.
Meine Beute.
Ich bewege mich äußerst vorsichtig. Unendlich sanft rollen die Ballen der Füße über den Erdboden. Kein Zweiglein knackst, kein schmatzendes Geräusch von feuchter Erde, es ist nichts zu hören.
Auch sonst winde und biege ich mich durch Buschwerk und Gehölz, weiche Lianen und Hängepflanzen aus, die bis zum Boden reichen und nehme die Handvoll Stechmücken, die sich an mir gütlich tut, mit stoischer Ruhe zur Kenntnis.
Mein Opfer. Gleich.
Niemand fliegt während der Jagd. Es wäre unglaublich dumm und leichtsinnig, über die Wipfel der Bäume zu steigen. Nirgends Deckung, aber das entblößende Mondlicht, das alles aus dem Schatten zerrt. Überdies ist es so gut wie unmöglich, in dem Rauschzustand das Fliegen im Griff zu behalten.
Es ist schon mit angespannten Sinnen schwer genug, im Sturzflug zwischen die Bäume zu tauchen, ohne Krach zu verursachen oder sich dabei zu verletzen. Die Jagd reduziert uns auf simple Kreaturen und so tragen wir außer einem Waffengurt keinerlei Bekleidung. Reinheit, pures Dasein um der Existenz willen.
Der Gurt ist breit genug, um die Intimbereiche zu bedecken – Ablenkung wäre tödlich.
Zu meiner linken Seite raschelt es sachte und ich erstarre. Laufe ich in einen Hinterhalt? Habe ich einen Köder vor mir und bin selbst der Gejagte? Jetzt schon? Dafür ist es zu früh.
Oder habe ich die Zeit übersehen?
Ein erneutes Rascheln und ich atme innerlich auf. Tic-Sana-Jae signalisiert ihre Bereitschaft und gibt mir Deckung. Ich war abgelenkt. Dumm. Aber gut, wunderbar zu wissen, welch perfekt eingespieltes Team wir sind. Ich hoffe, dieser hervorragende Paarlauf ist übertragbar auf das Nachspiel.
Ich bin aufgeregt.
Mühsam unterdrücke ich einen nervösen Flügelschlag.

07
Unsere Verwandten auf dem Mond entdeckten, dass die Weiten des Alls zu ihnen kamen. Anfangs war da kaum mehr als die Ahnung von Bewegung, wo keine sein durfte. Beim Näherkommen glaubte man zuerst, einen wandernden Planeten zu beobachten. Anschließend hielt man es für einen Schwarm Asteroiden und nach einer kleinen Ewigkeit voller Rätsel entpuppte sich das Objekt als Gruppe Raumfahrzeuge.
Ein halbes Dutzend Schiffe, jedes einzelne davon groß wie der Mond und in seiner Gestalt einzigartig. Zerklüftete Oberflächen mit unzähligen Erhebungen, Vertiefungen, Kanälen, Krater, Bögen, Türmen, Vorsprüngen und flachen Ebenen strukturierten diese Schiffe.
Sie beeindruckten und beunruhigten unsere Verwandten außerordentlich und man schickte den Besuchern hoffnungsvoll eine kleine Fähre zur Begrüßung entgegen, die kaum für den Flug außerhalb der Atmosphäre geeignet war. Mit einer Beiläufigkeit, die schon ignorant zu nennen ist, wurde das Gefährt pulverisiert. Anschließend vergingen die auf die Flotte gerichteten Kommunikationssatelliten.
Diese unzweifelhaft destruktive Begegnung versetzte unsere Vorfahren auf dem Mond in Panik. Sie hatten rein gar nichts, um der überwältigenden Übermacht auch nur einen Hauch nennenswerten Widerstand entgegenzusetzen. Ein einzelner derartiger Behemoth reichte, um sie ohne Aufwand außer Gefecht zu setzen.
Und dann sprach eine Stimme zu ihnen.

08
Eine innere Stimme flüstert mir einen Hinweis und ich ergreife die Chance. Ich springe mit einer schnellen Bewegung auf, stoße das Buschmesser Richtung Ziel und mache einen Ausfallschritt nach vorn. Im letzten Augenblick hört mich das Opfer und dreht sich überraschend geschickt unter dem Hieb durch.
Ich bin verblüfft, schlage ungezielt hinterher. Für jemanden, der nicht Jäger, sondern Gejagter ist, war das eben eine erstaunliche Reaktion. Meine innere Stimme hat mich zu früh starten lassen.
Das ist ärgerlich aber kein Drama. Vielleicht sogar von Vorteil.
Jetzt kann ich mich richtig austoben. Ich fürchte, die Beute wird nicht glücklich darüber sein, was ich ihr anzutun gedenke. Sie wird ihre Glieder Stück für Stück verlieren.
Aber mein Opfer ist offenbar nicht gewillt, sich wehrlos niedermachen zu lassen. Stattdessen geht es zum Gegenangriff über und attackiert mich. Das ist etwas Neues.
Interessant.
Wir geraten in ein Handgemenge, die Beute ist tapfer. Sie setzt sich ordentlich zur Wehr, macht ihren Tod zu einer wahren Herausforderung. So viel Mut für einen Gejagten will geachtet sein. Ich werde ihm ein schnelles Sterben gewähren, der Kampf ist das pure Vergnügen.
Natürlich hat meine Beute keine Chance, aber sie ist hartnäckig. Dies ist die Nacht der Nächte, die letzte Möglichkeit. Die Zeit wird knapp, es ist noch viel zu tun. Töten und paaren. Ich beschließe, dem Drama ein Ende zu bereiten. Kurzerhand blocke ich den Gegenschlag ab, bringe wieder mein Buschmesser zum Einsatz und schlage mit einer wuchtigen Drehbewegung aus dem Oberkörper zu.
Der Kopf wird durch die Luft gewirbelt und fällt ins Dickicht. Der Körper sackt zusammen. Ich triumphiere.
Ein heftiger Hieb trifft mich im Rücken. Überrascht stolpere ich vorwärts, halte mich an einem Zweig fest. Seltsam, der Schlag bereitet unglaubliche Schmerzen im Unterleib und als ich an mir herabblicke, kann ich die Spitze des Speers sehen, der aus meinem Bauch ragt.
Das ist verwirrend.
Was ist denn jetzt passiert?
Ich drehe mich langsam um, vorsichtig, das verdammte Ding schmerz mörderisch.
Tic-Sana-Jae steht hinter mir. Sie starrt mir aus weit aufgerissenen Augen entgegen. Sie hechelt mit halb geöffnetem Mund. Sie befindet sich in einem ekstatischen Zustand und erlebt einen Orgasmus.
Der verdammte Mond hat mich abgelenkt. Ich habe übersehen, dass es so weit ist. Der Höhepunkt der Jagd ist die Tötung eines Jägers. Es gibt keinen anderen Weg zur Befriedigung. Die Paarung findet danach statt. Weshalb das so ist, weiß niemand, es widerspricht der Vernunft und der Erhaltung der eigenen Art.
Aber es ist so. Wir müssen dem Zwang Folge leisten.
Ich habe den Zeitpunkt übersehen.
Welch dummer Fehler.
Meine Knie geben nach, die letzte Kraft strömt aus dem Körper in den Untergrund. Die Jagd ist anstrengend und jetzt, wo ich nicht mehr weiterkann und ausscheide, spüre ich erst, wie ausgelaugt ich bin.
Hinsetzen erscheint mir als vernünftige Idee. Wenn dieser verdammte Speer nicht so hinderlich wäre.
Aber Tic-Sana-Jae tritt hinter mich und zieht die Waffe aus meinem Leib. Dann gibt sie mir einen sanften Kuss auf den Hinterkopf.
»Pez-Cuta-Zen«, flüstert sie liebevoll.
In dem Wort schwingt alles mit, was ich mir für diese Nacht erwartet habe.
Ich lege mich auf die Erde, ihre Kühle lindert die Schmerzen. Verschnaufen erscheint mir als gute Idee. Ich blicke aufwärts, sehe den Mond, der in glühendem Rot erstrahlt. Trotz der misslichen Lage lächle ich. Sicher, Tic-Sana-Jae hat mich erwischt, aber sie kommt genauso dran wie der Rest meines Volkes.
Alle.
Ohne Ausnahme.
Das weiß ich.
Die Stimme hat mich wissen lassen, dass wir alle der unvorstellbaren Flotte in die Quere gekommen sind. Es ist ein unglückliches Zusammentreffen jenseits aller Wahrscheinlichkeit, aber es ist geschehen.
Die Streitmacht weicht nicht aus, sie räumt Planeten und Monde aus dem Weg, benutzt ihre Überreste zur eigenen Versorgung. Das ist vernünftig und effektiv, ich verstehe es.
Darum ist die Situation so komisch.
Ich lächle, während ich zwischen den Bäumen hochblicke.
Es ist soweit. Wir haben es nicht gemerkt. Uns fehlt es an der technischen Ausrüstung und wir waren abgelenkt von der Jagd. Aber da sind viele Monde am Himmel.
»Was ist?«, fragt Tic-Sana-Jae und ich schüttle den Kopf und deute aufwärts. Sie blickt hoch.
Der Mond birst auseinander. Lautlos, majestätisch.
Sie stößt einen schrillen Schrei aus. Ringsum ertönen die Echos des Entsetzens. Jetzt sehen sie, jetzt begreifen sie. Lachen schmerz. Oh, ist das komisch.
Einzig schade finde ich, dass ich nicht mehr mit Tic-Sana-Jae kopulieren werde. Nun, vielleicht kann ich sie zu einem letzten Akt überreden. Wenn es nicht so weh täte. Das verdammte Loch im Unterleib.
Die Urwelt meines Volkes vergeht in einer unvorstellbaren Explosion und zerbirst in unzählige Teile. Die überwältigende Mehrzahl der Trümmer bewegt sich auf uns zu. Der Anblick ist ehrfurchtgebietend.
Wir haben uns zurückentwickelte, vermissen jeglichen Fortschritt. Aber selbst mir ist klar, dass es vor dem, was da kommt, kein Entkommen gibt. Bleibt die Welt bestehen, ist sie eine tote, lebensfeindliche Kugel aus glühendem Stein. Zerbirst sie, wird sie zum Teil des herannahenden Schwarms und geht auf eine Reise ins Unbekannte.
Tic-Sana-Jae hat meine Gedanken gelesen. Sie hockt sich über mich, starrt mich dabei mit einem Blick an, in dem sich Panik und Lust gegenseitig befeuern.
Ich reagiere darauf.
»Du hast es gewusst.« Keine Frage.
»Ja.«
Es tut weh.
Es ist der Höhepunkt meines Lebens.
Es wird nicht mehr lang dauern.
Es ist wunderschön.
Es ist …

 


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Der vorliegende Text ist durch (c) copyright geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Der Text darf in keiner Weise übernommen, verändert oder umgeschrieben werden. Alleiniger Inhaber sämtlicher Rechte an diesem Text ist der unter dem Namen “John Aysa” publizierende Autor.


Der Beitrag [LESESTOFF]: Komplette Story: Mond i.d. Tiefe erschien am 09.08.2018 auf JohnAysa.net


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